Den eigenen Raum wahren

Eine Betrachtung aus körpertherapeutischer Sicht

Mona und Marvin, beide ca. 2 Jahre, wollen rutschen, auf einem Brett, das an einem Dreieckständer eingehängt ist. Mona ist schon hochgeklettert und braucht Raum, um auf das lange Brett zum runterrutschen zu kommen. Marvin ist ihr dicht auf den Fersen, zu dicht. Mona dreht sich um, sieht ihm fest in die Augen und sagt sehr bestimmt: „Nein“. Und Marvin geht zurück. Ihr Nein ist angekommen. Nicht immer geht es so einfach und klar. Manche Kinder geraten fast in Panik oder verzweifeltes Geschrei und Abwehren, wenn ihnen etwas zu eng wird, oder es nicht so geht wie sie möchten. Wie z. B. Jonas, auch 2 Jahre, der nicht will, dass Sarah in das Haus geht, wo er gerade spielt. Er gerät in Panik, schreit „Nein“, stampft verzweifelt mit den Füßen und zittert am ganzen Körper, spricht Sarah aber gar nicht direkt an. Wie kommt es, dass Kinder so um ein „Nein“ kämpfen müssen? Fehlt Ihnen die Erfahrung, dass ihr „Nein“ akzeptiert wird? Mussten sie sich schon zu oft anpassen? Oder ist es Temperamentsache?

Den eigenen Raum wahren

© Mit Kindern wachsen

„Nein“ sagen zu können und zu dürfen, hängt stark mit sich abgrenzen und dem Wahren des eigenen Raumes zusammen. Um wirklich sich selbst sein zu können, ist es manchmal unumgänglich sich abzugrenzen, ein „Nein“ zu setzen. Dieser Entwicklungsschritt geht bei den Kindern mit dem Aufrichten, dem Laufen lernen einher und ist körperlich mit dem Zwerchfell verbunden. Mit dem Aufrichten geht die Energie vom Zwerchfell nach unten in die Beine. Für die Kinder ist dies ein völlig neues Gefühl zwischen den beiden Körperhälften. Im Rahmen meiner körpertherapeutischen Ausbildung (Skan) habe ich das Zwerchfell oft wie eine Art Schleuse erlebt, durch die Energie nach unten und nach oben geht. Es ist eine lustvolle und kraftvolle Erfahrung, eine große Freude, wenn die Energie so fließen kann. Schaut man einem Kind zu, das seine ersten Schritte macht, kann man diese Freude miterleben. Vorausgesetzt, es hat die Zeit bekommen, sich von sich aus in seinem eigenen Tempo aufzurichten. Anders ist das Ganze, wenn es an Händen gehalten, quasi hochgezogen, und zum Laufen gedrängt wird, bevor es von sich aus dazu bereit ist.

Mit dieser Entwicklung beginnt auch die Entwicklung des Ich-Gefühls und das Entdecken der eigenen Kraft. Ich bin, ich will, ich kann… Die Perspektive auf die Umgebung, auf die Welt hat sich geändert. Da gibt es viel Neues zu entdecken, viele neue, vermutlich auch stärkere Impulse und einen enormen Kraftschub.

Das Kind beginnt eigene Wege ausprobieren zu wollen. Es macht die Erfahrung, ich bin anders als andere, ich will etwas anderes und kann etwas anderes. Da muss man halt auch mal „Nein“ sagen können und dürfen. Eine spannende Zeit, aber nicht unbedingt einfach für die Eltern oder andere Begleitpersonen.

So löst sich innere und körperliche Spannung

Werden die eigenen Interessen und Erfahrungen zu wenig respektiert, bekommt ein Kind zu oft ein „Nein“ zu hören, muss es sich zu viel anpassen, dann fängt die Panzerung, wie Wilhelm Reich es nennt, an. Denn dem eigenen Impuls nicht nachgehen zu können, ist schmerzhaft – das will es nicht mehr fühlen und das Zwerchfell zieht sich zusammen. Wie schon gesagt, ist das Zwerchfell für die Verbindung der oberen und unteren Körperhälfte verantwortlich. Zieht es sich zusammen, fließt die Energie nicht mehr und die Anspannung, das Halten, geht nach oben bis zum Hals und Kopf, nach unten übers Becken bis zu den Beinen. Eine sehr zentrale Stelle also, die sich auf den ganzen Körper auswirkt und psychisch auf das Selbstbewusstsein, wie auch die Lebenslust.

Wenn ein Kind an Grenzen kommt und sein Impuls behindert wird, sei es, dass etwas nicht geht oder es – aus welchen Gründen auch immer – ein „Nein“ zu hören bekommt, ist die natürliche Reaktion eigentlich, dass es ärgerlich oder wütend wird. Und das kann durchaus je nach Temperament recht heftig werden. Und manches geht ja nun wirklich nicht, sei es aus äußerer oder persönlicher Notwendigkeit. Kann ein Kind nun diese Wut zum Ausdruck bringen und wird es darin gesehen, löst sich seine innerliche und körperliche Spannung in der Regel wieder. Darf es die Wut aber nicht zeigen oder hat es schon solche Vorerfahrungen, dass es gar nicht mehr dazu kommt, geht es innerlich auf Rückzug.

Die eigene Kraft spüren

Dürfen Ärger und Wut nicht sein, führt das erst recht zu Panzerung und zu dem Gefühl, dass man falsch ist. Der Impuls ist falsch und die Wut eben auch! Dann bleibt letztlich nur noch Anpassung – das Unterdrücken und im Extremfall das Verschwinden der eigenen Impulse. Tiefe Unsicherheit, Ängste, Misstrauen und Selbstzweifel sind die Folge. Alles abchecken, übertriebene Vorsicht, alles richtig machen wollen … und Schuldgefühle, wenn man es dann doch nicht trifft.

