Muss mein Kind meditieren?

Ein entspannter und spielerischer Ansatz hilft mehr als Grenzen und Zwang

Sollten Kinder meditieren? Ist das der Weg, wie sie achtsam mit sich und der Welt umgehen können?
Egal in welchem Alter, manche Kinder können und wollen einfach still sitzen und andere nicht. Die Fähigkeit eines Kindes, zu meditieren, schwankt und hängt mit seinem Vermögen zusammen, seine Aufmerksamkeit zu steuern und aufrechtzuerhalten. Es gibt aber Möglichkeiten unseren Kindern dabei zu helfen dieses Vermögen auszubauen – und dazu brauchen wir sie weder zu zwingen, noch zu drängen.

Achtsamkeit Kind Buddha Meditation

Vor dreißig Jahren nutzte Dr. Jon Kabat-Zinn, der damals als Wissenschaftler an der University of Massachusetts arbeitete, die Praxis der Achtsamkeit, um ein säkulares „achtsamkeitsbasiertes“ Programm zur Stressbewältigung für Erwachsene zu entwickeln, das als MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction) bekannt ist. Grob beschrieben brachte Dr. Kabat-Zinn Erwachsenen bei, sich, nur für eine kurze Weile, damit zurückzuhalten, auf eine Stresssituation zu reagieren oder sie gar zu analysieren, und in der Erfahrung dessen, was passiert, zu ruhen, um es klar zu sehen. Und es funktionierte.

Diese erlernte Fertigkeit ermöglichte es jenen, die achtsamkeitsbasierte Stressbewältigung praktizierten, ihre eigenen reaktiven Emotionen besser zu kontrollieren und deshalb dann, wenn sie bereit waren, auf eine besser überlegte, ruhigere und vernünftigere Weise zu reagieren. Als ich begann, mit Kindern Achtsamkeit zu praktizieren, bestand mein Ziel darin, dem durch die achtsamkeitsbasierte Stressbewältigung geschaffenen Präzedenzfall zu folgen und selbstgesteuerte, beruhigende Techniken zu vermitteln, um den Kindern zu helfen, aufmerksamer, ausgeglichener und bewusster zu werden. Ich hoffte, Achtsamkeit würde Kindern helfen, ihr Leben klar zu sehen und sich wohlüberlegte Ziele zu setzen, und sie mit den Mitteln ausstatten, um ihre Ziele zu erreichen und reflektierendere und fürsorglichere Erwachsene zu werden.

Transformieren, statt kontrollieren

Achtsames Gewahrsein hängt nicht davon ab, ob man einen friedlichen Geisteszustand erlangt. Viele Male habe ich für ausgedehnte Zeit auf einem Kissen gesessen und nichts erreicht, was einem ruhigen, konzentrierten Geisteszustand auch nur nahe käme. Das ist kein Versagen, sondern ein integraler Bestandteil des Prozesses der Entwicklung von Achtsamkeit. Es passiert jedem. Bei achtsamer Introspektion kommt es darauf an, dem Gewahrsein entgegenzubringen, was im eigenen Geist und Körper geschieht (seinen Gedanken, Emotionen und körperlichen Empfindungen beispielsweise). Seinen Geist nicht zu kontrollieren, sondern zu transformieren. Es ist eine prozessorientierte Praxis. Dies steht im diametralen Gegensatz zum Schultag, an dem Kinder häufig dazu gezwungen sind, jedes bisschen ihrer Energie auf ein statisches, starres Ziel zu richten, das oft mittels standardisierter Testergebnisse gemessen wird. Achtsamkeit beinhaltet eine andere Betrachtungsweise des Lernens als die, die hinter dem Ansatz steht, nach dem in den meisten Schulen unterrichtet wird, und ich habe gesehen, wie sie die Lernfreude bei Kindern fördert.

Was ist ein achtsames Kind?

Häufig werde ich gefragt: Wie sieht ein achtsames Kind aus? Welche Eigenschaften erwarten Sie bei einem achtsamen Kind? Wie würden Sie eines erkennen? Es gibt mehrere wissenschaftliche Veröffentlichungen, in denen spezielle Verhaltensweisen, äußere Zeichen und psychologische Prozesse aufgeführt werden, die darauf hinweisen, ob eine Person mehr oder weniger achtsam ist als eine andere; meine bevorzugte Beschreibung des „achtsamen Kindes“ aber verfassten zwei meiner Mittelstufenschüler für ihre Schülerzeitung: „Nach einer Stunde achtsamen Gewahrseins wurden die Schüler allmählich positiver und weniger müde und ihr Stress begann zu verschwinden.“ Dies ist meiner Meinung nach die stärkste Bestätigung, die das Programm erhalten konnte.

