"Du bist blöd!" – "Nein, du bist blöd!"

Beleidigungen unter Geschwistern – Fragen an Naomi

Wenn Geschwister einander beschimpfen oder gar schlagen, wissen wir oft nicht wie wir uns am Besten verhalten sollen. Wir sind geneigt zu erklären, dass Beileidigungen dem anderen weh tun und, dass man so nicht miteinander kommuniziert. Doch oft verschärft das den Konflikt zusätzlich.
Was gibt es ansonsten für Möglichkeiten mit den Streitigkeiten unserer Kinder umzugehen?

"Selber blöd..."

Frage:

Meine Tochter sagt zu ihrem Bruder, er sei dumm, und er fühlt sich dadurch verletzt. Er verletzt sie dann auch. Ich habe alles versucht, doch sie hören einfach nicht auf damit. Wie kann ich den Kindern beibringen, dass sie aufhören, sich gegenseitig zu verletzen und anständig miteinander sprechen?

Antwort:

Wenn Sie Ihrem Kind sagen, dass seine Worte ein anderes Kind verletzen, lernt es, dass es sich verletzt fühlt, wenn jemand solche Worte zu ihm sagt.
Darüber hinaus übernimmt Ihr Kind noch weitere wenig hilfreiche Vorstellungen, wie z.B.: Du sollst perfekt sein. Es macht dir was aus, wenn jemand dich auf deine Fehler aufmerksam macht. Du musst dich verteidigen. Tu so, als wärst du fehlerlos. Die Wahrheit tut weh. Du bist abhängig davon, was andere sagen. Mit Worten kann ich andere bestrafen. Ich habe Macht über andere. Andere haben Macht über mich. Ich bin verantwortlich für die Gefühle anderer.

Solche Sätze schwächen unser Selbstwertgefühl und wir werden abhängig davon, was andere über uns denken und müssen uns verteidigen. Dies ist immer schmerzlich. Wenn wir möchten, dass unsere Kinder sich zu freundlichen Menschen entwickeln, darf dies nicht dazu führen, emotional abhängige Erwachsene heranzuziehen.

Menschen mit einer starken Persönlichkeit zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihren Sinn für Werte und ihre Vertrauensfähigkeit aus ihrem Innersten schöpfen und sich nicht durch die Ansichten anderer erschüttern lassen. Solche Menschen sind weitaus freundlicher und fürsorglicher, da sie nicht ihr Ego stärken müssen. Sie sind sich ihres eigenen Wertes sicher und können so die Gefühle und Bedürfnisse anderer voll und ganz wahrnehmen und sich um sie kümmern.

Demütigungen sind Ausdruck von Unsicherheit und Selbstzweifeln

Vielleicht sagen sie: „Ja, aber muss das Kind nicht jetzt schon auf eine anständige Ausdrucksweise achten?“ Musste Ihre Tochter denn gleich nach der Geburt laufen können, oder musste sie aufhören an der Brust zu trinken, bevor sie von selbst damit aufhörte? Sie wird unseren Sprachgebrauch nicht dadurch erlernen, dass Sie ihr vorschreiben, was sie sagen soll, oder ihr zu verstehen geben, dass ihre Worte Macht über andere haben können, sondern allein dadurch, dass sie Freundlichkeit erfährt und mit sich selbst in Frieden ist. Wenn ich mich nicht verteidigen muss, habe ich auch keinen Grund, andere zu verletzen.

In unserer Idealvorstellung findet unser Kind sich selbst so „toll“, dass es nicht das Bedürfnis hat, sein Selbstwertgefühl dadurch zu erhöhen, dass es andere erniedrigt. In der Realität sieht es oft anders aus, da wir unseren Kindern bereits beigebracht haben, dass bestimmte Wörter verletzen: damit haben wir selbst zu diesen Selbstzweifeln beigetragen.

Das geschieht z. B. durch folgende Bemerkungen: „Ich fühle mich...“ – „Du hast meine Gefühle verletzt.“ – „Habe ich deine Gefühle verletzt?“ – „Sie hat mich wütend gemacht.“ Solche Sätze beinhalten stillschweigend: meine Gefühle sind abhängig von anderen und von Umständen außerhalb meiner selbst. Das Kind lernt, dass seine Gefühle wie Blätter im Wind sind, die von den Gedanken und Worten anderer herumgewirbelt werden.

