Der innere und äußere Raum für das Kind

Über die Ursprünge des Vereins und den Kern unserer Arbeit

Kinder brauchen einen offenen Raum, in dem sie geschützt sind und unterstützt werden – sie brauchen keine zusätzlichen Grenzen. Natürliche Grenzen sind einfach da – wir und unsere Kinder stoßen ständig gegen sie. Wie können wir uns selbst und unsere Kinder auf solche Situationen vorbereiten?

Lienhard Valentin und Katharina Martin sprechen darüber, wie wir Vertrauen in uns selbst und unsere Kinder entwickeln können und wie Kinder in einem vorbereiteten Raum ihren Forscherdrang ausleben können und kreative Lösungen finden, an denen ihr Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen wächst.

Raum geben

Wie ist die Idee entstanden den Verein "Mit Kindern wachsen" zu gründen?

Lienhard Valentin:
Das kam vor allem durch meine eigene frustrierende Schulzeit. Nach dem Abitur wusste ich überhaupt nicht, was ich mit meinem Leben machen wollte. Es ging ja die ganzen Jahre auch nur darum, die schulischen Erwartungen zu erfüllen, und nicht darum, wer ich bin und wohin ich gehen will. Durch die Lektüre von Hermann Hesse und Erich Fromm bin ich auf die Suche gegangen und stieß so auf die buddhistische Achtsamkeitspraxis, die Alexander-Technik und schließlich auch die Gestalt-Arbeit. Muss es so sein, dachte ich mir, dass man mit Anfang 20 zum Archäologen wird, um herauszufinden, was man mit seinem Leben machen möchte? Könnten Bildung und Aufwachsen nicht anders verlaufen? Und wie kommt es, dass aus aufgeweckten Kindern Null-Bock-Menschen werden - und zwar sehr schnell? Dann stieß ich auf Rebeca und Mauricio Wild, auf die Arbeit von Emmi Pikler und gründete den Verein "Mit Kindern wachsen", um neue Wege im Leben mit Kindern bekannt zu machen.

Und wie kam dann die Zusammenarbeit mit Katharina Martin dazu?

Lienhard Valentin:
Als ich schließlich selbst Vater wurde, zeigte sich schnell, dass unser Sohn die Bücher nicht gelesen hatte. So hilfreich sie in vieler Hinsicht waren, stießen wir mit all diesen pädagogischen Ansätzen immer wieder an unsere Grenzen. Wenn wir mit unseren eigenen alten Verhaltensmustern konfrontiert werden, wenn es nicht so läuft, wie wir uns das vorstellen, und es darum geht, alte, eingefahrene Konditionierungen und Blockaden aufzulösen, helfen all diese pädagogischen Ansätze nicht wirklich weiter. Auf dieser existentiellen Ebene waren es vor allem die Achtsamkeitspraxis und die Gestaltarbeit, die neue Perspektiven und innere Kraftquellen erschlossen haben. So entstand die Idee zur ersten gemeinsamen Zusammenarbeit mit Katharina.

Meine Erfahrung hat mir deutlich gezeigt, dass selbst die besten pädagogischen Ansätze letztlich nur Landkarten sind. Es ist durchaus sehr hilfreich, gute Landkarten zu haben, aber in der jeweiligen Situation muss man sie auch beiseite legen können und auf den gegenwärtigen Moment achten und sich ohne vorgefasste Meinung auf das Kind einlassen. Wenn man zu sehr auf die Landkarte fixiert ist, verliert man den Kontakt zum Kind. Was sich aus der Beziehung zum Kind direkt ergibt, ist das Wichtigste.

Was ist der Kern der Arbeit von Katharina Martin?

Katharina Martin:
Im Kern geht es darum, dass es eine direkte Anschauung gibt, d.h., es gibt ein Wissen darüber, was das Kind manifestiert und was im gegenwärtigen Moment notwendig ist. Es gibt ein Feld zwischen dem Kind und dem Erwachsenen, in dem ich verstehen kann, was das Kind mir sagen will, auch wenn es sich nicht durch Sprache äußert. Ich kann dazu Zugang haben, …, eine Art drittes Auge, mit dem man das Kind und die Situation erfassen kann – das kann man ausbilden und auch trainieren.

Die Eltern erziehen ihre Kinder meistens viel zu früh darauf hin, dass sie irgendwann Staatssekretär werden, Fremdsprachen können und Aktentaschen tragen. Aber bis zum Alter von ungefähr sieben Jahren sind Kinder in einer ganz anderen Welt, in der man sie ruhig lassen kann. Es gibt da zwei wichtige Schnittstellen, bei ungefähr drei Jahren und bei sieben Jahren. Wenn die Kinder da ihr Inneres ausbilden konnten, können sie auch später viel besser bestehen. Kind sein dürfen ist etwas anderes als das Dasein als Erwachsener. Kinder sind keine Mini-Erwachsenen.

