Unser schönes neues industrielles Denken

Optimale Lernbeziehungen helfen uns die Welt zu einem besseren Ort zu machen

Je schneller die Dinge sich verändern, desto größer das Bedürfnis, jede Veränderung vorhersagen und kontrollieren zu können. Alles erwärmt sich, heizt sich auf, der Planet, unser Stress, die Anzahl der täglich zu treffenden Entscheidungen, Konflikte, Gewalt. Wie können wir diese Zerstörung aufhalten? Was können wir unseren Kindern geben, damit sie sich in dieser Welt zurechtfinden? Für Michael Mendizza ist die Antwort eindeutig: Optimale Lernbeziehungen!

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Moderne Seinsweise © stalker88/photocase

Tausende von Jahren mussten die Menschen vom Fliegen träumen, bis es den Gebrüdern Wright mit der Kitty Hawk gelang, sich in die Lüfte zu erheben. Weniger als siebzig Jahre später landeten wir auf dem Mond. Noch um 1900 lebten 97% der Bevölkerung in Großfamilien auf dem Land. Unsere Urgroßeltern lebten vom Eigenanbau und verkauften ihren Überschuss auf dem Markt.

Während der vergangenen Jahrzehnte ist die traditionelle Familie fast verschwunden. Die Hälfte aller geschlossenen Ehen wird geschieden. Kinder aus einer Vorschule in New York zeichneten kleine orangefarbene Quadrate, als sie Karotten malen sollten. Amerikanische Kinder kennen nur wenige Pflanzen, können jedoch mit Leichtigkeit hundert und mehr Firmenlogos identifizieren. Bis hin zur Gute-Nacht-Geschichte haben sich kommerzielle Medien in die Zeit eingeschlichen, die Familien miteinander verbrachten. Mütter, die zu Hause bleiben, um ihre Kinder zu erziehen, sterben so schnell aus wie manche vom Aussterben bedrohte Spezies.

Unsere sich rapide verändernde Welt wird von Annahmen ungeheuren Ausmaßes angetrieben, Annahmen, die sich direkt auf die Eltern-Kind-Beziehung und die Erziehung unserer Kinder auswirken. Hinter diesen Veränderungen, die in der bisherigen Geschichte der Menschheit ihresgleichen suchen, lauert, wie es der Ökologe David Orr ausdrückt, unser industrielles Denken.

Aus "Earth In Mind" von David Orr

„Unsere gegenwärtigen Diskussionen um Erziehungsmaßstäbe und Reformen werden alle von dem Glauben angetrieben, dass wir unsere Kinder vor allem darauf vorbereiten müssen, dass sie in einer globalen Wirtschaft mithalten können... Aber die disziplinorientierte Erziehung, die uns befähigt hat, unseren Planeten zu industrialisieren, wird uns nicht notwendigerweise dabei behilflich sein, den enormen Schaden zu reparieren, den wir durch die Industrialisierung angerichtet haben. Genau betrachtet betrifft die ökologische Krise (wie auch die Krise, die unsere Kindheit bedroht) unsere Denkweise und die Institutionen, die vorgeben, die Denkfähigkeit heranzubilden und zu verfeinern... Noch mehr Erziehung von der gleichen Art wird unsere Probleme nur zementieren... An diesem heutigen Tag werden wir 300 Quatratkilometer Regenwald verlieren, das entspricht ungefähr 4000 Quatratmeter pro Sekunde. Bis zum Jahresende wird der Verlust an Regenwald insgesamt eine Fläche von der Größe des Staates Washington ausmachen; sich ausdehnende Wüsten eine Fläche von der Größe West Virginias; die Bevölkerung wird um mehr als 90.000.000 angewachsen sein. Am Ende des Jahres 2000 werden circa 20% der Lebensformen, die im Jahr 1900 die Erde bevölkerten, ausgestorben sein.“

Unser industrielles Denken hat gravirende Auswirkungen auf das soziale Leben

Der gewaltige Einfluss unseres industriellen Denkens auf die Umwelt zeigt sich auch in der Familie, Nachbarschaft und in unseren Schulen. Zwischen 1983 und 1996 verdoppelte sich der Kindesmissbrauch in den Vereinigten Staaten; die Zahl schwer misshandelter Kinder vervierfachte sich sogar. Jedes Jahr laufen eine Million Kinder von zu Hause fort; acht Millionen Kinder verbringen mehr Zeit in der Tagesbetreuung als mit den Eltern. Der Anteil berufstätiger Mütter am Arbeitsmarkt steigt sprunghaft an. Dieses Jahr werden allein zwanzig Millionen Rezepte für höchst suchterregende Psychopharmaka an Kinder – sogar bereits im Vorschulalter – ausgestellt, um deren Verhalten zu kontrollieren. Selbstmord als Todesursache rangiert unter amerikanischen Kindern an dritter Stelle, und das bedeutet einen Teenager-Selbstmordversuch alle 78 Sekunden.

„Hier waren nicht Dummköpfe am Werk, sondern kluge Köpfe mit akademischen Titeln bis hin zum Doktorgrad. Erziehung und Bildung können also gefährlich sein... Nicht Erziehung, sondern eine bestimmte Art von Erziehung wird uns retten... Erzieher müssen selbst wieder Lernende werden, müssen ökologisch wirksames Denken lernen und alles, was dazu gehört, um ein solches Denken zu fördern. Was auf nichts anderes hinausläuft als auf einen Neuentwurf der Erziehung selbst.“, so David Orr.

Wir können uns neu orientieren

Optimale Lernbeziehungen (d.h. eine vertrauensvolle, geborgene und damit emotional sichere Atmos­phäre, in der Kinder frei sind, zu spielen bzw. ihren selbst gewählten Aktivitäten zu folgen) öffnen einem solchen vollständigen Umdenken im Bildungswesen und in der Elternrolle die Tür. Die Veränderung unseres Zustands ist der Schlüssel für die Neuorientierung, die beide Bereiche neu definieren wird.

Wir alle wie auch unsere Wirtschafts-, Gesellschafts- und Bildungsinstitutionen sind vom „industriellen Denken“ geprägt. Wir stecken darin fest. So wie Wasser für Fische transparent ist, sind es die dem industriellen Denken innewohnenden Annahmen und Werte. Nur selten einmal blitzt eine Ahnung davon auf, wie sehr unsere Sicht der Welt durch Beschränkungen und tiefsitzende Konditionierungen bestimmt ist. Was wir allerdings sehen, ist der gewaltige Einfluss, den unser Denken auf unsere Familien hat, auf unsere Kinder, auf die Umwelt.

Bohm, Einstein und andere haben immer wieder betont, dass die Probleme, das industrielles Denken erzeugt hat, nicht durch die gleiche Art von Denken überwunden und beseitigt werden können. Man kann ein Problem nicht auf der Problemebene lösen, denn das Denken, welches das Problem heraufbeschworen hat, ist das Problem.

Gleiches gilt für unser Leben mit Kindern, für unser Bildungswesen. Wir Erwachsenen brauchen ein neues Denken, ein frisches Denken, ein unverfälschtes, authentisches Denken, das in der Lage ist, über die Beschränkungen hinauszusehen, die so viele Konflikte in uns selbst erzeugen, in unseren Kindern und in der Welt. Optimale Lernbeziehungen öffnen die Tür und laden dieses neue Denken ein, sich mit der Welt zu treffen und auf sie zu antworten. Und was es offenbart, wird für unser industrielles Denken eine echte Offenbarung sein.

Einen anderen Zustand entdecken und andere, neue Fähigkeiten entwickeln

Wege zu finden, um jenseits der Zwänge und engen Grenzen zu gelangen, die wir uns durch unsere Konditionierungen auferlegen, das ist, so Bohm, die große Herausforderung. Um ihr zu begegnen, müssen wir einen anderen Zustand entdecken, andere, neue Fähigkeiten entwickeln, die nicht auf unsere vorgegebenen Muster beschränkt sind. Jedes Mal wenn wir „denken“, dass wir es geschafft haben, müssen wir zu dem optimalen Zustand echten Spiels zurückkehren und die Wahrnehmung neuer Muster und Möglichkeiten zulassen. Wenn wir uns zu lange auf einer Überzeugung oder einer Schlussfolgerung ausruhen, büßen wir die Vitalität und die Intelligenz unserer wahren Natur ein.

Optimale Lernbeziehungen erweitern das vorherrschende Eltern- und Bildungsmodell, indem sie in jedem Alter und in jedem Bereich Seins- und Beziehungszustände als für den Lernvorgang, das allgemeine Wohlbefinden und die Leistung fundamental wichtige und zunehmend entscheidende Komponenten berücksichtigen.

