Ausgespielt?

Ein Plädoyer für die Freiräume der Kindheit

Kindererziehung ist in. Sogar Tennisspieler Boris Becker hat inzwischen einen Erziehungsratgeber veröffentlicht. Buchhandlungen quellen über von Erziehungsratgebern, Prominente zeigen sich mit Neugeborenem auf der Titelseite von Magazinen und die Politik verspricht Bildungsgutscheine und bessere Kinderbetreuung. Allerorten ist der Förderwahn ausgebrochen, um das Kind, das mehr Prestigeobjekt ist als Familienmitglied, zu Hochleistungen anzuspornen.

Hand Kind Pfütze

Sinn- und zweckfreies Matschen und Planschen darf sein. © hlkljgk/flickr

Chinesisch in der Grundschule, Geigen, Malen und Tanzen: damit das Kind sein Entwicklungspotential voll ausschöpfen kann und der neue Einstein von morgen wird. Kinderzimmer heißen jetzt Lernumgebung, Grundschulkinder bekommen seitenlange Portfolios für ihre Eltern, die schon mit zahlreichen Ratgebern ausgestattet sind, und selbst wenn das Kind herumhängt, wird das gut begründet. Kinder sind heute mehr denn je Sinnstifter für das Leben der Eltern, die ihr Selbstwertgefühl und ihre Erwartungen an das oft einzige Kind hängen.

„Das Kind braucht nicht mehr die Eltern, die Eltern brauchen das Kind“, sagt die Psychoanalytikerin Caroline Thompson bissig. Inzwischen ist es, insbesondere bei Mittel- und Oberschichteltern, zur „Helikopter“-Erziehung gekommen. Die Eltern kreisen um die Kinder, verwalten ihre Terminkalender, kutschieren sie zum Ballett, zum Reiten und zum Gesangsunterricht, kaufen pädagogisch hochwertiges Spielzeug, Bio-Essen und organisieren soziale Kontakte. Eltern wollen sich als gute Eltern fühlen, das Kind muss glücklich und erfolgreich sein. „Der Erfolg des Kindes ist unserer“, sagt Thompson, „sein sozialer Status bestätigt uns in unserem sozialen Status als Eltern.“

Die Autorin Felicitas Römer beschreibt in ihrem Buch Arme Superkinder, wie ihr Sohn im Kindergarten keine Lust auf Gruppenaktivitäten und Kneten hatte und ihr deshalb von den Erzieherinnen empfohlen wurde, mit ihm eine Ergotherapie zu machen. Dem Sohn ging es prima, er hatte nur einfach keine Lust und wollte lieber zuschauen. Viele Erzieher und Lehrer machen die Eltern schnell verrückt, wenn sie irgendwo ein Defizit wittern. Und sofort schicken die Eltern das Kind in Therapie, aus Angst vor Entwicklungsverzögerung oder ADHS.

„Rettet das Biotop Kindheit!“

Der Druck und die Versagensängste sind indes politisch gewollt. Schon im Kindergarten werden Kompetenztests und Bewertungsbögen eingeführt, für Ein- bis Dreijährige werden Bildungspläne erstellt, über die ständig beobachteten Kinder werden seitenlange Portfolios angelegt. Die Schulzeit wird verkürzt, Studenten müssen Studiengebühren bezahlen, statt jahrelang an der Uni herumzuhängen, der Einstieg ins Berufsleben findet früher statt. Das Leben der Gymnasiasten heutzutage ist so stressig, dass inzwischen – laut einer Studie der Deutschen Angestellten Krankenkasse und der Uni Lüneburg – jeder dritte Gymnasiast seine Versagensängste mit Alkohol hinunterspült. Herumhängen und „chillen“ ist nicht mehr – und wenn, dann nur, weil es wissenschaftlich begründet ist: „Faulenzen – wie Nichtstun die Lernleistung verbessert“, heißt es auf einem Titelblatt von „Focus Schule“.

„Nun verwalten engagierte Eltern auch noch das Nichtstun ihrer Kinder.“, schreibt Felicitas Römer. „Im Zuge des allgemeinen Förderwahns wird sogar das Spielen funktionalisiert.“ Denn es bleibt keine Zeit mehr für das Nichtstun oder das zweckfreie Spielen. Im globalisierten Wettbewerb muss der Einzelne funktionstüchtig sein und zum Florieren der Wirtschaft beitragen. „Rettet das Biotop Kindheit!“, ruft Felicitas Römer in ihrem Buch aus, das nüchtern feststellt, wie die Kindheit der Wirtschaft geopfert wird. Sie fordert die „Revolution im Taschenformat“ und rät Eltern, zu hinterfragen, wenn ihnen jemand sagen will, was ihr Kind können müsste oder tun sollte. Denn es gibt keine Bildung ohne Bindung. Und es ist völlig in Ordnung, keinen Bock auf Kneten zu haben. Sinn- und zweckfreies Matschen und Planschen dürfen sein, ein Kind oder Jugendlicher braucht unbeobachtete und unbewertete Momente. Und man kann auch einfach mal zu Hause eine Geschichte vorlesen. Nur so, weil es Spaß macht!

Erschienen in der Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“, Ausgabe;

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