Lienhard Valentin:
Die Bindungsforschung und die Gehirnforschung haben ja auch festgestellt, dass zu viel Förderung kontraproduktiv ist. Was viele für Förderung halten ist eher Überforderung. Das führt nur dazu, dass der alte Teil unseres Gehirns, der für Angst und Stress zuständig ist, beschäftigt ist und anderes nicht ausgebildet werden kann. Das ist so, als wenn man einem Säugling ein Schweineschnitzel gibt, weil es das später einmal verdauen soll. Da ist der Unsinn offenkundig. In der Schule allerdings wird Abstraktion oft verlangt, wenn die Kinder noch gar nicht dafür bereit sind. Die so genannte Förderung hat auch ihre Nebenwirkungen.

Also nicht einfach sinnlos fördern, sondern erst einmal hinschauen?

Lienhard Valentin:
Es ist einfach sinnvoller, auf das Kind zu schauen und herauszufinden, was das Kind jetzt braucht, als einfach etwas an es heranzutragen. Jedes Kind ist anders, jeden Tag. Das kann man sich nicht anlesen, denn die Ratschläge passen heute, morgen aber nicht mehr. Doch die Fähigkeit, immer wieder in Kontakt zu treten und zu schauen, was braucht das Kind jetzt, ist etwas ganz Anderes.

Wir hätten wohl gerne eine Bedienungsanleitung für das Kind.

Lienhard Valentin:
Letztlich steht hinter solchen Bedürfnissen ein mechanistisches Weltbild und der Wunsch nach Kontrolle. Die Maschine läuft nicht rund, was muss ich jetzt tun, welchen Knopf muss ich drücken. Das wird natürlich auch durch die konventionelle Erziehung unterstützt. Aber lebendige Organismen funktionieren anders, es gibt nicht das Schräubchen, an dem ich drehen kann. Die Frage heißt in der Arbeit mit Katharina dann nicht mehr „Was muss ich machen?“, sondern „Wie muss ich sein?“ Was ist hilfreich? Denn der Zustand in dem ich bin, wirkt sich aus. Das ist ein ewiges Lernfeld.

Katharina Martin:
Es ist wichtig, dass man den Kindern Raum lässt, sich kreativ zu entfalten, und das ist eine Möglichkeit, das Innere zu erhalten. Deswegen bieten wir auch eine Kreativwerkstatt an, damit die Kinder Möglichkeiten haben, zu experimentieren, sich auszudrücken.

Was wird durch Kreativität gefördert?

Katharina Martin:
Kreativität fördert das Selbstbewusstsein und andere Qualitäten, die für eine kreative Lebensbewältigung hilfreich sind. Zu Folge psychologischen Untersuchungen ist Kreativität zudem eine wesentliche Gegenkraft zur destruktiven Aggressivität.

Für Erwachsene ist Kreativität ebenso eine Quelle von Lebensfreude und Glück und öffnet die Tore zu intuitivem Wissen, was wir im Kontakt zu Kindern ganz besonders brauchen. Sie hilft, das Unmögliche zu bewältigen, und das erschließt das Unbekannte. Durch die konventionelle Erziehung wird die Kreativität meistens nicht gefördert, manchmal sogar unterdrückt, was bedauerlich und recht unklug ist.

Beim Zulassen und Ausleben der Kreativität der Kinder kommen Eltern ja schnell an ihre eigenen Grenzen.

Katharina Martin:
Deswegen haben wir die Weiterbildungen entwickelt. Eltern müssen einerseits an sich selbst arbeiten und das herausbringen, was bei ihnen selbst verschüttet ist, und zum anderen können sie sich gegenseitig bei all ihren Nöten unterstützen, gegen die Tendenzen der Gesellschaft, um ihren Kindern etwas Anderes zu ermöglichen.

Eltern haben es schwer, weil sie meinen, sie müssten alles wissen und die Autorität sein, an der sich das Kind orientiert. Das ist bei unserer Arbeit nicht so. Wir orientieren uns am Entwicklungsprozess des Kindes und es gibt keine klassische Autorität im Sinne einer Forderung nach Gehorsam. Man stimmt sich eher auf die Situation ein und nimmt mit einer inneren Entwicklungslinie Kontakt auf, um zu schauen, was sinnvoll ist. Man hat ein inneres Wissen, was nötig ist.

Lienhard Valentin:
Die ganze äußere Situation ist für eine solche Arbeit nicht gerade unterstützend. Es ist ja so, dass die Gesellschaft, die Regierungen ganz andere Werte vermitteln, und sich selbst zu verändern, ist nicht immer angenehm.

