Wozu eine spirituelle Praxis im Leben mit Kindern gut ist
Ein Kontakt von Wesen zu Wesen
Dankbar übernehmen wir von denen die vor uns hier waren, was auch wir gut gebrauchen können. Die Haltung den menschlichen Kindern gegenüber und die Vorstellung, was aus ihnen werden soll, wann sie „richtige Menschen“ sind, sind jedoch auch stark von geistigen Prozessen geprägt. Von Werten, vom Zeitgeist, von dem was an „Leit-Idealen“ im Umlauf ist. Eine kritische Durchsicht der Ideale, die im Kopf „herumgeistern“ ist jedoch lohnend.
© Annemarie Amann
Viele Prozesse in unserem Leben laufen automatisch und selbstverständlich ab. Wir bewältigen sie fraglos, ohne immer wieder neu reflektieren zu müssen. Bei den meisten Anforderungen des Alltags müssen wir nicht jedesmal neu überlegen. Zum Beipiel welches Pedal im Auto die Bremse ist und welches die Kupplung, oder wie wir einen Schritt vor den anderen setzen. Auch für die Bewältigung des Haushalts hat jede Familie ihre Rituale und manchmal seit Generationen überlieferte Weisen. Für die „Aufzucht“ des Nachwuchses gibt es eine lange Kette von Überlieferungen, die teilweise zurück ins Tierreich geht. Ein Baby braucht Wärme zum Wachsen wie ein Vogelei und Milch von der Mutter wie eine Katze oder ein Lamm. Viele Verhaltensweisen schleichen sich jedoch auch ein, ohne, dass wir sie bemerken und genau diese sollte man genauer betrachten.
Die Arbeit an sich selbst ist so, wie wenn man in einen inneren Spiegel schaut. Wir nehmen die Lampe der Bewusstheit und sehen uns in unseren eigenen inneren Systemen um. Wir machen uns Vorgänge bewusst, die wir automatisch übernommen haben und von denen wir oftmals noch nicht mal überzeugt sind, dass sie sinnvoll sind. Wir handeln auch an Stellen wie unsere Eltern, wo wir eigentlich dringend eine Angleichung an unser Wissen gebrauchen könnten (bei aller Achtung für das, was uns ein Aufwachsen ermöglichte).
Die bewusste Wahrnehmung üben wir in der Meditation. Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf innere Vorgänge, Empfindungen, Gefühle, Gedanken. Im Zusammenleben mit unseren Kindern wird auch unser Gefühlsleben stärker beansprucht als sonst: wir regen uns mehr auf, haben mehr Angst, lieben mehr, verlieren auch leichter die Fassung, rasten aus, die Gefühle überschwemmen uns. Und wir müssen vieles ertragen.
Wir üben uns in Gleichmut
Wir können unseren Kindern Kummer und Schmerz nicht ersparen – wir leiden mit und oftmals kommt das alte Leid aus unserer eigenen Kindheit nochmals in die Erinnerung, was alles auch nicht gerade leichter macht. Auch das lernen wir in der Meditation: „Gleichmut“. Gefühle kommen und gehen; wir können sie zulassen und aushalten und es ist doch etwas da, was davon unberührt ist wie ein Fels in der Brandung, etwas, das so wie ein stiller Zeuge ist.
Und wir lernen, dass wir uns immer wieder ans Lichte wenden können, wir machen Erfahrungen mit unserer geistigen Kraft jenseits des Kreatürlichen. Wir können immer wieder neu beginnen. Wir brauchen nicht in der „Karawane der Verzweiflung“ mitzulaufen, wie es ein Sufilehrer einmal nannte. Dürckheim spricht vom zweifachen Ursprung des Menschen: Der Biologische, persönliche familien-geschichtliche, also weltliche und der Transzendente, geistige Ursprung.
Wir sind begrenzte Wesen und haben gleichzeitig doch Anteil am Grenzen- und Zeitlosen. In der Meditation kann dieser innere und zugleich kosmische Raum erfahren werden. Mit etwas Übung finden wir Zugang dazu und erfahren die Kraft, die uns dadurch zufließt. Und unerschütterliche Kraft – brauchen wir wirklich reichlich im Leben mit Kindern. Zu bewältigen gibt es genug.
Den Alltag als Übung nutzen
Die spirituelle Praxis hat in diesem Fall nicht den Zweck irgendwohin wegzureisen und sich aus dem langweiligen Alltag auszuklinken, sondern sie verhilft uns dazu, gerade diesen Alltag als Übung auf dem Entwicklungsweg mit einzubeziehen und sinnvoller zu bewältigen. So verpassen wir nichts auf unserem Entwicklungsweg wenn wir Kinder aufziehen, sondern: wir können gemeinsam mit ihnen wachsen!
Erst wenn wir eine Erfahrung gemacht haben und Bekanntschaft mit unserer wahren Wesensnatur, können wir einen Resonanzraum bieten für das, was an buddhahaftem in jedem Kind steckt. Oder wie Maria Montessori sagt – den Christus, der in jedem Kind geboren wird, am Leben lassen, damit er sich entfalten und verwirklichen kann. Dann kann eine „essentielle Kommunikation“ stattfinden, ein Kontakt von Wesen zu Wesen.
Erschienen in der Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“, Ausgabe:


