Sich selbst als Mutter vertrauen

Traditionelles Muttersein? Eine Spurensuche

Männer und Frauen müssen heutzutage ihr Vater- und Muttersein neu erfinden. Es sind nicht nur die „neuen Väter“, die sich aufmachen – auch für Frauen ist diese Suche längst nicht abgeschlossen. Manchmal scheint mir gar, als stünden wir damit noch ganz am Anfang.
Welche Rolle spielt mütterliches Wirken noch in einer Zeit, in der Kindheit in einem Atemzug mit Kinderbetreuung und frühkindlicher Bildung genannt wird? Kann sich traditionell mütterliches Wirken unter den heutigen Lebens- und Arbeitsbedingungen überhaupt noch verwirklichen?

Als Mutter da sein

© Gitti Woithon

Vieles hat sich in den letzten Jahrzehnten für Frauen verändert. Sie sind Bundeskanzlerin, Fußballweltmeisterin und Nobelpreisträgerin, sie sorgen für ihr eigenes Einkommen und entscheiden weitgehend darüber, ob und wenn ja, wann sie ein Kind bekommen. In dem Moment aber, in dem wir Mütter werden, beginnen wir noch einmal ganz von vorne.

Viele der Qualitäten, die wir im Berufsleben entwickelt haben, sind im Kontakt mit Kindern völlig unbrauchbar oder sogar hinderlich. Gefühle der Hilflosigkeit, der Verletzlichkeit und letztlich auch die Erkenntnis, als Mutter finanziell auf die eine oder andere Weise wieder völlig abhängig zu sein, treffen ins Innerste, wenn wir doch zuvor unabhängig waren und Wert darauf gelegt haben, alles irgendwie allein zu schaffen. Nicht mehr ausschließlich an den Haushalt gebunden zu sein, berufstätig zu sein, selbst für die eigene Existenz sorgen zu können – all dies hat das Leben von Frauen auf eine Weise freier gemacht.

Und doch lauert die bange Frage, von der wir glaubten, sie überwinden zu können, noch immer in uns und wird spürbar in all jenen Entweder-Oder-Gesprächen über die „richtige Kindererziehung“, über „Daumen oder Schnuller?“, „Arbeiten gehen oder zu Hause sein?“, „Französisch oder Spanisch als zweite Fremdsprache?“, hinter all dem Ehrgeiz und dem Förderwahn unserer Zeit. Es ist die Frage: „Bin ich dann/oder trotzdem/oder deshalb eine gute Mutter?“

Wir wollen es ja gut machen

Auf eine Art und Weise erscheint diese Frage völlig berechtigt: Wir wollen es ja gut machen mit den Kindern und wir wünschen uns von Anderen gesehen zu sein für das, was wir tun und sind: für die Verantwortung, die wir übernehmen, und den Beitrag, den wir leisten. Die Signale aber, die Mütter heute von außen erhalten, nähren uns nicht in unserem Muttersein. Was auf uns einwirkt ist vor allem die Forderung, Muttersein als vorübergehenden Zustand der Unpässlichkeit so schnell wie möglich hinter uns zu lassen und wieder erwerbstätig zu werden.

Bleiben wir als Mütter mit Kindern alleine zu Hause, müssen wir weiterhin die bekannten Nachteile wie finanzielle Abhängigkeit und Isolation in Kauf nehmen. Kehren wir in den Beruf zurück, stimmen wir der frühzeitigen Trennung von unseren Kindern zu, weil die Orte, an denen wir Geld verdienen, und die Orte, an denen Kinder groß werden, getrennt sind. Irgendwo dazwischen liegen jene Teilzeitjobs, die Müttern helfen „rauszukommen“, die aber bei weitem nicht ihre Existenz sichern – zumal der Verdienst oft von den Betreuungskosten aufgezehrt wird.

Hinzu kommt, dass „Muttersein“ immer wieder und immer noch von außen definiert, ideologisch benutzt und in den Dienst politischer oder wirtschaftlicher Zwecke gestellt wird. Dabei zeigt uns ein Blick in die Geschichte, wie verheerend es sich auswirken kann, wenn Mütter sich von außen auferlegen lassen, was eine Mutter ist und wie sie zu fühlen und zu handeln hat.

