Es ist so schwer Mama und Papa plötzlich zu teilen

Wenn Ihr Kind dem Baby weh tut – Fragen an Naomi

Wenn Kinder Geschwister bekommen, ist das für sie häufig ein traumatisches Erlebnis: Sie fühlen sich verletzt, alleingelassen oder gar ersetzt und wissen nicht wie sie damit umgehen sollen.
Wie können wir unser Kind in einer solchen Situation unterstützen und ihm dabei helfen mit seinen starken Gefühlen umzugehen?

"Wie fühlst du dich, wenn ich das Baby im Arm halte?"

Frage:
Seit der Geburt unserer Tochter vor einem Jahr ist unser dreijähriger Sohn aggressiv und weinerlich. Er reißt der Kleinen das Spielzeug aus der Hand und schubst sie aus heiterem Himmel. Außerdem jammert er ununterbrochen. Vor lauter Angst, dass er dem Baby weh tut, kann ich ihn keine Sekunde aus den Augen lassen. Ich bin mit meiner Weisheit am Ende. Wie kann ich meinem Sohn helfen, behutsam mit seiner Schwester umzugehen?

Antwort:
Die Ankunft eines neuen Geschwisterchens kann für ein kleines Kind eine äußerst schmerzliche Erfahrung sein. Es kann begeistert sein, gleichzeitig aber auch erschüttert und todunglücklich. Eine von mir beratene Mutter vertraute mir an, dass für sie die Geburt ihrer Schwester im Alter von drei Jahren das traumatischste Erlebnis ihres ganzen Lebens war. Ihr Glück schien auf tragische Weise verloren. Sie hatte das Gefühl, ihre Chance im Leben verloren zu haben und durch jemand Besseren ersetzt worden zu sein. Ein anderes Kind formulierte es seiner schwangeren Mutter gegenüber sehr eindrucksvoll, als es sie fragte: "Warum willst du denn einen anderen Joey?"

Wenn das Baby noch „neu“ ist, kann ein älteres Geschwisterkind Zuneigung empfinden und sich wahnsinnig freuen. Sobald ihn jedoch die Wirklichkeit seines eigenen Verlustes einholt, kann er die „gute alte Zeit“ zurücksehnen, in der er noch das einzige Kind war. Seine Art, seinen Schmerz auszudrücken, kann uns oft verwirren. Werden wir dann aber wütend, werden seine Selbstzweifel und seine Zweifel an unserer Liebe für ihn nur noch größer werden. In der Folge wird Ihr Sohn noch aggressiver oder quengeliger werden oder anderweitig aus seinem inneren Gleichgewicht geraten.

Sobald Sie aber verstehen, dass die Aggressionen Ihres Kindes durch Schmerz verursacht werden, würden Sie alles tun, um ihm zu helfen. Allerdings können Sie – genau wie Ihr Sohn – Ihre eigene Wutreaktion nur schwer kontrollieren. Um Ihre Reizbarkeit zu verringern, sollten Sie den Blick nach innen richten und die Erwartungen finden, die der Wirklichkeit nicht entsprechen. Die Stimme in Ihrem Kopf sagt möglicherweise Dinge wie: "Er sollte seine kleine Schwester immer lieb haben" oder "Er sollte verstehen, dass ein Baby mehr braucht als ein älteres Kind" oder "Er sollte dem Baby nicht wehtun". Sind diese Gedanken es wert, weiter verfolgt zu werden? Helfen Sie Ihnen, ein besseres Elternteil zu sein oder hindern sie Sie daran, Ihr Kind zu verstehen und freundlich zu ihm zu sein?

Beobachten sie ihr Kind und lassen sie sich von der Wirklichkeit leiten

Stellen Sie sich einmal sich selbst ohne diese Gedanken vor; die gleichen Situationen, aber ohne die Erwartung, dass Ihr Sohn sich anders verhalten sollte, als er es tut. Dann könnten Sie sich von der Wirklichkeit leiten lassen statt von unbegründeten Gedanken: Die Wirklichkeit ist, dass Ihr Sohn das Baby nicht immer lieb hat; er versteht nicht, dass das Baby dringendere Bedürfnisse hat als er (was außerdem auch nicht stimmt); und er verspürt den Drang, dem Baby wehzutun (genauso wie Sie den Drang verspüren, ihm zu sagen, dass er damit aufhören soll). Die beste Art, um Informationen über Ihr Kind zu bekommen und so seinen Stress zu verringern, ist, Ihr Kind zu beobachten.

