"Glaube an dich selbst, Mensch!"
Johann Heinrich Pestalozzi – Ein großer Pädagoge
Mythos und Wahrheit um den Schweizer, nach dem zahlreiche Kindergärten und Schulen benannt sind und der international immer noch der bekannteste deutschsprachige Pädagoge ist. Pestalozzis langes Leben von 1746-1827 umfasste die großen Umbruchsjahre der europäischen Geschichte: Von den feudalistischen Strukturen des 18. Jahrhunderts hin zur Emanzipation des Menschen und zu demokratischen Strukturen in Staat und Gesellschaft. Zugleich offen für die Forderungen der Französischen Revolution und enttäuscht über deren Auswüchse, reflektierte er in seinen Schriften die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche seiner Zeit. Was er geschrieben hat, kommt uns heute wegen der teils sehr bildreichen nicht pathosfreien Sprache und umständlichen Satzstruktur eher fremd vor und vieles ist inhaltlich noch der Zeit verhaftet. Wer den Zugang findet, liest aber oft auch eine sehr musikalische und kraftvolle Sprache.
Pestalozzi mit den Waisenkindern in Stans © Wikixxxxx
Pestalozzi hat wichtige Grundsteine gelegt, die nachfolgende Pädagogen weiter ausgeführt haben. Fröbel wird die Idee des sinnlichen Begreifens ausbauen, und nicht umsonst nennt man Janus Korczak oft den „Polnischen Pestalozzi“. Der Begriff der Liebe erhält erstmals im Zusammenhang mit Kindererziehung eine grundlegende Bedeutung, dieser Verdienst ist nicht zu unterschätzen. „Ich kannte keine Ordnung, keine Methode, keine Kunst, die nicht auf den einfachen Folgen der Ueberzeugung meiner Liebe gegen meine Kinder ruhen sollte. Ich wollte keine kennen.“
Pestalozzis Verdienst kann nur verstehen, wer sich die Zeit vor Augen führt, in der er gelebt hat, manches aber ist immer noch aktuell. In seinem Leben hat er Berge von Schriften verfasst: Schriften zur Philosophie, Politik, Erziehungsromane, pädagogische Schriften, Texte zu der von ihm propagierten Unterrichtsmethode und autobiographische Texte. Alle diese Texte, ca. 300 Werke und über 6.000 erhaltene Briefe, sind in enger Wechselwirkung zu seinem bewegten Leben entstanden.
„Der Mensch in seinem Wesen, was ist er?“
Pestalozzi gilt als Begründer des sozialpädagogischen Denkens, er interessierte sich dafür, wie Erziehung etwas zur Freiheit und Selbstbestimmung des armen und unterdrückten Menschen beitragen kann und für die sozialen und politischen Funktionen der Schule. Und immer stellte er die große Frage: „Der Mensch, so wie er auf dem Throne und im Schatten des Laubdaches sich gleich ist, der Mensch in seinem Wesen, was ist er?“
Es gibt unzählige Arbeiten über die verschiedenen Aspekte seines Denkens, jeder kennt seinen Namen, kaum jemand hat die Schriften gelesen. Kein Wunder: es ist ungeheuer mühsam, sich hindurchzuarbeiten und die Edelsteine zu finden. Aber Schlagworte über ihn gibt es genug: „Menschenfreund“, „Erziehung von Kopf, Herz und Hand“, „die Volksschule“.
Wer aber steckt dahinter?
Zunächst eigentlich ein Scheiternder: Alles, was Pestalozzi anpackte, scheiterte. Eine akademische Ausbildung, eine landwirtschaftliche Lehre, die Erziehung seines Sohnes, das Finanzielle, das Verhältnis zu seinen Mitarbeitern.
Geboren wird er 1746 in Zürich, seine Familie besitzt zwar das Stadtbürgerrecht, lebt aber in bescheidenen Verhältnissen. Sein Vater stirbt, als er fünf ist. Von den Kindern überleben nur eine Schwester und ein Bruder. Aufgezogen wird der stille schüchterne Junge von seiner Mutter und der Magd, was seine Männlichkeit nicht eben stärkt. Zu seiner Mutter hat er eine sehr enge Beziehung. Später wird er die Bedeutung der Mutter in seinen Schriften stark hervorheben, auch als erste Instanz für die Schaffung eines Urvertrauens in die Welt und in Gott.