So hat man in der Körper-Arbeit mit dem Zwerchfell viel mit gehaltener Wut zu tun. Wenn diese Wut (über Zurückgehalten werden, Unterdrückung, nicht zum Ausdruck gekommenen Selbstausdruck, Anpassung, Enge, Ausgebremstsein) in therapeutischer Begleitung noch einmal gespürt und ausgedrückt werden kann, fängt man irgendwann an die eigene Kraft zu spüren. Denn wenn diese Energie frei wird und nicht mehr zum Halten und Aufpassen genutzt werden muss, steckt eine enorme Kraft dahinter.

Aus Wut wird später einfach mehr Klarheit, die Fähigkeit zu klarem Ausdruck und die Erlaubnis auch ein „Nein“ setzen zu dürfen – ohne Schuldgefühle, ähnlich wie ich es bei Mona anfangs empfunden habe.

Das Gefühl von Vertrauen und Sicherheit

Wenn das Zwerchfell wieder freier wird und die Energie nach unten geht, hat das auch viel mit dem Gefühl von Vertrauen und Sicherheit zu tun.

Ich selbst wurde z. B. im wahrsten Sinne des Wortes sicherer auf meinen Füßen. Ich hatte immer ziemliche Probleme und Ängste beim Abwärtsgehen, bin auch oft gestolpert. Dies hat sich wesentlich verändert. Aber auch mein Vertrauen ins Leben hat sich verändert, besonders im Umgang mit herausfordernden Situationen. Ich stehe mehr da, stehe für mich und zu mir und das sogar mit einer Art Leichtigkeit.

Der Prozess dahin, war für mich nicht einfach: Wieder mehr von der Wut zu spüren, ist nicht so angenehm, recht schmerzhaft und lässt einem in manchen Situationen erst einmal den Deckel hochgehen. Aber der Weg da hindurch hat sich für mich gelohnt und vor allem auch sensibel gemacht für das, was Kinder an dieser Stelle brauchen.

Wie oft akzeptieren wir ein „Nein“ unserer Kinder wirklich?

Wie oft dürfen sie „Nein“ zu etwas sagen und wie viele „Neins“ bekommen sie von uns? Oder im größeren Kontext gesehen, indirekt von unseren gesellschaftlichen Konventionen und Strukturen? Auch die Kinder untereinander brauchen Raum, um Erfahrungen im Umgang miteinander mit „Neins“ zu machen, z. B. wenn es um Mitspielen bzw. Nichtmitspielen-dürfen geht, wenn man genau das haben will, was der andere hat, wenn man nicht teilen will… Und es kann schon heftig weh tun, wenn ein Kind z. B. nicht mitspielen darf, alleine bleibt oder hören muss, das andere will nicht sein Freund sein – vor allem, wenn die Kinder etwas älter werden. Denn nur allzu viele Kinder haben schon so viel Unterdrückung ihres Raumes und ihrer Bedürfnisse erfahren, dass sie da mitunter recht heftig werden und sich endlich einmal stark fühlen. Da braucht es viel einfühlsame Begleitung und Unterstützung unsererseits.

Auch für Eltern ist es alles andere als leicht zu ertragen, wenn das eigene Kind „Nein“ zu einem anderen sagt, oder nicht teilen will… Verständlich, hätte man es doch so gerne harmonisch und möchte, dass sein Kind sozial kompetent wird. Doch die Kinder finden ihre eigenen Wege, wenn man ihre Bedürfnisse versteht und annimmt.

Ein Beispiel aus einer Eltern-Kind-Gruppe

Paul (2 1⁄2 Jahre) hat mit seiner Mama ein Haus mit Matratzen gebaut und es sich innen drinnen mit Tüchern und vielen Kuscheltieren gemütlich gemacht. Lars möchte auch gerne rein, Paul sagt aber entschieden „Nein“. Seine Mutter versucht zu vermitteln und Paul zu einem „Ja“ zu bewegen. Doch Paul bleibt beim „Nein“, es klingt schon fast nach verzweifelter Verteidigung. Ich gehe dazu und unterstütze sein „Nein“. „Du willst es einfach nicht“. „Ja.“

Er wird wieder ruhiger. Lars mache ich den Vorschlag, ein eigenes Haus zu bauen, mit einem Ständer, Decken, Tücher und zum Glück habe ich auch noch mehr Kuscheltiere. Er ist einverstanden und baut neben dran. Ein anderes Kind möchte noch mit dazu. Lars willigt ein. „Paul, jetzt hast du Nachbarn bekommen“. Paul freut sich scheinbar darüber und geht nach kurzer Zeit interessiert zum anderen Haus. Die beiden Kinder dort lassen den Besucher bereitwillig rein. Es dauert nicht lange und sie wollen auch ihn besuchen. Ein freudiges „Ja“ ist nun Pauls Antwort und das Spiel geht zwischen beiden Häusern sehr lebendig hin und her.

Nicht immer geht es so schnell und schon gar nicht auf diese Weise. Jede Situation, jedes Kind braucht – und findet – seine eigene kreative Lösung. Wenn ein Kind seinen Raum erst einmal wahren darf, entwickelt sich nach meiner Erfahrung zu seiner Zeit auf immer wieder andere Weise doch ein Miteinander. Wir sind ja schließlich von Natur aus soziale Wesen und am anderen interessiert.

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

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