Dem Plan der Natur folgen

Wie wir Kinder in den ersten Lebensjahren begleiten können

Eltern sein ist nicht immer einfach. Es gibt so viele Möglichkeiten und natürlich wollen wir nur das Beste für unsere Kleinen. Dann fühlen wir uns schnell überfordert und wissen nicht woran wir uns orientieren können. William Crain schlägt vor, sich nicht von unterschiedlichen Ansätzen und Theorien verrückt machen zu lassen, sondern auf den Entwicklungsplan der Natur zu vertrauen. Denn eigentlich wissen unsere Kinder intuitiv ganz gut was sie brauchen um sich optimal zu entfalten.

Mädchen Strand verträumt Natur Freiheit & Grenzen

Die Eltern von heute stehen vielen Ungewissheiten gegenüber. Das ist in ganz besonderem Maße in den USA und anderen Ländern der Fall, die besonderen Wert auf Fortschritt und Veränderung legen. Anders als Eltern in stabileren und traditionelleren Gesellschaften haben Eltern in den USA nicht immer das Gefühl, dass sie sich an ihre eigenen Eltern und Großeltern wenden können, wenn sie einen Rat bei der Kindererziehung benötigen. Stattdessen suchen die heutigen Eltern neuere und bessere Möglichkeiten, suchen nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und Ansätzen. Die Experten sind sich jedoch nicht immer einig und Eltern werden leicht verwirrt und ängstlich. Wie lang sollte man ein Kind stillen? Sollte man nach Zeitplan füttern oder auf Nachfrage? Ist es gut, ein Baby schreien zu lassen? Sollte man einem Baby das Gehen beibringen? Sind Leselernkarten und Mozart-Videos für Babys sinnvoll? Die Antwort auf diese und noch unzählige andere Fragen ist komplex.

Was die Sache noch erschwert, ist, dass Eltern ständig an ihre enorme Verantwortung erinnert werden. Zeitschriften und Bücher sagen den Eltern, dass sie die ersten Lehrer ihrer Kinder seien und dass das, was sie tun, gewaltige Auswirkungen haben wird. Die Titel beliebter Bücher suggerieren, dass es die Aufgabe der Eltern ist, den Kindern alle wichtigen Basiskenntnisse beizubringen: „Lehren Sie Ihr Kind Denken“, „Lehren Sie Ihr Kind, Entscheidungen zu treffen“, „Lehren Sie Ihr Kind die Sprache des sozialen Erfolgs“, usw. So kann es leicht geschehen, dass Eltern glauben, dass ihre Kinder im Leben versagen werden, wenn sie als Eltern nicht alles richtig machen – und dass es dann ihre Schuld sein wird.

Die Unsicherheit und Ängstlichkeit der Eltern ist nichts Neues. Der berühmte Kleinkinderarzt Erik H. Erikson schrieb in den 40er und 50er Jahren über dieses Problem. Als meine Frau und ich unsere Kinder in den späten 60er Jahren großzogen, hatten wir ähnliche Ängste wie die Eltern von heute.
Unsere Unsicherheit macht uns das Leben schwer, sie wirkt sich jedoch auch auf die Kinder aus. Laut Erikson können bereits Babys unseren Grad an Entspannung spüren und sie müssen ein Gefühl der Ruhe in uns spüren, um Vertrauen in die Welt zu entwickeln und sie als einen sicheren Ort zu erleben. Erikson war der Meinung, dass Eltern durch den Glauben an etwas Höheres, wie z.B. eine Religion, an innerer Sicherheit gewinnen. Nicht alle Eltern jedoch sind tief religiös. Wie können Eltern zu der inneren Ruhe gelangen und das Vertrauen erwerben, was so wichtig ist?

Sich von der Natur leiten lassen

Meiner Meinung nach war jener, der diesbezüglich die besten Empfehlungen gab, der Kinderarzt Arnold Gesell. Gesell meinte, dass das Erste, das wir als Eltern anerkennen müssen, ist, dass die Entwicklung unseres Babys nicht wirklich in unserer Hand liegt. Kinder kommen mit einem inneren Entwicklungsplan zur Welt, der das Produkt einer mehrere Millionen Jahre dauernden biologischen Entwicklung ist. Sie sind außergewöhnlich „weise“, was ihre Bedürfnisse und die Frage betrifft, für was sie bereit sind oder nicht. Deswegen sollten wir uns einen kindzentrierten Ansatz zu eigen machen: Anstatt zu versuchen, das Kind in unsere eigenen vorbestimmten Muster zu zwingen, sollten wir die Hinweise des Kindes selbst lesen lernen. Wenn das Baby hungrig ist, sollten wir es füttern; wenn es spielen möchte, sollten wir mit ihm spielen; wenn es müde ist, sollten wir es schlafen lassen und nicht wecken, um es zu füttern. Babys folgen den Gesetzen der Natur, deswegen können wir ohne Sorge den Hinweisen des Babys folgen. Folglich gibt es da etwas, in das wir Vertrauen haben können – die Natur selbst.