„Es ist eine Glaubensneigung in der Menschennatur, die bey jedem wahren Entkeimen der Liebe, des Dankes und des Vertrauens sich in ihrem Innersten entfaltet, wie die Frühlingsblume sich auf ihrem Stengel entfaltet - Mutter! Wenn es (das Kind) in diesem Zeitpunkte nicht schmeckt und sieht, wie freundlich du bist, so sieht und schmeckt es zu diesem Zeitpunkte noch weniger, wie freundlich der Herr ist, und wahrlich, wahrlich, es sieht und schmeckt dann dieses schwerlich nachher, es sieht und schmeckt es dann schwerlich jemals.“
Als Muttersöhnchen wird der weichliche Knabe in der Schule verspottet. Der Schuldirektor verkündet, aus dem Knaben werde nie etwas werden. Mit 17 Jahren beginnt Pestalozzi ein Studium zum Pfarrer, das er abbricht. Er wird in den Studienjahren Mitglied im politischen Verein der „Patrioten“, die Rousseau lesen und asketisch leben. Er wird der Mitautorschaft eines Flugblatts beschuldigt und muss sogar eine Nacht im Gefängnis verbringen.
Pestalozzi wird für einen Sonderling gehalten
1767 lernt er seine zukünftige Frau Anna Schulthess kennen, deren Brüder auch zu den Patrioten gehören. Ihre Familie ist gegen eine Verbindung, da Pestalozzis Familie nicht standesgemäß ist und sie den sozialen Abstieg der Tochter fürchten.
Zwei Jahre lang dürfen sich die beiden Liebenden nicht sehen und schreiben sich Briefe. Anna schreibt: „Dennoch, mein Teurer, harre noch eine Zeit lang aus, mit äußerster Geduld wollen wir abwarten, um, wann es möglich, jedes Vorwurffs frey zu seyn.“ Schließlich stimmen die Eltern der Hochzeit zu.
Pestalozzi beschließt Bauer zu werden und macht eine Lehre auf dem Hof von Tschiffeli, der den traditionellen Landbau grundlegend reformiert hat. Die Lehre dauert nicht lange, Pestalozzi will lieber einen eigenen Hof kaufen und bekommt von einem Onkel Annas einen Kredit. Er glaubt, mit der Erkenntnis über verbesserten Anbaumethoden etwas für das Wohl der armen Landbevölkerung zu tun.
Doch Pestalozzi wird für einen Sonderling gehalten. „Buchhändler Füßli, der beinahe noch der einzige Mensch war, mit dem ich über meine Lage ein herzliches und theilnehmendes Wort reden konnte, sagte mir in diesem Zeitpunkt gerade heraus: meine alten Freunde halten es beynahe allgemein für ausgemacht, ich werde meine Tage im Spital oder gar im Narrenhaus enden.“
Weder zum Vater, noch zum Landwirt geboren
Die nächsten dreißig Jahre wird er auf dem Neuhof in der Nähe von Brugg verbringen. 1770 wird der Sohn Hans Jakob (Jean Jacques, nach Rousseau) geboren, der geistig zurückgeblieben ist und zu einer befreundeten Familie gegeben wird. Erst mit 17 Jahren kommt er wieder auf den Hof zurück, wird verheiratet und bekommt einen Sohn, Gottlieb. Mit 31 Jahren stirbt er und lässt in seinem Vater ein schlechtes Gewissen zurück, weil er seinen Sohn vernachlässigt hat.
Auch zum Landwirt ist Pestalozzi nicht geboren. Er investiert in die falschen Dinge, lässt sich unfruchtbare Äcker verkaufen, der Hof ist zu groß konzipiert, sein Berater hintergeht ihn finanziell. Also gründet er eine Armenerziehungsanstalt. Zeit seines Lebens ist es sein größter Wunsch, sich um die Bildung der Armen zu kümmern.
Frau Pestalozzi hat inzwischen ihre gesamte Erbschaft in den Neuhof investiert, Pestalozzi ist 34 Jahre alt und pleite. Sein Leben sieht anders aus, als er es sich vorgestellt hat. Ein Bekannter, der kurze Theaterstücke von Pestalozzi gelesen hat, ermutigt ihn zum Schreiben. „Das Buch stand in wenigen Wochen da, ohne dass ich eigentlich auch nur wusste, wie ich dazu gekommen war.“ Es ist der erste Teil des Volksromans „Lienhard und Gertrud“ und wird ein großer Erfolg. Seine soziale Isolierung verbessert sich schlagartig.
