Liebe MitleserInnen und -schreiberInnen!
Hannelore hat in einem anderen Beitrag berichtet, dass es mit ihrer Tochter (3 J.) schwierig ist, zu Fuß zum Einkaufen zu gehen, weil sie dazu keine Lust hat und sehr langsam geht. Ich habe mir einige Zeit darüber Gedanken gemacht, und es interessiert mich, welche Erfahrungen andere mit kleinen Kindern in ähnlichen Situationen machen (z.B. Spazieren gehen, einen Ausflug machen, Einkaufen, Wege mit einem best. Ziel oder auch ohne etc.). Kinder im Alter von 3-4 Jahren sind ja in der Regel schon zu groß für Transporthilfen und man ist häufig darauf angewiesen, dass sie gehen. Ich gehe außerdem davon aus, dass Kinder immer einen Grund für ein Verhalten haben und nichts tun, um uns zu nerven.
Ich erinnere mich selbst an eine Begebenheit zu den Weihnachtsfeiertagen mit unserem 3-jährigen Sohn. Wir hatten frühlingshaftes Wetter und wollten es für eine kleine Rundwanderung von unserem Haus weg nützen. Für unseren Sohn nahmen wir sicherheitshalber eine Rückentrage mit, in die er gerade noch hineinpaßt, die wir aber bisher sehr selten verwendet haben. Anfangs ging er gerne mit, wir machten zwei Stopps bei einer Bank und einer Wildschweinfütterstelle. Benjamin sammelte Stöcke, die wir dann tragen sollten. Als wir etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten, sagte er, er wolle umdrehen (er war inzwischen in der Trage) und zurück zur Bank. Wir erklärten ihm, dass wir dorthin nicht mehr zurückgehen würden, weil wir auf diesem Weg weitergehen würden und so wieder zu unserem Haus kommen würden. Das wollte er absolut nicht - vielleicht verstand er es auch nicht (?) - er wollte definitiv wieder zurück. Da wir gerade einen relativ steilen Weg bergab zurückgelegt hatten und mit Benjamin nicht mehr bergauf wollten, beschlossen mein Mann und ich an der Stelle zu verharren und zu warten, ob Benjamin sich wieder beruhigen würde. Wir nahmen seine Beunruhigung ernst und erzählten ihm, dass wir diesen Weg mit ihm schon gegangen wären als er noch im Kinderwagen saß. Das interessierte ihn schließlich und schien ihn zu beruhigen. Wir konnten den Weg nach einiger Zeit (5-10 min) langsam fortsetzen.
Auch damals habe ich darüber nachgedacht, was es für ein Kleinkind bedeutet, sich vom bekannten Zuhause zu entfernen. Gibt es Distanzen und Wege, die ihnen schon sicher scheinen und solche, die sie überfordern?
Und was bedeutet dann Autofahren für sie? Eigentlich ja eine ziemlich unnatürliche Art der Fortbewegung...
Bin neugierig, was ihr dazu meint.
Liebe Grüße,
Heidi

Kommentare

Natur

Liebe Heidi,

wie Sie sehen, bin ich nicht so oft online....
Da habe ich ja Eulen nach Athen getragen, wenn Sie Biologin sind. Ich finde auch spannend wie viel Kinder entdecken und als Nichtbiologin kann ich auch nicht alle Fragen immer gleich beantworten. Kennen Sie die tollen immerwährenden Kalender aus dem Naturverlag Wawra,. www.naturverlag.de. ? Großformatiges schön illustriertes (alles fein gezeichnet) Monatssblatt, dahinter für den Monat zum Thema Erläuterungen, ein Kalendar zum alljährlichen Beobachtungseintragen und dazu noch ein Arbeitsheft mit teils leider aufwendigen, aber vielen schönen Anregungen zum Spielen, Beobachten. Von Nistkastenbauen bis Zapffrassspuren zuordnen oder Galltinte herstellen.