"Der kleine aber unerbittliche Haustyrann ist fertig"

Es ist noch nicht lange her, da wurde Müttern in Deutschland erklärt, es sei richtig, Neugeborene für Stunden von der Mutter zu trennen, Babys im strikten Vier-Stunden-Takt zu stillen und sie ansonsten schreien zu lassen, sie nur ja nicht mit „Affenliebe“ zu behandeln. Nachzulesen sind diese Anweisungen zur Säuglingsbehandlung – von Pflege kann man kaum sprechen – in dem 1934 von der Kinderärztin Johanna Haarer verfassten Ratgeber Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind.

„Strenge“, „Beharrlichkeit“, „Willenskraft“ und vor allem und immer wieder „Unerbittlichkeit“ waren die Eigenschaften, die eine „gute Mutter“ im Nationalsozialismus kennzeichneten, und so ist beispielsweise über kindliches Weinen zu lesen: „Versagt der Schnuller, dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift erstaunlich rasch, dass es nur zu schreien braucht, um eine mitleidige Seele herbeizurufen und Gegenstand solcher Fürsorge zu werden. Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht ein, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird – und der kleine aber unerbittliche Haustyrann ist fertig.“

Die Bezeichnung des Kindes als Tyrannen, die Beziehung zwischen Müttern und Kindern als Kampfplatz, ja die systematische Unterdrückung einer engen Mutter-Kind-Bindung – im Nationalsozialismus gehörte es zum Programm: Je weniger familiäre Bindung Kinder erfahren hatten, umso empfänglicher wurden sie für Gemeinschaftserlebnisse in der „Hitlerjugend“ und desto schwieriger war es für sie, die Massenbewegung kritisch zu hinterfragen. Siegrid Chamberlain kommt in ihrem Buch Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind zu dem Ergebnis: „Persönliche Bindungen, bindungs- und beziehungsfähige Menschen störten das System.“

Durch Fürsorge und Einfühlung überleben und den Fortbestand sichern

Erfolgreich im Sinne der Evolution war allerdings ein mütterliches Sein, das nicht von außen auferlegt und bestimmt wurde, sondern das im Kontakt mit dem Kind wuchs und zugleich von außen unterstützt und getragen wurde. Die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy zeigt in ihrem Buch Mütter und andere – wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat eindrücklich: dass wir heute hier sind, verdanken wir jenen Gemeinschaften, in denen Menschen zunächst in ihrer Kindheit die Erfahrung von Fürsorge und Einfühlung gemacht haben und in denen Frauen, wenn sie Mutter wurden, von anderen Familienmitgliedern wie Müttern, Tanten und Schwestern fürsorglich umsorgt und unterstützt wurden.

Waren diese Mütter wiederum liebevoll und einfühlsam im Umgang mit ihren Babys, war das die beste Voraussetzung für das Überleben der Kinder und den Fortbestand der Gemeinschaft. In diesem Sinn zeigte sich mütterliche Wirksamkeit in einer Verbundenheit, einem Auf-einander-bezogen-Sein, einer Einstimmung auf einander, auf das eigene Kind und die Kinder anderer Mütter, aber eben auch in Beziehung zu anderen fürsorglichen Erwachsenen.

Dieser Rahmen aus Einstimmung und Fürsorge für Mütter und Väter ist in unserer Gesellschaft heute kaum noch gegeben. Der zeitliche und finanzielle Druck, unter dem wir stehen, und die fehlende unmittelbare Unterstützung für Eltern – all dies sind Auswirkungen einer Denk- und Wirtschaftsweise, die von dem Glauben an Leistung, Konsum, Gewinn und grenzenlosem Wachstum geprägt ist. In diesem Licht erscheinen die jüngsten Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung in Deutschland nur als konsequente Reaktion von Frauen auf den Mangel an spürbarer Fürsorge und Resonanz, die ihnen als Mutter zuteil wird. Denn auf Familiennetze können viele nicht mehr zurückgreifen und diese Netze selbst zu knüpfen ist für Mütter mit kleinen Kindern kräftemäßig oft kaum zu bewerkstelligen.

