Wie Säuglinge und Kleinkinder spielen

Freies Spiel hilft unseren Kindern sich selbst und die Welt kennen zu lernen

Das Spielen von Säuglingen und Kleinkindern mag Erwachsenen manchmal unbedeutend erscheinen – so, als ob ihr Tun keinen Sinn ergäbe. In Wirklichkeit aber erkunden die ganz Kleinen auf diese Weise ihre Umgebung und lernen die Welt kennen. Wir können sie darin unterstützen, indem wir uns nicht in ihr Spiel einmischen, sondern ihnen freien Lauf lassen und sie aufmerksam beobachten.

Wie Säuglinge und Kleinkinder spielen

Tyler sitzt auf dem Boden, mit einem einfachen Holzpuzzle zur einen und Stapelbechern aus Plastik zur anderen Seite. Neben ihm ist Kevin, der hinüberlangt und zwei der Puzzleteile wegnimmt. Tyler nimmt das Puzzlebrett hoch und lässt es fallen. Die Teile klappern aneinander, als sie auf dem Teppich landen, was Tyler zum Lächeln bringt. Kevin schaut erst zum Puzzle und dann zu Tyler. Tyler nimmt das Puzzleteil, das Kevin in der Hand hält. Kevin sieht überrascht aus. Dann nimmt Tyler ein anderes Teil vom Boden auf und schlägt die zwei Teile aneinander. Er lässt beide Teile fallen und Kevin hebt sie auf. Tyler hebt die Stapelbecher auf, geht hinüber zu einem niedrigen Podest und steigt darauf. Er streckt seine Arme in die Luft, dann setzt er sich schnell hin und fängt an, die Stapelbecher auseinander zu nehmen. Zuerst nimmt er den kleinen heraus; er klopft damit auf den Holzboden des Podests und legt den Kopf auf die Seite, um dem Geräusch zu lauschen. Seine Finger arbeiten an dem zweiten – befühlen die Form, greifen den Rand – und dann ist er draußen. Er klopft auch mit diesem auf den Boden, bevor er ihn neben den ersten stellt. Einen nach dem anderen nimmt er die Becher heraus und klopft mit jedem auf den Boden. Als er beim Letzten angelangt ist, stellt er ihn ans Ende der Reihe und sieht zufrieden aus. Dann steckt er die Becher wieder ineinander, genauso langsam und sorgfältig, wie er sie auseinander genommen hat.

Was Sie in dieser Eröffnungsszene gelesen haben, erscheint Ihnen vielleicht unbedeutend. Säuglinge und Kleinkinder spielen nicht auf dieselbe Art wie ältere Kinder. Man muss ein Verständnis dafür haben, wer Kleinkinder sind und was sie interessiert, um eine Szene wie diese wertzuschätzen. Man braucht außerdem gute Beobachtungsfähigkeiten, um die Details zu bemerken. Wir werden später zu dieser Szene zurückkehren, um sie zu besprechen.

Spielen ist für Wachstum und Lernen von wesentlicher Bedeutung

Das Spiel sollte ein Hauptbestandteil eines jeden Säuglings- oder Kleinkindprogramms sein. Kleinkindpädagogen haben schon lange erkannt, dass das Spiel für Wachstum und Lernen von entscheidender Bedeutung ist. Für kleine Kinder ist es etwas ganz Natürliches und sollte als eine wichtige Aktivität angesehen werden, nicht als etwas Zweitrangiges oder Optionales.

Der Nutzen des Spiels ist enorm und geht weit über die Dinge hinaus, über die sich so einfach reden lässt, wie die Entwicklung von Fähigkeiten und das Lernen von Konzepten. Spiel kann zum Beispiel ein Weg zu früher Schreibkompetenz sein. Wenn Sie sich das Spiel aufmerksam anschauen, können Sie dort genau genommen alle Merkmale von Fähigkeiten der Art, wie Kinder sie für die Grundlagen des Lesens und Schreibens brauchen, finden. Das Spiel bietet Kindern Möglichkeiten, die sie nirgendwo anders bekommen. Durch das Spielen beschäftigen sich die Kinder mit Erkundungen, deren Ausgang offen ist. Sie werden nicht durch Regeln, Vorgehensweisen oder Ergebnisse eingeschränkt. Kinder, die spielen, tun dies in Eigenregie. Sie haben Macht. Dadurch, dass sie sich vollkommen in das Spiel vertiefen, machen sie Entdeckungen, die sie ansonsten vielleicht niemals machen würden, arbeiten an Problemen, treffen Entscheidungen und finden heraus, was sie interessiert.