Und mit dem "Nichtdrinstecken". Ich habe auch den Eindruck, dass unser 15M viel nonverbal kommuniziert, bilde mir auch oft ein, zu wissen, was er meint. Als Geisteswissenschaftlerin habe ich da aber immer so ein bißchen Gadamers hermeneutischen Zirkel im Kopf: d.h. der Verstehende hat immer ein Vorverständnis, das das ERgebnis des Verständnisses beeinflußt. Gibts aber bei den NAwis wohl auch, oder?: Der Beobachtende beeinflußt auch das VErsuchsergebnis?
Mit anderen Worten: was verstehe ich wirklich von meinem Kind und was meine ich zu verstehen? Bin da immer ein bißchen vorsichtig und weiß eigentlich bis heute nicht genau ob ich unsere 6jährige kenne! Andererseits muss ich mich auf mein Verständnisgefühl auch verlassen, weil beide doch in einem Alter sind, in dem Vorgaben erforderlich sind. Das finde ich oft den schwierigsten Teil des Erziehens.
Das ist aber nun ein anderes Thema als Entfernungen, oder auch nicht, Entfernungen zwischen den Menschen...

Grüße
Frau Holle

Distanzen

Hallo Heidi,

erstmal bitte ich um Entschuldigung für die falsche Anrede: sehr unaufmerksam!!!

Ob das für den Kleinen schwierig ist? man steckt ja nicht drin - wie der Rheinländer zu sagen pflegt... Insgesamt habe ich den Eindruck, dass er gut mit den Distanzen, die sich aber zu 90% in unserem Stadtteil abspielen und ja wöchentlich wiederkehren, klar kommt und sich in seinen ersten Lebenswochen auch daran gewöhnt hat, dass sein Tagesrhythmus von der wesentlich älteren SChwester vorgegeben ist und also viel Raus und Rein bedeuten. ER geht zur Zeit gerne raus und schleppt mir auch selbst schon seine SChuhe an und setzt sich auf sein Höckerchen zum Anziehen. Neue STrecken oder Orte sind anstrengend, dann ist er schneller müde, und eben ungut müde, nicht einfach satt erschöpft. Er findet sie spannend, wie alles was ihm neu begegnet und das er mit begeistertem Oo kommentiert, aber die Dosis darf nicht zu hoch sein. Ich vermute, dass das Erlaufen, was ja eigentlich ein ERfummeln ist, auch den Vorteil hat, die Strecke zum Zuhause auch zu kennen und bald jederzeit wiedererkennen zu können.

Für Sie interessanter die Frage, wieviel man schon mit einer 6jährigen laufen kann. Unser Eindruck, der sich in den letzten Sommerferien nochmal manifestierte ist eigentlich, dass unsere sehr lange laufen kann - -im ERgebnis waren wir mit ihr 3 - 4 Stunden unterwegs, aber ich denke, mehr ginge auch. ABer: der WEg ist das Ziel. Einfach nur längs wandern ist nicht das Ding. Also machen wir auf wenigenKilometern Schnitzeljagden, Entlang des Wegesrätsel (Wer sieht zu erst .., wo findet man..., welcher Baum ist genauso dick wie Mama ..) oder kleine "Naturkunde" spielchen (Baumrindefrottage, GEheimschrift mit Löwenzahnmilch - abends gabs dann selbstgepflückten Löwenzahnsalat, der uns allen aber nicht wiederholenswert schien). Einige Wege haben wir mit einer befreundeten Familie gemacht und der Eifer, mit dem schließlich auch die ERwachsenen über dem Blumenbestimmungsbuch saßen, sprach für sich.
Unser Fazit: keine Wanderungen machen, sondern Naturerlebnispfade selber draus machen. Dafür hat mein Mann dann eben einen Tag alleine eine Wanderung von 40km gemacht.
Wie lang war denn der WEg mit Ihrem 3 jährigen?

