„Bist du eine Oma?“

Älter werden und jung bleiben

„Bist du eine Oma?“, fragte mich neulich ein etwa zweijähriges Kind in einer meiner Kinder- Gruppen und es durchzuckte mich leicht. Nein, ich bin keine Oma, könnte aber schon eine sein. Fühle mich aber gar nicht so! Aber wie fühlt man sich als Oma?

Sonja Welker: „Bist du eine Oma?“

Als ich klein war, waren Omas in meiner Vorstellung Leute über 50 und schon ziemlich alt und langweilig, jedenfalls ganz weit weg für mich. Man konnte nicht viel mit ihnen anfangen, musste eher Rücksicht auf sie nehmen, durfte nicht zu laut und lebendig sein. So bin ich bestimmt nicht geworden. 

Mein Körper hat zwar nicht mehr ganz die Kraft wie früher, manches geht nicht mehr ganz so leicht von der Hand, aber eigentlich fühle mich immer noch recht jung, innerlich jedenfalls. Liegt das vielleicht auch mit daran, dass ich so viel mit Kindern arbeite? Mich immer wieder aufs Neue mit Kindern auf den Weg mache, mich auf ihre Lebendigkeit, Entdeckerfreude und Kreativität einlasse und immer wieder miterlebe, wie sie ihre kleinen Entdeckungen machen und staunen und sich freuen können? 

Manches auch mal aus einer anderen Perspektive betrachten

Die Intensität ihres Schauens und Erlebens, der Drang, herauszufinden, wie Dinge funktionieren, der innere Drang, etwas aus ihrem Erleben zum Ausdruck zu bringen, die Freude, wenn ein „Werk“ fertig geworden ist, beeindrucken und beflügeln mich immer wieder. Die Denkweise der Kinder und die Art, Dinge zu hinterfragen, bringt mitunter überraschende Frische und hilft manches auch mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. 

Auch für mich selbst habe ich mir die Freude am Kreativsein, am Entdecken, Experimentieren, Kombinieren und Gestalten, nicht nur beim künstlerischen Schaffen, sondern bis in die kleinen Alltagssituationen hinein, erhalten. Wenn ich mich über eine kleine Inspiration freuen kann, beim Kochen etwas Neues kreiere, einen neuen Weg ausprobiere. Oder in Situationen, wo nicht alles geht wie gedacht, geplant, wieder einen neuen Weg finde. Oder Dinge solange hin und her bewege, innerlich und äußerlich, bis es „stimmt“ und es mich durchströmt, das typische “Flow“- Gefühl eintritt, das die Stimmung hebt. Oder ich mir größere und kleinere neue Herausforderungen suche, um im Fluss zu bleiben. 

Wenn Erwachsene mit Kindern zusammen auf dem Weg sind

Die Freude am Entdecken und Gestalten bis ins hohe Alter zu erhalten, sieht der Hirnforscher Gerald Hüther auch als einen wesentlichen Faktor, Demenz vorzubeugen, wie er in seinem neuen Buch „Raus aus der Demenzfalle“ darstellt. Wenn Kinder Unterstützung bekommen, diese Fähigkeit, die ihnen ja angeboren ist, von Anfang an zu entwickeln, und nicht zu vielen Forderungen nachkommen müssen und von außen bestimmt werden, kann sie sich leichter durchs ganze Leben ziehen.

Vor allem wirkt sich dies auf die Haltung sich selbst gegenüber aus. Kinder, die Freude am Entdecken und Lernen erhalten können, lernen sich selbst und ihr Tun wertzuschätzen und bauen das Vertrauen auf, alles, was geschieht, auch wenn es schwierig ist, bewältigen zu können. Ein solches Selbstvertrauen ist eine wesentliche Voraussetzung, um auch in älteren Jahren noch Freude und Antrieb zu haben, um Neues auszuprobieren. Es sei für Erwachsene sogar leichter, sich diese Fähigkeiten zu erhalten, wenn sie mit Kindern zusammen auf dem Weg sind, schreibt auch Hüther. 

Ein hoffnungsvoller Wandel

Eigentlich ist es von der Natur ja perfekt eingerichtet: Wenn man Erwachsen wird, kommen die Kinder, mit denen man wieder wachsen kann, und wenn diese erwachsen werden, kommen die Enkel, mit denen man – mit etwas mehr Abstand – aber wieder die Chance hat, zu wachsen. Vielleicht auch etwas mehr Lebensweisheit mit einbringen kann. In vielen indigenen Kulturen kommt den Älteren eine besondere Rolle zu, ihre Lebensweisheit wird geschätzt und oft wird Rat von ihnen geholt, was bei uns nicht unbedingt üblich und möglich ist. 

Als ich mit der Arbeit mit Kindern anfing, tauchte öfter die Frage auf, wie man damit umgeht, wenn die Großeltern an alten Überzeugungen festhalten und überhaupt nicht mitgehen können. Inzwischen sind wir fast eine Generation weiter, und ich treffe vermehrt junge Mütter, deren Eltern auch schon andere Wege gegangen sind und die eine gute Unterstützung und Beziehung mit den Großeltern haben. Da zeigt sich doch schon ein hoffnungsvoller Wandel an! 

Erschienen in der Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“, Ausgabe:

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