Authentischer Kontakt von Familienangehörigen kann nicht ersetzt werden

Es mangelt so sehr an erfahrenen Müttern, die Mütter mit Kleinkindern beistehen könnten. Ihre Erfahrung im Umgang mit Kindern steht uns kaum mehr zur Verfügung, weil sie selbst wieder berufstätig sind und die Erfahrung, als Mutter unterstützt zu sein, oft nicht gemacht haben. Und wo werden in Zukunft noch Großeltern zu finden sein, die Eltern entlasten und Zeit und Gelassenheit im Umgang mit ihren Enkelkindern mitbringen, wenn die Lebensarbeitszeit um weitere Jahre hinaufgesetzt wird? Der dänische Familientherapeut Jesper Juul warnt seit Jahren davor, die Beziehungen zu Kindern immer stärker in den Dienstleistungssektor zu verlagern. Kinder brauchen den authentischen Kontakt zu ihnen nahestehenden Menschen. ErzieherInnen und LehrerInnen, die selbst in ihrer Existenz von einem Arbeitgeber abhängig und immer stärker in Lehrpläne eingebunden sind, können diesen authentischen Kontakt, den Familienangehörige und nahe Freunde zu einem Kind haben, nicht ersetzen.

Mütter und Väter sollten aus einer Fülle schöpfen können, um Kinder mit Zeit, Fürsorge und Sicherheit beschenken und ihnen authentische Kontakte zu einem erweiterten Kreis von Erwachsenen anbieten zu können. Wenn es uns gelänge, diese Art der Wirksamkeit, diese umfassende Fürsorge als kulturellen und sozialen Wert neu zu bewerten, könnte dies einen nachhaltigen Wandel einleiten. Allerdings braucht es dafür eine existentielle Absicherung, beispielsweise durch die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Voraussetzung dafür wäre ein grundlegendes Umdenken über die Frage, was eigentlich „Arbeit“ ist oder was sie im besten Fall bewirken soll. Es beginnt bei der Vorstellung, dass Menschen, weil sie verbunden sein wollen, einen Beitrag zu der Gemeinschaft, in der sie leben, leisten und dass es ein menschliches Grundbedürfnis ist, tätig und wirksam zu sein – so wie wir es bei kleinen Kindern noch beobachten können.

Den Kreislauf des Lebens erkunden, von Herzen schenken, feiern und spielen

Es mag verrückt sein, daran zu glauben, dass wir eines Tages auf der Basis einer individuell gesicherten Existenz Wirksamkeit für die Gemeinschaft als gleichwertig oder sogar wichtiger als materielle Gewinne wertschätzen und den einfühlsamen, unmittelbaren Kontakt zwischen Eltern und Kindern als arbeit-wertschöpfend für die Gemeinschaft anerkennen. In der bewussten Verrückung aber liegt die Chance, unter den gegebenen Umständen nicht verrückt zu werden. Und dies kann bedeuten, dass wir uns von jenen Qualitäten, die traditionell der „guten Mutter“ zugeschrieben wurden, nicht etwa abwenden, sondern uns ihnen wieder bewusst zuwenden und diese, indem wir sie benennen, loslösen und freigeben.

Auf diese Weise könnten Frauen endlich über die Frage „bin ich eine gute Mutter?“ hinauswachsen und zugleich einem wachsenden Kreis anderer Menschen die Möglichkeit geben, diese Qualitäten in ihr Leben zu integrieren. Zu diesen Qualitäten gehören für mich: Elternschaft und Partnerschaft, die nicht an Bedingungen geknüpft sind, Zugänge zu Fürsorge und umfassendem Mitgefühl zu suchen, Kreativität zu verwirklichen, das Unvollkommene wertzuschätzen, den Kreislauf des Lebens zu erkunden, von Herzen zu schenken, zu feiern, zu spielen, die eigene Mitte immer neu zu erkunden und nicht nachzulassen darin, diese als Ort der Anbindung anzubieten.

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

Julia Grösch ist verheiratet, Mutter von zwei Töchtern und lebt mit ihrer Familie in Darmstadt. Dort leitet sie einen „Mit Kindern wachsen – Entdeckungsraum“.

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