Freies Spiel schafft Entscheidungsmöglichkeiten für Kinder

Mit freiem Spiel meinen wir Spiel ohne Anleitung, aber unter Aufsicht, bei dem Kinder Entscheidungsmöglichkeiten haben, um ihren speziellen Interessen nachzugehen, ohne dass ständig eine Erwachsene Kontrolle ausübt oder bestimmte Ergebnisse erwartet werden. Das freie Spiel ein freies bleiben zu lassen, bereitet einigen Erwachsenen Schwierigkeiten, wenn sie erst einmal erkennen, wie wichtig das Spielen für Säuglinge und Kleinkinder ist. Sie wollen Aktivitäten initiieren, die ein Ziel haben, Vorkehrungen dafür treffen, dass bestimmte Ergebnisse eintreten, und diese steuern.

Dies trifft insbesondere auf Einrichtungen mit Kindern aus einkommensschwachen Familien zu, da dort die Dringlichkeit gesehen wird, dass die Kinder auf die spätere Schullaufbahn vorbereitet werden müssen. Wir fordern diejenigen Erwachsenen, die Aktivitäten und Zielsetzungen – Lehrstunden – initiieren wollen, eindringlich dazu auf, durch Beobachten der Kinder den Nutzen schätzen zu lernen, den ihnen das freie Spiel bringt. Sie werden sehen, dass sie sich ihre eigenen Ziele und Lehrstunden schaffen, die weit effektiver sind als ihre.

Es ist nicht so, dass Erwachsene keine Ergebnisse beabsichtigen würden. Aber statt Ziele hinsichtlich der Art und Weise zu setzen, wie ein Kind mit Materialien interagieren soll, sollte die Erwachsene beobachten, was das Kind eigentlich tut, und den Nutzen schätzen, den es daraus ziehen wird, selbst wenn dieser nicht sofort offensichtlich ist.

Im Spiel erkunden Kleinkinder die Welt

Ein Grund, warum Erwachsene zuweilen das Spiel der Kleinkinder steuern möchten, ist der, dass sie es nicht verstehen. Sehen Sie sich noch einmal die Szene am Anfang des Artikels an.
Haben Sie bemerkt, dass Tyler mit seinen Sinnen erforschte? Er legte das Puzzle nicht, er erfreute sich daran, wie sich die Puzzleteile und die Stapelbecher anfühlten und anhörten. Er hat kein Interesse daran, das Material „auf die richtige Art“ zu nutzen. Tyler hat seine eigene Art, die Eigenschaften eines jeden Materials herauszufinden. So einfach diese Szene auch ist, sie ist ein gutes Beispiel für ein junges, spielendes Kleinkind. Das Spiel von Kindern im Vorschulalter ist einfacher zu verstehen, weil es komplex und sinnvoll aussehen und in Kategorien wie „Rollenspiel“, „Kunst“ oder „Bauen mit Klötzen“ eingeordnet werden kann. Das Spiel von Kleinkindern sieht vielleicht unbedeutend aus; Kleinkinder scheinen sich lediglich ein bisschen an Dingen zu versuchen. Manchmal scheinen sie einfach nur herumzustreifen, wobei sie häufig Gegenstände bei sich tragen. Wenn Sie aber aufmerksam hinschauen, sehen Sie, dass sie weder unbeteiligt noch in einer Übergangsphase sind. Sie laufen und tragen. Sie treffen Entscheidungen. Zusätzlich erfreuen sie sich beim Herumlaufen vielleicht an den wechselnden sensorischen Wahrnehmungen. Manchmal bleiben sie in Kontakt mit der Person, zu der sie die stärkste Bindung haben (also in Fühlung mit der sicheren Basis), während sie die Umgebung erkunden.

Beobachten spielt eine Schlüsselrolle

In einem Kinderbetreuungsprogramm, in dem die Betonung auf freiem Spiel liegt, sieht es manchmal so aus, als würden die Erwachsenen nichts tun. Es gibt Menschen, die meinen, dass Erwachsene, die sich in einem Seinsmodus befinden, in dem sie nichts wollen – in dem sie zur Verfügung stehen, aber das Geschehen nicht dirigieren – zu passiv aussehen. Sie mögen passiv aussehen, aber sie sind damit beschäftigt, zu beobachten. Das Beobachten spielt eine Schlüsselrolle, wenn eine Betreuerin verstehen will, was geschieht, und herausfinden will, wie sie Lernen fördern kann. Eine scharfe Beobachtungsgabe, still zu sitzen, seine Aufmerksamkeit auf etwas zu konzentrieren und einfach aufzunehmen, was passiert, ist für alle Betreuerinnen von größter Wichtigkeit.

Übungen

Erinnern Sie sich an eine eigene Spielerfahrung.
Durchleben Sie sie noch einmal, wenn Sie können.
Denken Sie darüber nach, was Ihnen diese Erfahrung gebracht hat.

Wie können Sie Ihre eigene Erfahrung nutzen, um zu verstehen, welche Bedeutung freies Spiel für Säuglinge und Kleinkinder hat?
An welchem Platz haben Sie am liebsten gespielt, als Sie Kind waren?
Wie können Sie Ihre eigene Erfahrung bei der Gestaltung einer Spielumgebung für Säuglinge und Kleinkinder nutzen?

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

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