Viele Grüße
Frau Holle

Mit Kindern unterwegs

Liebe Frau Holle,
vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort!
Natürlich ist jedes Kind individuell anders, aber ich finde es so interessant zu hören / zu lesen, was andere Eltern, die einfühlsam sind, bei ihren Kindern herausfinden.
Unser Sohn teilt uns sehr viel mit, nonverbal und zunehmend auch verbal, aber bei heftigen Emotionen rätseln wir doch auch immer wieder herum, was dahintersteckt. Häufig kommen wir dann zu dem Schluss, dass es vermutlich Überforderungen im Alltag sind, die seinen "FI-Schalter" auslösen. Und Distanzen, fremde Umgebungen, zu viele Reize (Geräusche, Bewegungen und und) sind da sicher wichtige Kriterien.
Die kleine Wanderung, die wir gemacht haben, legt ein Erwachsener mit "normalem" Tempo in etwa 30 min zurück. Gemeinsam haben wir dafür natürlich viel länger gebraucht. Teile des Weges (Anfang und Ende) waren ihm schon bekannt, aber gerade das Mittelstück hat ihn offensichtlich in Stress versetzt.
Aufs "Natur Erkunden" freue ich mich, weil ich selbst Biologin bin und es einfach gerne mache. Wir haben schon letztes Jahr viele kleine Dinge entdeckt, und Benjamin ist da sehr begeistert. Wir gehen einfach vor die Türe, haben da Wiese, Bach und Wald und lassen uns überraschen. Kinder beobachten ja unglaublich genau.
Derzeit will er gerade gar nicht gerne hinausgehen. Jedes Anziehen zögert er möglichst lange hinaus. Wenn wir ihn fragen, ob er hinaus gehen will, sagt er entweder "später" oder gleich "nein". Wenn wir nichts vorhaben, belassen wir es dabei, denn wir sind sicher, dass sich das auch wieder ändert.
Ich wünsche Ihnen noch schöne Erlebnisse mit Ihren beiden!
Liebe Grüße,
Heidi

Zu Fuß

Sehr geehrte Hannelore,

ich finde schon wichtig, dass die Kinder sich die WEge selbst erlaufen und erkunden. Das bedeutet in der Tat langwierige Wanderungen zum Einkaufen. Wir haben das Glück so zu Wohnen, dass alles zum alltäglichen Gebrauch in höchstens 500 m gekauft werden kann. Auch der Wald mit Park und Spielplatz ist so nah. BEi allgemeiner Erschöpfung trage ich das Kind. Das bedeutete aber auch die Regel, das Kind kann nur das zum und vom Spielplatz mitnehmen, das es selbst tragen kann. Hart aber fair....
Mit der Großen als sie klein war, haben wir quasi keine Ausflüge gemacht. Unseren Erlebnishorizont haben wir auf ihren reduziert - unseres eben alleine gemacht, wenn Babysitter oder Großeltern mal zu Besuch oä. Wir sind also mit dem Radius des Kindes gewachsen. Zwar sind wsir auch eine weite Strecke zum Urlaubsort gefahren - in ein Dorf, haben dort aber wieder ihren kleinen Radius mitgemacht. Jetzt sieht das alles anders aus, da wir die Erlebnishorizonte von 6 - durchaus mal Ausflüge - und 15 M. vereinen müssen.
Der Kleine hat jetzt den Vorteil (oder NAchteil), dass er viel getragen oder doch im Wagen gefahren wird, weil eben pünktlich die Große von der Schule abgeholt werden will, er vorher Hunger hat wir kaum Zeit dazwischen haben und den WEg dann noch zu Fuß hinzukriegen. Oder andere Termine der Großen den Beat vorgeben. Soweit möglich versuchs ich aber zu Fuß und die Große hat dann eben Rollschuhe, Springseil oä dabei um die Zeit zu überbrücken. Bin für Tipps das unter einen Hut zu kriegen und nicht allzu häufig bei getrenntem Programm zu landen dankbar.
Autofahren ist natürlich doof für Kinder, finde ich: stinkig, zu schnelle Eindrücke. Für mich aber immer wieder unumgänglich und wir versuchen uns gemütlich zu machen mit Singen, Rätseln etc.

Grüße
Frau Holle

verschiedene Bedürfnisse

Hallo Frau Holle!
Danke für den interessanten Beitrag!
Mich würde interessieren, ob es für den Jüngeren, der ja nun auch schon größere Distanzen "überwinden" muss, schwierig ist, ihm zuviel ist, oder merkt man ihm da gar nichts an?
Und wie lange kann man mit einer 6-Jährigen schon zu Fuß unterwegs sein?
Liebe Grüße,
Heidi