Sie müssen sich nicht schuldig fühlen, wenn Sie merken, dass Sie einige Hinweise Ihres Sohnes übersehen haben. Sie sind (nur) ein Mensch und Ihr Sohn soll von Menschen großgezogen werden und kann mit Ihren Fehlern umgehen. Der beste Zeitpunkt, um zu lernen und sich weiterzuentwickeln ist immer der gegenwärtige Moment.
In der modernen nuklearen Familie ist es fast unmöglich, alle emotionalen Bedürfnisse sowohl des Babies als auch des kleinen Kindes zu erfüllen. Die gute Nachricht ist, dass wir Menschen solche Schwierigkeiten durchleben und daran wachsen können, solange unsere Gefühle anerkannt, aber nicht dramatisiert werden. Wir können Eifersucht und die damit einhergehenden Verletzungen nicht verhindern. Stattdessen müssen wir lernen, dem Kind zu helfen, so zurechtzukommen, dass seine emotionalen Fähigkeiten dabei verbessert werden.

Ihr Sohn hat eine Menge verloren, worauf er sich verlassen konnte. Er hatte Sie ganz für sich allein und vielleicht hat er das Gefühl, dass das Baby sein „Leben zerstört hat“. Sobald Sie erkennen, dass er sich wahrscheinlich gerade genau so fühlt, sind Sie in der Lage, in ihm – zumindest für den gegenwärtigen Moment – ein freundliches und verzweifeltes Kind zu sehen. Aus dieser Perspektive können Sie zum Verbündeten Ihres Sohnes werden, der seinen Schmerz versteht und ihm Liebe und Unterstützung anbietet.

Frage:
Wie behandele ich ein eifersüchtiges Kind?

Antwort:
Wenn Ihr Sohn seine Angst durch Aggressionen zum Ausdruck bringt, sollten Sie ihm nicht den Eindruck vermitteln, dass Sie das Baby vor ihm beschützen. Sonst wird er sich als „den Bösen“ ansehen und glauben, dass Sie ihn nicht lieben. Wenn er sich aber als „böse“ betrachtet, könnte er diese Erwartung auch erfüllen, sich gleichzeitig aber schlecht dabei fühlen. Zeigen Sie ihm stattdessen, dass Sie verstehen, was er gerade durchmacht. Halten Sie ihn davon ab, das Baby zu schlagen, aber statt ihm zu sagen, was er falsch macht, zeigen Sie ihm Ihre Liebe und Ihr Verständnis für seine Gefühle und Bedürfnisse. Er lernt von der Art, wie Sie ihn behandeln.

Sie können ihn fragen: "Macht es dir Spaß, das Baby zum Schreien zu bringen?" Zeigen Sie ihm freundlich, dass Sie verstehen, wie schön das für ihn ist. Bieten Sie ihm, wenn möglich, eine Alternative an: Vielleicht können Sie aus Bauklötzen einen Turm bauen und Ihr Kind kann ihn dann zerstören, während Sie theatralisch schreien. Sie können Ihrem Kind eine seine Gefühle bestätigende Frage stellen, etwa: "Das Baby beansprucht so viel von meiner Zeit und liegt soviel in meinen Armen. Hättest du mich gern die ganze Zeit für dich allein?" Je nachdem, wie Ihr Sohn reagiert, können Sie sogar noch weitergehen und fragen: "Wünscht du dir manchmal, dass das Baby wegginge?" Hören Sie gut zu, was Ihr Sohn sagt und erlauben Sie ihm, seinen Schmerz verbal und nonverbal zum Ausdruck zu bringen, während Sie zuhören und seine Gefühle bestätigen, ohne die Dinge zusätzlich zu dramatisieren.

Sie brauchen keine Angst zu haben, falls Ihr Kind das Baby am liebsten loswerden würde oder sogar Phantasien hat, etwas in dieser Richtung zu unternehmen. Diese normalen Phantasien erfüllen ihn – wenn Sie nicht angenommen werden – mit Schuldgefühlen und einem negativen Selbstbild, was wiederum Aggressionen, Wutausbrüche, Gequengel und andere Verzweiflungstaten zur Folge hat. Seine größte Angst ist, dass Sie ihn nicht mehr lieb haben, wenn Sie wüssten, was er denkt und fühlt. Indem Sie seine schlimmsten Gedanken anerkennen, nehmen Sie ihm diese Angst: "Mama kennt meine schlimmen Gedanken und liebt mich trotzdem."