Politische Veränderungen ermöglichen ein Waisenhaus
Um seine politische Botschaft deutlicher zu machen, schreibt er weitere Teile des Buches, er möchte auf die schwierige Lage des einfachen und ungebildeten Volkes aufmerksam machen.
1789/1790 verändert die Französische Revolution die politische Grundlage. Auch in der Schweiz ändert sich einiges. 1798 setzen sich die revolutionären Kräfte durch, die nach dem gleichberechtigten helvetischen Staat rufen, der eine gerechte Besteuerung und eine neue Verfassung fordert. Nicht alle Kantone setzen die Reformen durch, französische Truppen besetzen die Schweiz, es kommt zu blutigen Auseinandersetzungen.
Pestalozzi stellt sich auf die Seite der Republik. In der neuen Regierung hat er Freunde, denen er seinen Wunsch vorträgt, Schulmeister zu werden und eine Armen- und Industrieschule zu gründen. Er erhält die Leitung eines Waisenhauses in Stanz, in dem er seine neuen Erziehungsmethoden versuchen und darstellen soll.
"Ich hatte nur die Vaterkraft meines Herzens"
Jetzt möchte er endlich beweisen, dass er seine pädagogischen Ideen auch in die Tat umsetzen kann und nicht der Träumer ist, für den ihn alle halten. Er ist nun 53 Jahre alt und versorgt 80 Kinder. „Ich hatte in eigentlicher wissenschaftlicher und Kunstbildung nichts, ich hatte nur die Vaterkraft meines Herzens, und zwar so, wie sie sich der Eigenheit meiner Persönlichkeit aussprach, für sie. Dass mein Herz an meinen Kindern hange, dass ihr Glück mein Glück, ihre Freude meine Freude sei, das sollten meine Kinder vom frühen Morgen bis an den späten Abend in jedem Augenblick auf meiner Stirn sehen und auf meinen Lippen ahnen.“
Auch wenn Pestalozzi selbst schlecht in Grammatik und Rechnen ist, die Kinder lernen gut. „Kinder lehrten Kinder, Kinder lernten gerne von Kindern, und vorgerückte Kinder zeigten minder vorgerückten Kindern gerne und gut, was sie mehr wussten und besser konnten als sie.“
Erziehung ist für ihn innere und äußere Ordnung, dazu gehört Stille, körperliche Konzentration, Angewöhnungen aber auch Strafen. Der Erzieher ist verantwortlich für die „allseitige Besorgung“, für die Befriedigung der kindlichen Bedürfnisse. „Das Kind pflegen, nähren, es sicherstellen und es erfreuen.“ Nach der körperlichen Befriedigung kommt die Festigung der sittlichen Bildung, dann die geistige. Aber nie darf es zur Überbildung kommen, so dass das Kind die „Harmonie der Seelenkräfte“ verliert.
"Ein Kind ist wie eine noch nicht erschlossene Knospe"
Nach einem Jahr wird das Haus als Lazarett für französische Soldaten benötigt und Pestalozzi geht als Lehrer an eine Schule. Weil die Eltern aber den Lehrer mit den komischen Ideen nicht haben wollen, wird er schnell herausgeworfen.
Von der Regierung erhält er das Schloss Burgdorf zur Gründung einer Erziehungsanstalt, die bald europaweit bekannt ist. Pestalozzi beschäftigt sich in dieser Zeit mit dem Gedanken der Elementarbildung. Er geht davon aus, dass im Kind Kräfte stecken, die sich entfalten können, wenn es Unterstützung erfährt. „Ein Kind ist ein mit allen Fähigkeiten der menschlichen Natur begabtes Wesen, bei dem aber noch keine dieser Fähigkeiten entwickelt ist: es ist wie eine noch nicht erschlossene Knospe. Wenn die Knospe aufspringt, entfaltet sich ein jedes Blatt, nicht eines bleibt zurück. Derart muss der Gang der Erziehung sein.“
Da sich die politischen Verhältnisse und somit auch der Eigentümer des Schlosses ändert, muss es 1804 schließen. In Yverdon macht Pestalozzi ein neues Institut auf – Lehrer und Schüler kommen mit. 1809 verzeichnet die Schule 165 Schüler und dreißig Lehrer, dazu zahlreiche Praktikanten, die sich in Pestalozzis Methode ausbilden lassen. „Der Mensch will so gerne das Gute, das Kind hat so gern ein offenes Ohr dafür, aber es will es nicht für dich, Lehrer, es will es nicht für dich, Erzieher, es will es für sich selber. Das Gute, zu dem du es hinführen sollst, darf kein Einfall deiner Laune und deiner Leidenschaft, es muß der Natur der Sache nach an sich gut seyn und dem Kind als gut ins Auge fallen.“
Sein Lebensabend ist überschattet
1808 wird die „Schweizer Gesellschaft für Erziehung“ gegründet, deren Präsident Pestalozzi ist. Das Institut in Yverdon hat sowohl finanzielle als auch menschliche Probleme. Im heftigen Streit um die Gunst und Nachfolge Pestalozzis stehen sich zwei Männer gegenüber, deren Zankereien letztlich zu gerichtlichen Verhandlungen, Verleumdungen, einem Sinken der Schülerzahlen und dem Untergang des Unternehmens führen. Pestalozzi ist tief enttäuscht von seinen engsten Vertrauten und ohne seine Frau, die 1815 gestorben ist, steht er jetzt ganz alleine da.