Zu Beginn, wenn die Eltern noch auf die Geburt eines Babys warten, mag dieser Ansatz nur wie eine weitere Theorie erscheinen. Wenn Eltern jedoch einmal ihre Kleinkinder größer werden sehen, sind sie meist zutiefst beeindruckt von der absoluten Weisheit der inneren Leitung der Natur. Das war auch bei mir der Fall. Als ich unsere Kinder und auch die unserer Freunde beobachtete, sah ich, wie Babys sich spontan in Aktivitäten vertieften, die ich mir nie hätte ausdenken können, um sie den Babys beizubringen, wie z.B. vor- und zurückschaukeln einige Wochen bevor sie zu krabbeln begannen. Ich sah wie Babys Objekte mit gespannter und verzauberter Aufmerksamkeit untersuchten. Ich sah, dass Babys ihren eigenen Rhythmus für das Gefüttertwerden, Schlafen und Wachsein entwickelten, wenn die Eltern den Signalen und Bedürfnissen der Babys folgten. Ich verspürte demütige Befriedigung, das Werk der Natur zu beobachten.

Kinder besitzen ein inneres Bedürfnis sich neuen Aktivitäten zuzuwenden

Obwohl Gesell seine Hauptwerke bereits in den 40er und 50er Jahren veröffentlichte und auf romantische Art und Weise über die innere Führung durch die Natur schrieb, führte er auch einige der bis heute gründlichsten wissenschaftlichen Studien über die kindliche Entwicklung durch. In seinen fachspezifischeren Schriftstücken schrieb er von der Führung der Natur als biologische Reife. Reife ist eine innere, genetische Kraft, die die in Sequenzen unterteilte Entwicklung bestimmt. Im Mutterleib lenken die Gene das Wachstum in festgelegten Sequenzen und wir können diese auch nach der Geburt beobachten. Kinder beginnen, sich zu drehen, sich aufzusetzen, zu krabbeln, zu stehen und zu gehen – gemäß einem festgelegten Zeitplan. Wenn das kindliche Nervensystem unter der Leitung der Gene bis zu einem gewissen Punkt gewachsen ist, wird das Kind das innere Bedürfnis verspüren, sich mit einer neuen Aktivität zu beschäftigen.

Natürlich spielt die Umgebung eine Rolle. Entwicklungsforscher jedoch glauben, dass ihre Rolle in erster Linie eine unterstützende Funktion hat; sie garantiert, dass Kinder die Möglichkeiten haben, die sie benötigen, um ihre von innen kommenden Fähigkeiten zu perfektionieren.
Entwicklungsforscher sind der Meinung, dass zwar die Entwicklung immer spezifischen Sequenzen folgt, dass Kinder jedoch in unterschiedlichem Tempo vorangehen. Nicht alle Kinder setzen sich im selben Alter auf, krabbeln oder gehen. Reifetheoretiker glauben, dass auch die individuelle Wachstumsgeschwindigkeit größtenteils von den Genen bestimmt wird.

Jedes Kind besitzt sein eigenes Entwicklungstempo

Gesell initiierte das derzeitige Forschungsinteresse an der angeborenen Veranlagung. Er beobachtete, dass einige Kinder sich schnell entwickelten und aufgeweckt und wachsam sind, andere Kinder jedoch eine andere Veranlagung haben. Einige Kinder, die sich langsamer entwickeln, lieben es, sich Zeit zu lassen und über Dinge nachzudenken. Andere, die unregelmäßig wachsen, sind oft launenhaft und schwanken zwischen Desinteresse und Geistesblitzen.

Gesell betonte, dass jedes Kind ein einzigartiges, angeborenes Entwicklungstempo und Temperament hat und er forderte uns auf, die Individualität jedes Kindes zu respektieren.
Nicht alle kindzentrierten Theoretiker arbeiten mit dem Konzept der Reife. Insbesondere Jean Piaget war der Meinung, dass wir einen Großteil der intellektuellen Entwicklung ganz einfach mit der kindlichen Neugier erklären können. Kinder werden neugierig durch Aufgabenstellungen, die sie nicht auf gewöhnliche Weise lösen können. Indem sie an diesen Aufgaben arbeiten, können sie neue kognitive Strukturen aufbauen. Dieser Konstruktionsprozess wird nicht direkt von den Genen beherrscht. Piaget war jedoch mit den Reifetheoretikern einer Meinung, dass die kindliche Entwicklung von innen stammt. Sie stammt nicht von den Unterweisungen durch Erwachsene oder durch den Einfluss der Umwelt, sondern vom eigenen spontanen Interesse des Kindes und von den Bemühungen, neue Wege zu entwickeln, die Welt zu verstehen. Deswegen fordern uns auch die Anhänger Piagets auf, die Hinweise der Kinder lesen zu lernen. Wir helfen Kindern am meisten, wenn wir ihnen die Möglichkeit geben, an jenen Aufgabenstellungen zu arbeiten, die sie am interessantesten finden.

Heute ist die kindzentrierte Pädagogik am stärksten durch die Artikel von Mary Ainsworth und anderen Bindungstheoretikern bekannt. Wie Gesell sind die Bindungstheoretiker der Meinung, dass Kinder, biologisch gesehen, vorbereitet sind, uns zu jenen Erfahrungen zu führen, die sie benötigen. Wenn wir auf ihre Signale und Zeichen reagieren, entwickeln sie eine gesunde und sichere Bindung an uns. Sie genießen es, mit uns zu sein, und sie nützen uns auch als sichere Heimatbasis von der aus sie losziehen können, um ihre Welt zu erforschen.

Führt der kindzentrierte Ansatz dazu, dass Kinder „verwöhnt“ werden?

Die kindzentrierte Pädagogik erscheint vielen zu freizügig. Viele haben das Gefühl, dass ein Kind verwöhnt wird und alles bestimmen darf, wenn wir immer auf die Hinweise der Kindern achten. Dennoch haben die Studien, zumindest was die kindzentrierte Theorie betrifft, diesen Ansatz unterstützt. In einer klassischen Studie, sind Sylvia Bell und Mary Ainsworth der Frage nachgegangen, was passiert, wenn Mütter schnell und zuverlässig auf das Weinen ihres Babys reagieren (anstatt ihren eigenen Vorstellungen zu folgen, wann es angebracht ist, zu weinen). Das klare Ergebnis war, dass das rasche Reagieren das Baby nicht verwöhnt. Im Gegenteil weinten diese Babys im Alter von einem Jahr, im Vergleich zu Babys von Eltern, die weniger auf sie reagierten, weniger und waren unabhängiger. Sie genossen es, gehalten zu werden. Wenn ihre Mutter sie jedoch wieder auf den Boden setzte, weinten sie nicht und protestierten auch nicht, sondern begannen, die Umgebung zu erforschen. Sie versicherten sich wohl von Zeit zu Zeit, ob die Mutter noch da ist, wie es für dieses Alter normal ist, sie waren jedoch grundsätzlich ziemlich selbständig. Es ist offensichtlich, dass Babys das Vertrauen gewinnen, dass sie immer Hilfe bekommen, wenn sie sie benötigen, entspannt sein können und losziehen können, um selbst ihre Umgebung zu erforschen, wenn ihre Signale beachtet werden.

Andere Studien haben diese Ergebnisse unterstützt, besonders was das Weinen und andere Signale der Babys betrifft (z.B. ihre Ärmchen in die Höhe halten, um aufgenommen zu werden oder Grußgesten). Wenn Eltern beständig und einfühlsam auf die Signale des Babys reagieren, entwickeln Babys Gefühle des Vertrauens in die elterliche Fürsorge. Dieses Vertrauen macht sie frei, um mit beachtlicher Selbstständigkeit in die Welt zu ziehen.

Grenzen setzten muss nicht immer Verbot bedeuten

Natürlich kann das Verhalten von Babys, besonders wenn sie älter sowie immer mobiler und aktiver werden, außer Kontrolle geraten. Sie machen Dinge, die für sie gefährlich sind, andere verletzen oder anderen gegenüber respektlos sind. Der kindzentrierte Ansatz spricht sich nicht für völlige Nachsicht aus. Wir dürfen einem zweijährigen Kind nicht erlauben, die Wände zu bekritzeln, weil es gerade seine inneren künstlerischen Bedürfnisse entwickelt.

Es ist oft recht einfach, Grenzen zu setzen und den Kindern dennoch zu erlauben, ihre natürlich erwachenden Fähigkeiten zu entwickeln. Es ist einfach zu sagen: „Wände sind nicht zum Malen da, sondern Papier. Da hast du Papier.“ Manchmal jedoch ist eine solche Lösung nicht so offensichtlich. Im Allgemeinen erscheint es sinnvoll, zwischen moralischem und intellektuellem Verhalten zu unterscheiden. Es ist angemessen, Grenzen zu setzen, was den moralischen Regelverstoß betrifft – also Verhalten, das andere verletzt oder anderen gegenüber respektlos ist. Wir wollen jedoch nicht den intellektuellen Erforschungen des Kindes Grenzen setzen.

Wenn es um die intellektuellen Erforschungen des Kindes geht, vertraut der kindzentrierte Ansatz dem eigenen Gefühl des Kindes, was wichtig ist. Auf einem gewissen Niveau wissen Kinder, was sie sich aneignen müssen, um zu wachsen. Wie Ralph Waldo Emerson sagte: „Es steht uns nicht zu, zu entscheiden, was das Kind wissen sollte und was es tun sollte. Es ist bereits entschieden und vorherbestimmt und nur das Kind selbst hat den Schlüssel zu seinem eigenen Geheimnis.“ Deswegen beobachten die Eltern die spontanen Interessen der Kinder und geben ihnen die Möglichkeiten, ihnen nachzugehen.

Erwachsene sehen die Welt anders als Kinder es tun

Manchmal stehen die Interessen der Kinder sehr im Widerspruch zu jenen der Erwachsenen. Z.B. wollen Erwachsene immer mehr, dass ihre Kleinkinder, sogar bereits mit einem oder zwei Jahren, Zahlen, Buchstaben und andere Fertigkeiten erlernen, die für ihre schulische Zukunft relevant sind. Kleinkinder haben jedoch eine Vorliebe für andere Aktivitäten -– wie laufen, klettern, springen, zeichnen, mit Wasser spielen, die Natur erforschen und Rollenspiele. Die Begeisterung der Kleinkinder für solche Aktivitäten kommt von innen; diese Aktivitäten scheinen die Kinder zu unterstützen, sich zu entwickeln.

Sogar was die Freizeit betrifft, haben Kinder ihre eigenen Interessen. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mit unserer Tochter, die damals drei Jahre alt war, in den Zoo in Bronx ging. Ich war mir sicher, dass sie die großartigen Vorführungen der Großtiere sehen wollte. Wir hatten uns gerade auf den langen Weg zum Zoo gemacht, als sie einen Wurm bemerkte. Sie hielt an und beobachtete ihn völlig vertieft eine ganze viertel Stunde lang. Sie entschloss sich schließlich, weiterzugehen, war jedoch erst wenige Schritte gegangen, als eine lange Kette ihre Aufmerksamkeit erregte, die die Seiten des Weges absperrte, und sie schaukelte auf ihr weitere zehn Minuten lang. Alles in allem war über eine Stunde vergangen, bis wir zu den Tieren kamen, und ich war überrascht, dass ihr Interesse daran nur bescheiden war. Sie schienen ihr zu fern zu sein; sie war vielmehr an solchen Dingen interessiert – wie Eichhörnchen oder einer Feder – die ganz nahe bei ihr lagen. Gary Nabhan hat etwas Ähnliches von der Natur berichtet. Während Erwachsene den Ausblick auf die Natur und das Panorama genießen, interessieren sich Kleinkinder für die Objekte und die Tierwelt direkt vor ihnen – einen Pinienzapfen, eine Blume, eine Ameise. Sie möchten mehr über kleine Objekte und Details erfahren.

Lassen wir unsere Kinder ihre eigenen Entdeckungen machen

Die kindzentrierte Pädagogik verlangt von uns nicht nur, dass wir das Interesse des Kindes respektieren, sondern dass wir ihm erlauben, seine eigenen Entdeckungen zu machen. Häufig sind wir vorschnell, Kindern etwas zu erklären oder ihnen Anweisungen zu geben. Wenn wir z.B. mit einem Kind spazieren gehen und das Kind anhält, um etwas Interessantes zu untersuchen, wie z.B. eine Blume oder einen Hund, geben wir Erwachsenen oft eine Bezeichnung und erklären, dass es etwas ähnelt, was das Kind bereits kennt. Das Kind jedoch möchte es selbst untersuchen. Ähnlich ist es, wenn Kinder zu zeichnen beginnen. Dann versuchen Erwachsene oft, ihre Zeichnungen zu verbessern. Dieses Verhalten von Erwachsenen ist in diesem Fall äußerst unangebracht, da kleine Kinder für gewöhnlich ihre Zeichentalente in erstaunlicher Weise selbst entwickeln – ohne die Einmischung von Erwachsenen.

In meinem Buch "Lernen für die Welt von morgen" habe ich dieses Thema im Detail besprochen, jetzt möchte ich nur so viel dazu sagen, dass es am besten ist, wenn Eltern den Kindern unter acht Jahren Materialien und Zeit zum Zeichnen zur Verfügung stellen, sich dann zurücknehmen und sie selbst arbeiten lassen.

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

Der Artikel stammt aus dem Buch "Lernen für die Welt von morgen" von William Crain.

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