„Jetzt ist es zu spät!“
Erweiterte Beobachtungen im Supermarkt oder die ganz alltägliche Hölle
Der wöchentliche Einkauf im örtlichen Bio-Markt - dort ist riesiges Geschrei. Richtung Kasse sehe ich dessen Ursprung. Ein kleiner Junge hadert lautstark mit seiner Mutter; seine Worte sind nicht zu verstehen, selten mal ein Fetzen wie „Hunger“ oder „ich will selber“ oder „warum nicht“. Die Mutter schreit ihr Unverständnis zurück – kein Zug von Regung in ihrem Gesicht, eher Unberührtheit, gespielt oder echt ist nicht zu sagen.
Es zieht sich lange hin – das Kind will nicht zur Kasse raus. Es hat ja schließlich ein unerledigtes Geschäft im Laden, dessen Erledigung es einfordert. Die Leute unterhalten sich über das, wieder mal, „unmögliche Kind“. Nach der Kasse: ein ruhiger Moment. Das Kind schluckt mehrmals und sagt ganz klar „und wenn ich mich jetzt beruhige, darf ich das dann?“ Die Mutter: „Jetzt ist es zu spät“, nochmals dasselbe, „Jetzt ist es zu spät“.
Sie geht raus, das Kind beginnt erneut fürchterlich zu schreien und zu weinen und zu argumentieren. Sie werden noch eine Weile von draußen gehört. Manchmal mag einem das Herz brechen von solchen Szenen und der Ohnmacht, zulassen zu müssen, dass wieder mal aus Prinzipientreue an Banalitäten solche Verletzungen geschehen.
Vermutlich wollte der kleine Junge einfach für sich selbst etwas aussuchen, was er gesehen hatte und seine geliebte Mutter verweigerte es ihm aus uneinsehbaren Gründen, das war tatsächlich „unfassbar“ für ihn, zum Schreien! Dann antwortete sie auch noch auf sein Anrufen hin, (das aus Verzweiflung zum Geschrei geworden war): „Ich verstehe dich nicht“. In seinem Innersten wusste er, dass das nicht stimmte. Das ist etwas ganz und gar Unfassliches für ein Kind, was sich uns Erwachsenen doch bedingungslos öffnet und dann erfahren muss: es ist ausgeliefert und die Antwort von der anderen Seite kommt gar nicht mit derselben Sprache, nämlich Liebe. Wirklich Grund genug zu weinen!
Ein Kind "weiß alles"
Immer wieder hört man von Erwachsenen: „Ist doch nur ein Kind...“, und es wird angenommen, dass Kinder noch nicht viel wissen und verstehen können. Aber ein Kind „weiß alles“- auf eine energetische, vorsprachliche Art. Es ist reine awareness (Bewusstheit), ohne dass es das Wahrgenommene in die für uns üblichen Formen stecken kann. Auch hat es keine Macht wie seine Eltern. Sehr einfühlsam beschreibt Daniel Stern die Seinsweise eines Kleinkindes!
Das Kind lebt auch in anderen Raum-Zeit-Verhältnissen als wir: was für uns klein ist, ist für das Kind groß, was für uns nicht so wichtig ist, kann für das Kind enorme Bedeutung haben. Es ist für ein organisches Aufwachsen sinnvoll, das eigene Bedeutungsgefüge des Kindes anzuerkennen und zu achten und ihm auch zu erlauben, seine eigenen Bezüge zur Welt herzustellen. Dazu gehört auch, dass es etwas wollen darf und dies respektiert wird und auch, dass eine Lösungsweise für konflikthaltige Situationen gefunden wird, die den Wunsch des Kindes nicht einfach als unsinnig übergeht oder überhört.
Was denkt der Beobachter?
Ich bin ein Fan von einem, der vor langer Zeit die alltägliche Praxis der Liebe vermittelt hat. Er hat gelehrt, dass wir unsere Entwicklung auf unsere höchsten Möglichkeiten hin orientieren sollen (seid vollkommen, wie das Schöpfungsprinzip selbst...), und er empfahl, dass wir uns dorthin wenden sollten, auch in unseren Lebensbelangen: bittet und euch wird gegeben werden (heutzutage heißt das „Bestellung beim Universum“). Es gibt eine Güte im Universum, die antworten muss, wenn wir sie anrufen, weil das ihr Wesen ist.
Für Kinder repräsentieren Eltern diese „göttliche“ Macht. Es ist für sie nicht fassbar, wenn von dort Eiseskälte und Härte zurückkommt, haben sie sich doch mit ihrem kindlichen Vertrauen bittend oder wünschend geäußert. Das sollten Eltern bedenken – das ist eine große Verantwortung. Selbst der Dalai Lama berichtet, dass er die Barmherzigkeit erst von seiner leiblichen Mutter erfahren hat, und ihn diese Erfahrung lebenslänglich nährt. Das kann auch heißen: „Ja ich höre, du willst das Mountainbike, ich habe aber gerade nicht das Geld, bedaure.“
Die Lehre jenes Mannes war nicht sonderlich erwünscht (von den – auch religiösen – Machthabern). Er wurde dann irgendwann auch angenagelt, damit er nicht weiter lehren konnte. Heute sieht man diese Szene künstlerisch dargestellt an vielen Orten. Kinder fragen immer wieder, warum „der da“ hängt. Es sieht so aus, als fände sich jeden Tag wieder einer, der ihn da annagelt.
Extreme Gedanken ...?
Wilhelm Reich, der große Freund von Neill und ein Wegbereiter der Gestalttherapie sprach von „Christusmord“, weil wir Christus in uns (jenen Wesensanteil mit kosmischer Dimension) ersticken - und uns so nicht wirklich leben lassen.
Maria Montessori kam zu der Aussage, dass mit jedem Kind Christus geboren wird - um die ungeheuerliche Dimension, die jedes Kind verkörpert, mit einer Form zu beschreiben. Jedes Nein das nicht wirklich nötig ist, jedes Überhören und Übersehen wirft Schatten auf die sich bildende psychologische Struktur des Kindes, und wenn das wiederholt geschieht, praktisch chronisch geworden ist, bilden sich harte, dunkle Stellen im Herzen-Seele-Feld des Kindes (in der Energiearbeit „Energieknoten“ genannt) - innerlich entsteht Resignation bis Verzweiflung. Später werden solche verfestigten „Kälteinseln“ Quellen für Krankheiten und unverstehbare bis gewalttätige Handlungen.
Mancher Schmerz lässt sich nicht vermeiden. Aber oft ist doch mehr möglich als wir zunächst denken und sagen. Oftmals ist in der hintersten Falte unseres inneren Gewandes doch noch Energie oder auch zwei Euro, die verschenkt werden können. Jener Meister hat auch das gezeigt: Er hat mit fünf Broten Hunderte genährt und demonstriert – es geht!
Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe: Heft Januar 2008