Er leidet unter Depressionen und ist mittlerweile 78 Jahre alt. 1817 verleiht ihm die Universität Breslau die Ehrendoktorwürde, 1825 wir er zum Präsidenten der angesehenen Helvetischen Gesellschaft gewählt, 1826 schließt er den „Schwanengesang“ ab, eine Zusammenfassung seines Lebens und seiner Ideen. Er lebt wieder auf dem Neuhof, zusammen mit seinem Enkel und dessen Frau.
„Der Zweck meines Lebens ist nicht verloren gegangen.“
Ein Schüler lässt ein verleumderisches Buch über Pestalozzi schreiben, das ihm eine antichristliche Haltung vorwirft, weil er bei seinem Gottesbegriff immer das Leben im Diesseits bedenkt. „Für Menschen ist die Liebe der einzige wahre Gottesdienst, aus ihr allein quillet der wahre Glauben der Menschen. Sie allein führet den Menschen zum Leben...Des Menschen beste Kräfte ersterben, wenn er seinen Bruder nicht liebet, und er liebt seinen Bruder nicht, wenn er Gottes nicht achtet.“ Bis zum Tod versucht der schon sehr ausgelaugte Pestalozzi, eine Erwiderung auf das Buch zu schreiben, was er nicht mehr schafft. Dennoch sieht er sein Lebenswerk nicht zerstört.
Die gescheiterten Erziehungsanstalten sind für ihn nur „Äußeres seiner Lebensbestrebungen“ während sich die Ideen im „Inneren immer lebendig erhalten haben“.
In der „Abendstunde eines Einsiedlers“ hat er formuliert, dass es dem Menschen nicht um das sich-Verlieren in der Welt gehen darf, um das Streben nach Ruhm, Erfolg oder Macht, sondern um das Zu-sich-selbst-gelangen. Der Schlüsselgedanke dabei ist Gleichgewicht und Einfachheit. Er spricht von „Menschenwerdung“, die nichts damit zu tun hat, Wissen anzuhäufen, denn die Worte sind nur „Schall“. Es geht darum, Wahrheit, im Gegensatz zu Wissen, zu erlangen über sich selbst, seine Beziehung zu Mitmenschen, zur Gesellschaft und letztlich zu Gott.
„Glaube an dich selbst, Mensch, glaube an den inneren Sinn deines Wesens“
Pestalozzi stirbt im Februar 1827 und schreibt in seiner letzten Willenserklärung. „Möge der Friede, zu dem ich eingehe, auch meine Feinde zum Frieden führen. Auf jeden Fall verzeihe ich ihnen. Meine Freunde segne ich und hoffe, dass sie in Liebe des Vollendeten gedenken und seine Lebenszwecke auch nach seinem Tode noch nach ihren besten Kräften fördern werden.“ Und so stehen seine Worte auch heute noch in den Büchern und leben weiter: „Glaube an dich selbst, Mensch, glaube an den inneren Sinn deines Wesens, so glaubest du an Gott und an die Unsterblichkeit.“
Zum Weiterlesen:
Johann Heinrich Pestalozzi: Gesammelte Werke
Johann Heinrich Pestalozzi: Ausgewählte Schriften (Hrsg. Von Wilhelm Flitner)
Sigurd Hebensreit: Johann Heinrich Pestalozzi, Leben und Schriften
Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe: Heft Januar 2008