Aber ist all das überhaupt durchführbar? Wird es uns die Resultate bescheren, die wir jetzt mit unseren Kontrollstrategien, unseren Belohnungen und Bestrafungen zu erzielen hoffen?

Folgen Optimaler Lernbeziehungen

Einige Lehrer haben in ihren Klassen mit Optimalen Lernbeziehungen gearbeitet und folgende Beobachtungen gemacht:

– Weniger Gewalt und weniger soziale Isolation.

– Besseres Einfühlungsvermögen, bessere Zusammenarbeit, stärkere Wahrnehmung der Gruppe durch Abbau von Konflikten, die für gewöhnlich mit Kategorien, Beurteilungen und Meinungsverschiedenheiten verbunden sind.

– Eine positivere Selbsteinschätzung, erhöhte Kommunikationsfähigkeit und echte Kreativität durch Abbau von Ängsten und Stress, die man in den meisten Lernsituationen antrifft.

– Ein tieferes Verständnis der Tatsache, dass Berührung und Bewegung an jedem normalen Lernvorgang und an einer gesunden Entwicklung wesentlich beteiligt sind.

– Die Schüler waren zu vollständigerem Lernen in der Lage. In dem Maß, wie sie sich sicher und geborgen fühlten, wurden sie konzentrierter, aber auch fähig, von der Umgebung zu lernen, nicht nur von den Lehrern. Sie entwickelten eine höhere Sensibilität für Wahrnehmung und für Veränderungen.

– Man erfährt die positiven Auswirkungen körperlicher Bewegung; man lernt und versteht Körpersprache, lernt und versteht den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung in Beziehungen, erlernt nicht-verbale Formen der Kommunikation, lernt achtsam zu sein, die Aufmerksamkeit auf etwas zu richten, einer Situation volle Aufmerksamkeit zu schenken.

– Im Spiel mit autistischen Kindern nahm die Häufigkeit des Augenkontakts zu, Berührungen nahmen zu, sie verbalisierten stärker, die Interaktionen untereinander nahmen zu, Gewalt nahm ab, es wurde mehr gelacht. Nach dem Spiel waren die Schüler aufnahmebereiter und williger, sich anderen Aufgaben zu widmen.

– Soziales Verhalten kann stärker entwickelt werden. Viele der Kinder, mit denen wir spielen, sind zurückhaltend, still, ja zaghaft. Spielen hilft Kindern, „aus ihrem Schneckenhaus“ zu kommen.

Abbau von Konflikten und Gewalt – die Sicherheit wird erhöht

Schüler sind weniger gewalttätig und können mit Differenzen besser und vernünftiger umgehen.

Sie entwickeln eine größere Sensibilität Lehrern und Mitschülern gegenüber.

Sie entwickeln starke freundschaftliche Bande und können sich die Arme um die Schultern legen, ohne Angst vor Hänseleien zu haben.

Sie wissen besser, was eine „sichere“ Berührung ist. Sie wissen, wie es sich anfühlt, auf eine positive Weise berührt zu werden, so dass sie es schneller mitbekommen, wenn jemand sie aggressiv oder sexuell berührt.

Sie entwickeln ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zu etwas „Größerem“.
Gruppenzwang wird abgebaut. Sie brauchen keine Gruppe und auch keine Drogen, um ein Gefühl von Dazugehörigkeit zu entwickeln.

Spiel ist ein sicherer Ort, an dem man der sein kann, der man ist, und an dem man wachsen kann (Lernen durch Erfahrung). Kinder lernen, dass „Ausagieren“ in einer Atmosphäre des Vertrauens, der Sicherheit und der Zuneigung überflüssig ist.

Spiel sorgt für ein Umfeld, ein Modellverhalten und ein maßgebliches Muster, bei dem Freundlichkeit die Norm ist und nicht die Ausnahme.

Und das ist erst der Anfang

Wir haben auch nicht die leiseste Ahnung, wo die menschlichen Grenzen für Wahrnehmung und Lernen liegen. Wir haben noch nie in Modellumgebungen gelebt, die diese Potenziale optimal nutzen. Bis jetzt noch nicht.

Aus dem Buch:

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

Der Artikel stammt aus dem Buch "Neue Kinder, neue Eltern" von Michael Mendizza und Joseph Chilton Pearce.

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