Zuhören ohne Partei zu ergreifen oder zu urteilen

Helfen Sie Ihren Kindern, ihre eigenen inneren Werte zu erkennen, und achten Sie darauf, dass Sie für Ihre eigenen Gefühle selbst die Verantwortung übernehmen.
Sie müssen nicht unbedingt direkt etwas zu der Auseinandersetzung Ihrer Kinder sagen; wenn Sie jedoch eingreifen, wenden Sie sich dem Kind zu, das die Beleidigungen ausgesprochen hat. Sie können z.B. Folgendes sagen: „Ich sehe, dass du ein Urteil über deinen Bruder hast. Möchtest du mir mehr darüber sagen?“

Sie können zunächst Ihrer Tochter zuhören und dann Ihrem Sohn, ohne Partei zu ergreifen oder zu urteilen. Dies ist der Weg wie Sie für Freundlichkeit und echte Begegnung sorgen können. Anstatt festzustellen, wer etwas „Falsches“ gesagt hat und den Kindern beizubringen, emotional davon anhängig zu sein, bemühen Sie sich um echtes Zuhören und echten Kontakt.

Ein Kind, das lernt, dass es fehlerlos sein muss, damit es geliebt wird, wird sich dagegen wehren, dass seine Schwäche aufgedeckt wird (selbst wenn es „nett“ gesagt wird). Sie können Ihren Kindern helfen, die Wahrheit anzunehmen, indem Sie sie bedingungslos lieben in Momenten, in denen sie nicht freundlich sind. Ihre Kinder tun immer ihr Bestes.

„Sie hat gesagt, ich bin dumm“

In meinem Buch Von der Erziehung zur Einfühlung finden Sie ein Beispiel dafür, wie Sie einem Kind helfen können zu verstehen, dass das, was andere sagen, keinen Einfluss darauf haben, wer es wirklich ist:

Wenn sich Ihr Kind beklagt: „Sie hat gesagt, ich bin dumm“, können Sie fragen: „Bist du denn dumm?“ Das Kind wird feststellen, dass Worte keinen Einfluss auf seine Klugheit haben. Und vielleicht erzählt Ihnen Ihr Kind, dass es etwas Dummes getan hat und stellt dann fest, dass die Wahrheit seinen Wert nicht mindern kann.

Achten Sie besonders auf Ihre eigene Vorbildfunktion. Leben Sie Selbst-Wertschätzung vor und Ihre Kinder werden leichter ihren eigenen Wert erkennen. Zeigen Sie Mitgefühl gegenüber jemandem, der Sie beschimpft und Ihre Kinder werden sich zu kraftvollen und fürsorglichen Menschen entwickeln. Seien Sie ehrlich, was Ihre eigenen Fehler angeht und Ihre Kinder werden es nicht nötig haben, sich zu verteidigen. Anstatt die Worte zu verurteilen, die Ihr Kind verwendet, sollten Sie eher das, was es zu Ihnen sagt, wertschätzen. Oder zeigen Sie Verständnis für seine Verwirrung und reagieren Sie mit einfühlsamen Worten darauf.

Und vor allem: Lieben Sie Ihre Kinder und erwarten Sie nicht von ihnen, dass sie sich meistern, bevor Sie sich selbst meistern.

Eine Situation – zwei Lösungswege

Ein Vater erzählte mir, dass seine beiden Söhne sich um ein Spielzeugauto stritten. Der ältere von beiden hielt das Auto in seiner Hand, der Jüngere rannte hinter ihm her und schrie: „Du bist gemein!“. Der Vater versuchte zu erklären, dass es ungezogen und verletzend sei, wenn man zu jemandem sagt, er sei „gemein“.

Daraufhin war der ältere Junge erst recht davon überzeugt, dass er recht hatte und begann zu schlagen. Er versuchte zu erklären, warum er glaubte, dass er richtig gehandelt hatte... und verstrickte sich immer tiefer in seinen Schmerz, seine Ablehnung und seine Hilflosigkeit. Wie friedvoll könnte der Vorfall verlaufen, wenn er, anstatt sich verletzt zu fühlen und Angst davor zu haben, man könnte ihm einen Fehler nachweisen, einfach seinem jüngeren Bruder zuhören könnte.

Die Wahrheit befreit

Hier ist eine ähnliche Szene, dieses Mal benutzte derselbe Vater jedoch die SALVE-Formel aus meinem Buch mit Betonung auf E (Ermutigen):

„Er hat gesagt, ich bin gemein“, sagte der ältere Junge und schlug nach seinem Bruder.
Der Vater verhinderte den Schlag, indem er die Hand des älteren Jungen sanft aber bestimmt festhielt, und sagte zu ihm: „Glaubst du denn, dass du gemein bist?“
„Nein, das bin ich nicht.“
„Ich weiß. Ich bin froh, das du es auch weißt.“
„Ich war aber dran“, sagte der Jüngere.
„Nein, ich war noch nicht fertig...“
Der Vater überlegte einen Moment: „Jeder von euch dachte also, er wäre dran.“
„Ich will nicht, dass er sagt, ich bin ‚gemein’.“
Der Vater sagte: „Ich bin manchmal gemein. Erinnert ihr euch, als ich vor ein paar Tagen mit euch schimpfte und ihr nicht draußen bleiben durftet? Das war gemein.“
„Ja, das war gemein“, sagte der Junge.
„Ich weiß“, fuhr der Vater fort. „Ich war noch öfter gemein.“
„Ich auch“, sagten beide Jungs fast gleichzeitig.

