Aspekte des Spiels
Die Grenzen des Bekannten überschreiten
Bekanntes erfahren, bedeutet immer auch sich innerhalb von Grenzen zu bewegen. Grenzen, die unser Verhalten bestimmen, die bestimmen, wie wir lernen, was wir lernen und wie wir etwas tun. Statt sich innerhalb der Grenzen aufzuhalten, können wir diese im Spiel überschreiten. Denn Spiel ist zutiefst transzendent und öffnet die Pforte zu Unbekanntem.
© Gitti Woithon
Im Sport spielen wir mit unseren körperlichen Grenzen – das Brechen von Rekorden ist ein klassisches Beispiel hierfür. Der Feuerlauf ist ein weiteres. In unseren zwischenmenschlichen Beziehungen, in der Beziehung zu Tieren oder zur Natur spielen wir mit unseren emotionalen Grenzen. In jedem Fall spielen wir voller „Geist“, unserer wahren Natur.
Bohm vertrat die Ansicht, dass Spiel die Essenz allen Denkens ist, und manchen mystischen Auffassungen zufolge ist das Universum ein „Spiel des Bewusstseins“. Zu spielen bedeutet, wieder Kind zu werden. Es ist dieser Aspekt des Kindseins, der Aspekt des Spiels, zu dem wir zurückkehren müssen. Kinder sind näher an ihrer eigentlichen Natur, und diese Natur oder Essenz ist Spiel.
Spiel ist ehrlich
Das Geheimnis des Erfolgs auf dem Pfad einer geistigen Entwicklung, unserer persönlichen geistigen Reise, liegt in den besonderen Eigenschaften dieses Zustands, den wir Spiel nennen. Um wieder zu diesem Aspekt des Kindseins zurückkehren zu können, muss der Erwachsene allerdings erst wirklich Kind gewesen sein. Damit Kinder wirklich Kinder sein können, müssen wir ihnen ihre Kindheit zurückgeben, und das heißt nichts anderes, als dass wir ihnen wieder erlauben müssen, zu spielen. Es ist sowieso das, was sie am allerliebsten tun, weil es ihrer natürlichen Entwicklung entspricht. Spiel ist die Aktivität des Geistes; Spiel ist ehrlich. Und das macht es heilig.
Geborgen genug, um zu spielen
Optimale Lernbeziehungen bieten psychologische Sicherheit. Der Ausdruck bedingungslose Liebe beschreibt die vollständige psychologische Geborgenheit, das völlige Angenommensein und das Gefühl des Dazugehörens. Um andere bedingungslos lieben zu können, muss man sich selbst ebenso lieben. Leicht gesagt, aber meistens nicht so leicht getan. Ständig vergleichen und beurteilen wir uns, rechtfertigen uns und verteidigen uns oder andere. Die Zone, der Zustand des Flow, und echtes Spiel entstehen nur in den seltenen Augenblicken, wo wir uns geborgen genug fühlen, um zu spielen.
Der Modellimperativ impliziert, dass Erwachsene sich selbst sicher und geborgen fühlen müssen, damit sie ihren Kindern Sicherheit, einen sicheren Hafen bieten können. Wie finden wir, die wir in einer Wettbewerbsgesellschaft erzogen wurden, diese Sicherheit in uns selbst, die wir noch dazu auf unsere Kinder ausdehnen können?
Fragen zur weiteren Reflexion:
Sind die Anforderungen, die wir an unsere Kinder stellen, in irgendeiner Weise bedrohlich?
Wird eine von uns erhoffte, von unserem Kind nicht erbrachte Leistung oder ein unseren Erwartungen nicht entsprechendes Verhalten unserer Kinder von ihnen als persönliches Versagen interpretiert?
Sind Missbilligung, Ablehnung, Vertrauensverlust und ein verbeultes Selbstwertgefühl Teil des Preises, den unsere Kinder für ihr ‚Versagen’ bezahlen müssen?
Werden der eigene Wert und die Selbstachtung an der Leistung bemessen?
Ist Zustimmung oder Anerkennung durch andere integraler Bestandteil unseres Selbstwertgefühls?
Oder ist uns und unseren Kindern bewusst, dass Verhalten und Leistung eine Sache sind und unser grundlegender Charakter, unsere Essenz, unser Geist, unsere Seele, unser Wert als Mensch etwas ganz anderes?
Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:


