Vater sein!
Ein Gespräch mit Professor Wolfgang Roth
Was bedeutet es Vater zu sein und wie hat sich die Vaterrolle im Laufe der letzten Jahr verändert? Darüber sprach Marie Martin mit Wolfgang Roth, Professor für Psychologie. Er selbst hat drei leibliche Kinder und zwei Stiefkinder und im Laufe seines Lebens verschiedene Konstellationen im Zusammenleben mit Kindern kennengelernt.
Was bedeutet Vatersein für Sie persönlich?
Es ist ein ganz zentraler Aspekt meines Lebens – vor allem auch deswegen, weil es gar nicht DIE Vaterrolle gibt, sondern sie wandelt sich ständig, je nachdem, in welcher Entwicklungsstufe/Situation die Kinder sind und man selbst es ist. Das schafft viel Flexibilität, aber auch Unsicherheit. Anfänglich geht es z.B. wohl vor allem darum, sich gemeinsam mit der Mutter auf die Ankunft eines Kindes vorzubereiten und sich gemeinsam darauf zu freuen. Ganz viele neue Dinge sind zu bedenken und es gilt, sein Leben langfristig mit einem Menschen zu planen, den man noch gar nicht kennt. Das Kind diktiert dann viele Aufgaben, und entscheidend dürfte sein, dass man sich darauf einlässt.
In der Pubertät geht es vor allem darum, Situationen auszuhalten, von denen man den Eindruck hat, man könne sie nicht mehr steuern. Der junge Mensch entwickelt sich zum Partner, und beide Seiten wissen noch nicht so recht, wie das gehen soll. Hier ist wohl entscheidend, dass man zwischenzeitlich seine eigene Persönlichkeit weit genug entwickelt hat, um als solche für das Kind/den Jugendlichen sichtbar zu werden und als Orientierung bei hohem Wellengang dienen zu können, wenn die Fahrt an dem Leuchtturm vorbei gesteuert wird.
Welchen Wandel hat die Vaterrolle durchgemacht?
Während früher die Rolle von Vater und Mutter weitgehend festgeschrieben war, so dass es eher die Frage war, ob man dieser Rolle gerecht wird, hat man heute die Elternrolle im System Familie (ob vollständig oder nicht) gemeinsam zu konstruieren, wobei nicht von vorne herein feststeht, welcher Part von wem übernommen wird. Das macht eine genauere Orientierung an den Bedürfnissen der Kinder notwendig.
Was sind die schönsten, was die lästigsten Aspekte des Vaterseins?
Eigentlich gibt es immer wieder wunderschöne Augenblicke und Zeiten. Gutenachtlied singen und auf der Gitarre begleiten und erleben, dass das Kind dann wirklich zufrieden seinen Tag beenden kann und gut einschläft; dass es sich voll in die Hände begibt, dass man die Verantwortung hat, was das eigene Leben erst bedeutsam und gewichtig macht. Die vielen eigenwilligen Kreationen der Kinder in Sprache, Schrift, Gemälden und Handlungen erleben und zu verstehen versuchen. Das gibt einem eine Ahnung von der Tiefe des Lebens und Menschseins, von dem Geheimnis Mensch und seiner Entwicklung.
Bei einem der beiden Stiefkinder war es für mich sehr beeindruckend, wie ich ganz spontan mit einer bestimmten Handlungsfolge letztlich das Vertrauen der tief verunsicherten Kinder gewinnen und ihnen Halt geben konnte.
Ausgesprochen lästig können Kinder werden, wenn man gleichzeitig seine Karriere zu basteln versucht und sich nicht auf sie einlassen kann. Auch in der Pubertät tun sie Dinge, deren Folgen sie nicht überschauen, oder man muss eine gewisse Härte bei der Grenzziehung zeigen, was mir manchmal schwer fällt, weil ich nie ganz sicher war, ob das richtig war. Wenn man sie nach einem Kaufhausdiebstahl bei der Polizei „auslösen“ muss oder sich nach dem Abmontieren von Autoemblemen bei den Nachbarn mit ihnen entschuldigen und den Schaden ersetzen muss, oder wenn sie einen beklauen und alles bisher bestehende Vertrauen weg zu sein scheint, dann ist das sehr verunsichernd und unangenehm. Langfristig aber sind solche Konflikte geradezu notwendig, lehrreich und heilsam, sie sind Krisen, in denen sich die Beziehung und das Umgehen-Können mit Schwierigkeiten erst erweisen kann.