Sie erinnerten sich an Situationen, in denen sie ‚gemein’ waren und lachten ganz viel dabei. Die Wahrheit hat sie befreit.

Machen Sie Ihr Zuhause zu einem Hort der Liebe und nicht zum Gerichtshof

Dies ist nicht die einzige Möglichkeit, wie Sie in dieser Situation reagieren können. Nicht eingreifen ist eine Möglichkeit. Beiden Kindern aufmerksam zuhören ohne Partei zu ergreifen kann ihnen auch helfen, ihren Standpunkt kraftvoll zu vertreten. Vermeiden Sie es, die Rolle des Richters zu übernehmen oder Kindern beizubringen, dass Worte verletzen können. Die äußeren Probleme lassen sich leicht lösen, wenn die Kinder sich nicht in einem emotionalen Drama verfangen.

Die Wahrheit verletzt nicht. Lügen bereiten Schmerz, da sie verborgen werden müssen. Wir müssen uns verteidigen und gegen diejenigen zu Felde ziehen, die wir lieben. Anstatt unseren Kindern beizubringen, dass Menschen emotional schwach sind, begleiten Sie Ihre Kinder in einer Art und Weise, die sie ihre große innere Kraft spüren lässt. Worte können nicht verletzen. Schmerz entsteht allein dadurch, dass ein Kind seine Gedanken gegen sich selbst richtet. Manchmal frage ich: „Als sie sagte, du bist dumm, hast du dann selbst zu dir gesagt, dass das bedeutet, dass du nichts wert bist?“ Diese Worte und nicht die Worte des anderen Kindes sind es, die Schmerz bereiten.

Im Laufe der Zeit werden Ihre Kinder reifer und sie lernen, auf eine Art und Weise zu kommunizieren, die es der anderen Person ermöglicht, ihnen zuzuhören, anstatt innerlich auf Verteidigungskurs zu gehen (eine große Fähigkeit, an der wir alle arbeiten). Diese Fähigkeit erlernen sie nicht dadurch, dass wir ihnen sagen, welche Worte andere verletzen, sondern dadurch, dass sie sich selbst annehmen. Auch das Brabbeln des Babys entwickelte sich mit der Zeit zu einer klaren Aussprache – ganz ohne Unterricht. Haben Sie Vertrauen. Ihre Kinder beobachten Sie mit weit geöffneten Herzen. Wenn sie sich sicher und geborgen fühlen, handeln sie aus Liebe.

Unseren Kindern ein Nest der Geborgenheit bereiten

Während eines Familien-Intensiv-Seminars bei mir zu Hause, sagte ein Mädchen zu seiner Schwester, sie sei ‚blöd’. Die Mädchen begannen daraufhin, sich gegenseitig mit „Du bist blöd“ zu beschimpfen und wurden sehr zornig. Ich rief plötzlich laut und deutlich: „Ich bin auch blöd“. Alle wurden still und schauten auf mich. Eines der Mädchen begann zu lachen und konnte so ihre innere Anspannung abbauen. Ich stimmte fröhlich in ihr Lachen ein und sprach rhythmisch dazu: „Ich bin blöd, Papa ist blöd, Mama ist blöd, Oma ist blöd, Beethoven war blöd, der Nachbar ist blöd...“ Dann erzählte ich allen von den Momenten, in denen ich blöd war und der Zorn verwandelte sich in Lachen.

Eine Woche später erzählte mir die Mutter der beiden Mädchen, was ihre ältere Tochter zu ihr gesagt hat: „Ich kann nicht mehr zu ihr (ihrer Schwester) sagen, dass sie blöd ist. Es funktioniert nicht. Es verletzt sie nicht.“ Zur Überraschung der Mutter war die Folge davon nicht ein neues Schimpfwortvokabular, sondern eine tiefere Verbindung der beiden Schwestern.

Freundlichkeit ist eine Atmosphäre, die wir schaffen, sie kann nicht in Lektionen verabreicht werden. Wir bringen unseren Kindern nicht das Atmen bei; wir bereiten ihnen ein Nest der Geborgenheit. Ihre Kinder werden freundlich sprechen, wenn sie sich emotional frei fühlen und in Frieden mit sich sind.

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

Übersetzung: Elke Rentz

Weitergabe Share Alike
Wir wollen, dass Sie unsere Beiträge nutzen können!
Nähere Details können Sie der Creative Commons Lizenz entnehmen, der dieser Beitrag unterliegt. Urheber: Arbor Verlag/Naomi Aldort