Durch das Guckloch eines Berges

Wie mein Sohn mich zur Meditation inspirierte

Am Wochenende war ich ein Berg beziehungsweise im Inneren eines Berges. Und praktischerweise hatte dieser Berg, mit dem ich mehr und mehr verschmolz, ein Guckloch, das mir einen Blick in meinen Alltag gestattete. Diese Verwandlung geschah im Rahmen eines Meditationsseminars bei Karen Waugh und Lienhard Valentin während einer geführten Bergmeditation, die eingebettet war in einen ganzen Tag des Schweigens. Da passieren schon seltsame Dinge, beispielsweise verwandelt man sich plötzlich in einen Berg mit Guckloch und sieht das Leben mitunter anders.

Durch das Guckloch eines Berges

Früher fand ich es, gelinde gesagt, befremdlich, dass Menschen einfach betätigungslos in der Gegend rumsitzen und auf alle Fälle eine Zeitverschwendung – heute betreibe ich diese „Zeitverschwendung“ mit großer Überzeugung selbst, sogar Wochenendweise!
Mein erster Meditationslehrer war anfangs 53 cm groß, 3450 Gramm schwer und seine Ankunft stellte einen deutlichen Wendepunkt in meinem Leben dar, von dem aus ich zu ahnen begann, dass es mit dem untätigen „In-der-Gegend-Herumsitzen“ doch etwas auf sich haben könnte.

"Jaaa... zu diesem Kind."

Während der Geburt meines Sohnes hatte ich Schmerzen, die ich mit lauten, langen „Jaaa“-Schreien verarbeitete – „Jaaa...“, klang es im Außen und im Inneren hallte es nach: „... zu diesem Kind“. Und so kam er: gesund und munter, nuckelnd, süß und wunderbar. Als wir wenige Stunden später zu dritt das Geburtshaus verließen, saß er in seinem Autositz und sein Mund öffnete sich zu einem Gähnen – so einzigartig, wie ich es noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Meine Liebe flog diesem kleinen neuen Erdenmenschen zu und sollte von Tag zu Tag immer größer und stärker werden.
In einem Buch über die Geburt hatte ich gelesen, dass die allermeisten Babys erst einmal stundenlang nach der Geburt schlafen. Genau danach war mir jetzt zumute: schlafen, schlafen, schlafen – schließlich hatte ich ein Kind geboren, jetzt war erstmal gut.

Von Babys, die stundenlang nach der Geburt schrieen, hatte ich nichts gelesen... Mein Mann auch nicht. Unser Sohn machte schon in seinen ersten Lebensstunden klar: Wenn ihr etwas über mich wissen wollt, dann seht mich an und jetzt gerade schreie ich! Doch soweit waren wir noch nicht.

Wenige Tage später lag ich mit meinem Sohn auf unserem Sofa, er schlief, eng an mich gelehnt, und ich senkte meinen Mund auf den Flaum seines Kopfes. Ich schloss die Augen und atmete tief ein. Der Duft, der in meine Nase strömte, war süß und wunderbar. Unendlich gerne wollte ich alles geben für dieses einzigartige kleine Wesen, wollte es halten, nähren und vor allem Unbill der Welt beschützen!
Das Stillen geriet zur Tortur, meine Brustwarzen wurden wund und blutig, ich durchlitt höllische Schmerzen – mir wurde vom weiteren Stillen abgeraten.

Es gibt Kräfte, die ich ganz persönlich für mich als „Wiederholungskräfte“ bezeichne, die uns dazu bringen, die Erfahrungen, die wir selbst in unserer Kindheit gemacht haben, an unsere Mitmenschen ganz allgemein und an unsere Kinder insbesondere weiterzugeben. Ich selbst wurde aus verschiedenen Gründen nie gestillt. Doch ich glaube, dass die uns innewohnenden Kräfte stärker sein können, wenn wir es wollen und wenn wir uns danach ausrichten!
Ich wollte meinen Sohn stillen und tat es, vielleicht waren die körperlichen Schmerzen, die ich anfangs dabei erlitt, ein Vorbote der seelischen Schmerzen beim Wunsch, mit meinem Sohn in Verbindung zu bleiben.

Übermüdet, überfordert und wütend sein, gehört irgendwie dazu

Sechs Wochen nach der Geburt: Mein Mann war seit einiger Zeit wieder ganztags bei der Arbeit, ich war total übermüdet, das ganze Haus war unordentlich, der Hund hatte vor die Terrassentüre gekotzt, weil noch keiner Zeit gehabt hatte, mit ihm hinauszugehen, ich stank und hatte das dringende Bedürfnis zu duschen, fand aber einfach keine Zeit dafür. Im Moment fragte ich mich sogar, wie ich es schaffen sollte, einmal wieder in Ruhe aufs Klo oder gar einkaufen zu gehen...
Mein Baby schrie... und wie! Und genau das hätte ich auch gerne getan! Und wie! In mir tobte und schrie alles... In meinem Bemühen, diese unglaublich destruktive Kraft zu bewältigen, glich ich einem Stier kurz vor dem Angriff, der schnaubt, mit den Hufen scharrt und seine Hörner zum Kampf senkt!