Bieten sie ihrem Kind eine Möglichkeit seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen

Es kann sehr hilfreich sein, die Gefühle des Kindes zu malen oder auszuleben. Hierbei kann eine Puppe das Baby „spielen“ und Ihr Kind kann dann seine Fantasien in der Geborgenheit Ihrer liebevollen Aufmerksamkeit ausleben (wenn das Baby nicht anwesend ist). Versichern Sie ihm authentisch, dass Sie ihn lieben und erkennen Sie seine Zweifel an: "Hast du Angst, dass ich dich nicht lieb habe, wenn du dir wünscht, das Baby wieder loszuwerden? Ich liebe dich, ganz egal, was du denkst. Es ist in Ordnung, diese Gedanken zu haben und ich freue mich, wenn du sie mir mitteilst. Ich liebe es, dir zuzuhören und dich kennen zu lernen." Und: "Machst du dir Sorgen, dass ich mir nichts aus dir mache, wenn ich das Baby im Arm halte?" Sie können Ihre Liebe zeigen, während Sie das Baby im Arm halten und stillen: "Während ich das Baby stille, liebe ich dich. Ich liebe dich, egal, wen oder was ich im Arm halte. Ich liebe dich immer."

Das Gequengel Ihres Sohnes ist seine Art, seine Tränen zurückzuhalten. Sobald er sich sicher fühlt, das denken zu können, was er denkt und das fühlen zu können, was er fühlt, kann er alles durch Weinen rauslassen und nicht durch Gequengel. Womöglich nutzt er kleine, unbedeutende Anlässe zum Weinen. Begrüßen Sie seine Art, sich Erleichterung zu verschaffen, mit offenen Armen und offenem Herzen. Ihr Sohn will spüren, dass er bedingungslos geliebt wird, dass seine Bedürfnisse nicht falsch sind, dass er Gefühle haben und schluchzen darf und dass er Ihnen seine dunklen Seiten zeigen kann, ohne Ihre Liebe zu verlieren.

Verbringen sie Zeit mit ihm alleine und beziehen sie es mit ein

Immer dann, wenn Sie mit dem Baby zusammen sind und Ihr Sohn sich ausgeschlossen fühlt, zweifelt er mehr und mehr, ob Sie ihn lieben und seine Selbstzweifel wachsen. Er kann nur glauben, dass Sie ihn lieben und er wertvoll und wichtig ist, wenn er mit Ihnen allein ist und Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit hat. Hierfür kann Ihr Partner, ein Verwandter oder ein Freund das Baby auf den Arm nehmen (wenn es seine Mutter gerade nicht braucht) und es Ihnen und Ihrem Sohn erlauben, miteinander in Kontakt zu treten. Versuchen Sie außerdem, zusätzlich zu diesen täglichen festen Zeiten, spontane Pausen vom Baby einzulegen, um eine liebevolle Verbindung mit Ihrem älteren Kind aufzubauen. Tägliche Aktivitäten wie Duschen oder Essen können zu Gelegenheiten werden, Liebe und Verständnis zu teilen.

Manchmal können Sie die Bedürfnisse Ihres Kindes einfach nicht erfüllen, z.B. wenn Sie ein müdes Baby stillen und Ihr Sohn darauf besteht, herumzuhüpfen und Krach zu machen und so Ihre Gesellschaft sucht. Erkennen Sie seine Gefühle an und bieten Sie ihm eine weitergehende Sichtweise an: "Du möchtest mit mir zusammen sein und das Baby nuckelt sich in den Schlaf. Sobald es schläft, spiele ich mit dir." Seien Sie kreativ dabei, ihn möglichst mit einzubeziehen, wenn es aber absolut nicht geht, erkennen Sie seine Gefühle an und zeigen Sie ihm, dass Sie sich darauf freuen, bald mit ihm zusammen zu sein. Obwohl Kinder sensibel sind, können sie zu emotional widerstandsfähigen Menschen heranwachsen, die sich der Wirklichkeit mit Achtsamkeit, Stärke und Weisheit stellen, wenn sie ihre Gefühle ungehindert zum Ausdruck bringen können und hierbei Wertschätzung erfahren.

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

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Nähere Details können Sie der Creative Commons Lizenz entnehmen, der dieser Beitrag unterliegt. Urheber: Arbor Verlag/Naomi Aldort