Waren und sind Sie gerne Vater? Was glauben Sie, unterscheidet Vater und Mutter?
Wie man aus meinen Antworten sicher hören/sehen kann, war und bin ich es sehr gerne, und es ist auch heute noch meine wichtigste Aufgabe – mit den Kindern zu fühlen, das was nötig erscheint zu tun, ohne ihnen auf die Nerven zu gehen oder sie einzuengen.
Ich habe mich eigentlich nie um eine Abgrenzung gekümmert, was Kinder von der Mutter und was sie vom Vater brauchen. Ich bin als Mann anders als eine Frau und gebe das, was ich denke, dass ich es ihnen geben kann – und so machen es auch die Mütter/Frauen. Klar ist aber für mich, Kinder sollten das Glück haben, beide Rollen bzw. Formen von Menschsein um sich zu haben. Sie sortieren dann von sich aus: mit bestimmten Dingen gehen sie zur Mutter, mit anderen zum Vater. Sie brauchen deren Persönlichkeit und Zuneigung, Verlässlichkeit...
Übrigens werden inzwischen Eltern, die Kinder erzogen haben, von vielen Betrieben wieder gerne auch in vorgerücktem Alter eingestellt, weil sie genau das können, mit Konflikten und Schwierigkeiten umgehen. Eine Gesellschaft ist eben anders, wenn sie viele Kinder hat.
Stichwort „Vaterlose Gesellschaft“ – viele wuchsen und wachsen mit der teilweisen oder gänzlichen Abwesenheit des Vaters auf. Besonders die Generation, deren Väter im Krieg waren, hat keinen Vater gekannt. Was bedeutet das für eine Gesellschaft und was waren Ihre Erfahrungen mit dem Vater? Wer ist in dieser Hinsicht ein Vorbild für Sie gewesen? Kann die Mutter ein Vorbild für ein Vaterdasein geben oder braucht man als Mann eine positive Männerfigur?
Es war für mich zunächst schwer und ungewohnt, denn auch ich bin die längste Zeit ohne Vater aufgewachsen. Folglich wusste ich nicht, wie man sich als Vater richtig verhält. Nicht einmal die Abgrenzung („So wie mein Alter mache ich es bei meinen Kindern nicht“) war mir möglich. Aber letztlich habe ich für mein Mannwerden doch einen Onkel (kinderlos) gefunden, und das geht dann auch. Aber eine Frau ist kein Vorbild für einen Jungen – ich habe es bei meinen Kindern erlebt (in der Phase der Emanzipation und egalitären Erziehung von Kindern), dass Kinder eine Geschlechteridentität suchen, ja zu brauchen scheinen.
Jedenfalls war meine Tochter tief verunsichert, als wir ihr gegenüber meinten, es sei doch egal, ob man Mädchen ist oder Junge. Was sie später damit machen und ob sie sich davon wieder lösen, ist etwas ganz anderes, aber zunächst brauchen sie für die Selbstkonstruktion diese Sicherheit: wer bin ich!
Ich halte es jedenfalls für ganz schlecht (aus diesen Erfahrungen), wenn Kinder ohne Vater aufwachsen. Manche führen die Zunahme von Aggressionen/Kriminalität etc. auf die Vaterlosigkeit von Jungen zurück, da der Part fehlt, mit dem sie sich als werdende Männer auseinandersetzen müssen, der auch Einhalt gebietet in bestimmten Situationen und der zeigt, wie man mit sich und mit Frauen umgeht. Das zu zeigen ist „eigentlich“ Aufgabe des Vaters/Mannes, es sollte nicht von der Frau/Mutter eingefordert werden müssen. Jungen sind vielleicht stolz, wenn sie Partnerersatz für die alleinerziehende Mutter sind, aber ich denke, sie sind dabei oft überfordert, werden zu früh erwachsen.
Das wird natürlich relativiert, weil viele Väter nicht unbedingt eine positive Vaterrolle vorleben oder gar keine männliche Rolle haben. Ich meine nicht, dass die Rollenmuster traditionell festgelegt sein müssen, aber ein Kind, das erlebt, wie sich Mann und Frau/Mutter und Vater trotz ihrer Unterschiedlichkeit ab-sprechen, kooperieren, Aufgaben teilen etc., gibt ihm sehr wohl eine Vorstellung über Partnerschaft und darüber, wie es später seine Rolle finden kann – und es kann sich darauf vielleicht sogar freuen, denn es hat Klarheit über das, was kommen könnte.
Manchmal denke ich, dass ich mich von meiner Vaterlosigkeit, die etwas Trauriges, Schwächendes hat, durch mein eigenes Vatersein „geheilt“ habe.
Was halten Sie vom Elterngeld?
Ich glaube nicht, dass es ein gutes Instrument ist. Es müsste sich eher die Atmosphäre in der Gesellschaft ändern.
Es ist meines Erachtens ungemein technizistisch: Weil wir die Kinder zum Bezahlen der Rente, als Fachkräfte usw. brauchen, deshalb wird ihre Produktion angeregt... Abgesehen von dem Fakt, dass dann die neue „Unterschicht“ wegen des Geldes Kinder produziert, und dann doch im Stich gelassen wird, wenn Kinder anfangen, richtig Geld zu kosten, ist es eine Frage, ob diese Steuerung sinnvoll ist. Wenn die Intellektuellen und Reichen wenig, die Armen und Dummen viele Kinder bekommen, macht das die Gesellschaft mit Sicherheit noch kinderunfreundlicher. Besser ist es (oder es muss zum Elterngeld hinzukommen), wenn Kinder im Betrieb, in Kindergruppen etc., wo sie genügend andere Kinder zum Spielen haben, gut betreut werden. Also nicht wieder vorwiegend die familiäre Kinderbetreuung fördern und das alte Konzept der Familienbetreuung fortschreiben.
Ich habe mich zeitweise wirklich vom Staat, der Gesellschaft im Stich gelassen gefühlt. Zeitweise hatte ich mit meinem Gehalt als Hochschullehrer Mühe über die Runden zu kommen. Kinder zu haben, war nicht nur ein „privates Vergnügen“, sondern manchmal Ausdruck von Dummheit – so das Signal dieser Gesellschaft. Wenn sich das nun ändern sollte, wäre das schön. Aber eine von der Leyen macht aus der CDU noch keinen Sommer...
Haben Sie einen Rat für die Väter von morgen?
Sich auf die Kinder einlassen und die Situationen, die sich ergeben, kreativ mit ihnen angehen – das empfinde ich als ungemein lebenserweiternd, lebenserfüllend.
Kinder sind die Menschen, die das eigene Leben bereichern wie kein anderer Mensch und nichts Anderes! Deshalb sollten sich die Menschen darauf einlassen, auch wenn nicht alles perfekt und fertig scheint. SEIN Leben MIT Kindern gestalten, nicht neben ihnen oder gar in Abgrenzung zu ihnen. Das abgetrennte Kinderzimmer ist ein Symbol: eine scheinbar positive Situation ist Ausdruck eines Abschiebens. Kinder wollen und müssen mit ihren Eltern zusammen sein, um sich dann irgendwann auch von ihnen lösen zu können. Mit Kindern findet man ein anderes Leben, als wenn man keine Kinder hat. Zu gewichten, welche Form besser ist, will ich nicht generell wagen. Jedenfalls bin ich sehr froh, Kinder zu haben. Mein Leben wäre vielleicht in der Traurigkeit, keinen Vater zu haben, oder im Konsum, im Event stecken geblieben, hätte nicht die Tiefe und den Sinn erreicht, den es so hat. Es hat eine Orientierung auf Menschen, die zu einem gehören, gefunden.
Kinder brauchen wenig Materielles, sie brauchen liebende Menschen, die ihre Fähigkeit zur Liebe, ihr Verantwortungsgefühl, Gemeinschaftsgefühl etc. vor allem durch die Kinder entdecken. Eine menschliche Gesellschaft ist meines Erachtens ohne Kinder nicht denkbar.
Vielen Dank für das Gespräch.
Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:
Wolfgang Roth war bis 2004 Professor für Psychologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Von 1995 bis 2006 entwicklte und leitete er das Aus- und Weiterbildungsprogramm Humanistische Psychologie und Pädagogik an der Akademie für wissenschaftliche Weiterbildung von Universität und PH Freiburg. Derzeit ist er in freier Praxis tätig und bietet Weiterbildungen für LehrerInnen/ErzieherInnen und Beratung von NGO‘s und Schulen bei Projekten und Evaluationen an.