Und mein kleines schreiendes Baby? Ich hatte keine Ohren, um es zu hören. Ich hatte keine Augen, um es zu sehen, keine Nase, um seinen Duft einzusaugen... Ich war in meiner Überforderung wütend auf alles, was sich mir und meinem Schlaf in den Weg stellte: auf mein Kind. Plötzlich erinnerte ich mich an Zeitungsartikel über Mütter, die ihre Kinder ausgesetzt hatten oder ähnliches.

Irgendwie haben wir diesen Tag ohne äußere Ausschreitungen überlebt, mein Mann kam nach Hause: Ich drückte ihm unser schreiendes Kind, das endlich Trost, Wärme und wirkliche Nähe von seinem Papa bekam, in die Hand und eilte nach draußen: ab in den Wald.

Nass geschwitzt und völlig außer mir setzte ich mich nach einer kleinen Odyssee auf einen Baumstamm und schluchzte. Die ganze Welt erwartete von mir, dass ich als junge Mutter auf Wolke sieben schwebte, und das Einzige, worin ich momentan schwelgte, war Mordlust. Ich schämte mich zutiefst. Vor mir, vor meinem Sohn, meinem Mann und dem ganzen Rest der Welt. Vielleicht stimmte ja irgendetwas mit mir nicht? Andere Mütter (vor allem die in den Hochglanz-Magazinen und im Fernsehen) strahlen immer, sind immer freundlich...

Es ist meine Entscheidung, welchen Weg ich von hier aus gehe

Erst langsam und zögerlich drangen die liebevollen Gefühle wieder durch... Wie konnte es sein, dass ich meinen Sohn mit aller Innigkeit und Liebe verehrte und zugleich wahre Hassgefühle entwickelte? Das hier hatte auf alle Fälle nichts mehr zu tun mit der Idylle, in der ich mir die Kindheit meines Sohnes ausgemalt hatte, nichts mehr zu tun mit der liebevollen Mutter, die ich meinem Sohn so gerne sein wollte. Mein ganzer Körper, meine ganze Seele fühlte sich wund an vor innerem Schmerz. Da erinnerte ich mich an dieses tiefe herausgeschriene „Ja“, das ich bei seiner Geburt empfunden hatte, an dieses wunderbare erste Gähnen, seinen Duft...

Es gab einen Moment der Klarheit: Hier sind mein Sohn und ich und was auch immer war – es ist meine Entscheidung, welchen Weg ich von hier aus gehe.

Als ich nach Hause zurückkehrte, weinte mein Sohn noch immer. Mit meinem Körper bildete ich ein Nest für ihn auf unserem Bett, umschloss ihn mit meiner Wärme, ich konnte und wollte meinen Schmerz und meiner Überforderung vor ihm nicht verbergen. Er spürte es ohnehin. Die Liebe und Verbindung zu ihm ließen mich den vollen Schmerz meiner eigenen unerwiderten, ungesehenen, verstoßenen kindlichen Liebe spüren. Und die Wahrnehmung meiner eigenen Wunden als eben solche ließ endlich den Raum entstehen, um auch ihn wieder zu sehen und wirklich für ihn da zu sein.

In den nächsten Tagen und Wochen versuchte ich, mit anderen Müttern über diese Erfahrung zu sprechen, und hatte das Gefühl, gegen eine Mauer zu stoßen: Entweder hatten andere Mütter diese Gefühle nicht oder es wurde schlicht nicht darüber gesprochen.

Es sind Situationen, in denen ich das Gefühl habe, meinen Kindern etwas zu geben, was ich selbst nicht bekommen habe, das ich entbehrt habe, die mich an meine Grenzen bringen, in denen ich Verzweiflung und Wut spüre. Mittlerweile bin ich Mutter zweier Kinder, unser Sohn ist heute sechs Jahre alt, und ich weiß, dass solche Gefühle für mich die Notwendigkeit für zweierlei aufzeigen: das Bedürfnis und die Notwendigkeit nach realer äußerer Unterstützung (Ausschlafen, Therapie, Babysitter, Pizza-Service, Putzhilfe, Anruf einer Freundin, eine Umarmung...), für die ich sorgen kann und um die ich bitten darf, das andere ist die Erinnerung an meine innere Entscheidung darüber, wie es in einer solchen Situation weitergeht. Beides ist nicht immer leicht.

Ein Weg, meine Wurzeln immer tiefer in die Erde zu graben

Auf meiner Wanderung, geleitet von dem Wunsch, in Liebe und Verbundenheit mit meinem Kind (und letztendlich mit mir selbst und mit der ganzen Welt) leben zu können, entgegen aller inneren und äußeren Widrigkeiten, bin ich der Achtsamkeit und der Meditation begegnet. Und für mich ist es ein Weg, meine Wurzeln immer tiefer in die Erde zu graben, dass ich Stürmen und sengender Hitze gewachsen bin, ohne den Halt zu verlieren und ins Destruktive abzurutschen. Letztendlich ist es für mich ein Weg, mich zu nähren an allen Stellen, die schon genährt sind, und an allen Stellen, die vielleicht in meinem bisherigen Leben noch nie genährt wurden. Der Kampfstier beispielsweise grast jetzt auf einer Weide am Fuße des Berges, durch dessen Guckloch ich am Wochenende schaute. Gelegentlich, wenn er nicht liebevoll gepflegt wird, bekommt er auch den Rappel und stellt dann ganz unvermittelt seine Kampfkünste wieder in unserem Wohnzimmer zur Schau.

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

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