Eine weitere Frage, die Eltern stellen, ist die, ob sie darauf bestehen sollten, dass ihr Kind jeden Tag meditiert. Die kurze Antwort lautet: nein. Ich bestehe nie darauf, dass Kinder jeden Tag meditieren oder überhaupt meditieren. Es ist relativ ungewöhnlich für Kinder, auf regelmäßiger Basis alleine Meditation zu betreiben. Einige aber tun dies und erzählen mir, dass sie in der angenehmen Ruhe, die sie beim Meditieren spüren, Trost finden. Häufig handelt es sich hierbei um Kinder, deren Eltern regelmäßig meditieren, und sie befinden sich mit ihrer Sitzpraxis in guter Gesellschaft – im übertragenen wie im wortwörtlichen Sinne. Wenn das geschieht, ist es wunderbar, doch ist dies nicht der einzige Weg, wie sich von Achtsamkeitstraining profitieren lässt. Statt auf eine regelmäßige Praxis zu bestehen, können Sie regelmäßige Meditation modellhaft vorführen, indem Sie sie selbst betreiben. Möglicherweise machen Ihre Kinder dann einfach mit.

Der Geist unserer Kinder ist frei

Kinder dazu zu veranlassen, für längere Zeit still zu sitzen, hat viele potentielle Kehrseiten, kann zum Beispiel eine lähmende Langeweile auslösen; andere Kehrseiten können potentiell schwerwiegend sein. Tiefgehend zu reflektieren, insbesondere während man gemeinsam mit anderen Menschen in einem Raum liegt, ist emotional nicht für jedermann eine sichere Sache. Angst, Depression und Befangenheit sind nur einige der vielen legitimen Gründe dafür, warum das Meditieren in der Öffentlichkeit für manche Kinder besonders schwierig sein kann. Beim Arbeiten mit einem unfreiwilligen Schülerpublikum in einem Klassenraum ist es extrem wichtig, daran zu denken, dass bei der Introspektion schmerzhafte Emotionen hochkommen können. Es ist nicht unüblich, dass Gedanken und Emotionen den Geist eines Kindes mit einer Stärke und Intensität überfluten, die sie nur schwer, wenn nicht unmöglich, alleine verarbeiten können.

Selbst wenn es keine emotionale Schwierigkeit gibt, die Kinder von der introspektiven Praxis abhält, ist es nicht sinnvoll, sie dazu zu zwingen. Man kann darauf bestehen, dass Kinder still sitzen und leise sind, und man kann im Zusammenhang mit ihrem Körper Grenzen geltend machen und Kontrolle ausüben, aber es ist unmöglich, im Hinblick auf das, was in ihrem Geist vor sich geht, Grenzen geltend zu machen und Kontrolle auszuüben. Wenn Kinder kein Interesse haben, sitzen sie vielleicht ruhig, aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie meditieren, ist gering.

Möglichkeiten Achtsamkeit zu integrieren

Passt man nicht auf, kann es passieren, dass Meditation mit Bestrafung oder Disziplin assoziiert wird, insbesondere von Kindern, die es gewöhnt sind, nach unerwünschtem Betragen kurzzeitig von Reizen isoliert zu werden (Time-Out). Ich sehe meine Rolle darin, in den Köpfen und Häusern von Kindern und ihren Familien Samen auszusäen. Wie diese Samen wachsen, liegt an ihnen. Durch die Wahl eines entspannten und spielerischen Ansatzes sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass den Kindern die Lust an der Achtsamkeitspraxis genommen wird – heute mögen sie nicht interessiert sein, vielleicht aber werden sie es zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in ihrem Leben sein.

Meditation ist nicht notwendig, damit ein Kind achtsamer wird, auch wenn sie gewiss dabei hilft. Wenn es für Ihr Kind sicher und angenehm ist, zu meditieren, wird es davon profitieren, Meditation und andere Formen der Introspektion zu praktizieren, um seine Achtsamkeit zu erhöhen und seine Selbsterkenntnis zu stärken. Jedoch wird die Achtsamkeit durch sämtliche Formen der Achtsamkeit erhöht, und es gibt eine Reihe anderer Möglichkeiten als die Sitzmeditation, um Achtsamkeit in das Leben von Kindern zu bringen. Viele Eltern integrieren Achtsamkeit in ihre Zubettgehroutinen, und ihre Kinder stellen fest, dass das Ruhen in der körperlichen Empfindung des Atmens ihnen hilft, einzuschlafen.

Aus dem Buch:

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

Übersetzung: Christiane Sadler

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