Es kann sein, dass die Vorstellung davon wie man ist, ziemlich erschüttert wird und dass Dinge an die Oberfläche kommen, die sonst vielleicht nie getriggert worden wären – Aspekte, bei denen man mit seinen tief sitzenden Mustern konfrontiert wird.

Wie hilft die meditative Praxis mit den eigenen Grenzen umzugehen?

Katharina Martin:
In der Meditation lernt man, einen Innenraum zu entwickeln, in dem man eine Kraft erfährt, auch wenn man selbst im eigenen Leben wenig Positives erfahren hat. Man kann einen inneren Raum kultivieren, in dem man eine neue Plattform schafft, in der Neues entsteht und wodurch man seine alten Muster anhalten kann. Man kann sich mit seiner Intuition verbinden.

Alles bekommt eine Ordnung, in der das Herz die Mitte ist. Eine neue Mitte, in der sich auch die alten Defekte allmählich auflösen können, die eigenen Verkrustungen und Verhärtungen. In der wir auch im Kontakt mit dem Kind neu werden und das eigene Herz neu entwickeln können. Über die meditative Praxis kann man sogar im Gehirn neue Strukturen schaffen, wenn man selbst das Muster der Liebe nicht erfahren hat.

Lienhard Valentin:
Die Ausrede, dass die eigenen Eltern so und so waren, gilt nicht mehr. Wir sind selbst verantwortlich dafür, was mit unserem Gehirn geschieht. Entscheidend für diesen Prozess scheint die wohlwollende Einstimmung zu sein. In der Eltern-Kind-Beziehung die Einstimmung auf das Kind, in der Meditation die Einstimmung auf mich selbst.

Es geht also darum, eigene innere Eltern zu entwickeln, wenn man selbst keine hatte?

Katharina Martin:
Aus dem Geist heraus haben wir die Kraft, zu heilen und uns zu entwickeln, und es ist wichtig zu verstehen, dass wir selbst für uns verantwortlich sind. Wir haben Kraftquellen in uns, zu denen wir wieder Zugang finden können.

Es ist manchmal eine ungeheure Zumutung, was einem als Eltern abverlangt wird. Es gibt so viele Situationen, in denen einem die Kraft ausgeht. Da ist man genötigt, noch eine Extra-Kraft zu entwickeln. Da muss man lernen, aus seiner Mitte heraus zu leben.

Lienhard Valentin:
Das Kind braucht Erwachsene, die mit ihm in Kontakt sind. Und aus der Verbindung zeigt sich, was notwendig ist, um das Kind zu unterstützen.

Dann brauchen wir also nicht nur Vertrauen in uns selbst, sondern auch in das Kind...

Lienhard Valentin:
Wenn Eltern von Anfang an mitbekommen, was das Kind alles alleine schafft, dann lernen sie auch eher Vertrauen. Deswegen sind mir die EntdeckungsRäume auch so wichtig. Hier können Eltern sehen, dass bereits Säuglinge bestrebt sind, über sich hinauszuwachsen. Und wenn man das alles mitbekommt, ist es viel einfacher.

Katharina Martin:
Die meisten Leute haben nicht erfahren, dass es eine Kraft gibt, die einen trägt, und deswegen vertrauen sie auch nicht, dass ein Kind seinen Weg schon macht. In den Gruppen kommen die Leute mit etwas in Kontakt, sie machen Erfahrungen, sie öffnen sich, und ohne die Erfahrung macht es natürlich keinen Sinn.

Wie ist es denn überhaupt möglich, anders zu leben?

Katharina Martin:
Dafür muss es Gruppen geben, die sich untereinander vernetzen und unterstützen. Eine Art Sangha, Gemeinschaft, Leute, die sich gegenseitig helfen, sich zu erinnern. Es wird in allen unseren Gruppen auch geübt, wie man sich gegenseitig unterstützen kann, z.B. durch adäquates Zuhören. Schwesterlichkeit und Brüderlichkeit zu entwickeln ist notwendig, alleine einen besonderen Weg zu gehen ist zu schwer.

Lienhard Valentin:
Für die meisten Mütter ist nicht nur die innere Unterstützung wichtig, sondern auch die äußere. Offensichtlich ist es biologisch so angelegt, dass ein Kind von mehreren aufgezogen werden soll. Bindungsgemeinschaften zu ermöglichen ist auch ein wichtiger Punkt, z.B. in Gruppen, wo Eltern schon mit Säuglingen hinkommen. Aus solchen Gruppen können sich Unterstützungsnetzwerke bilden. Hier kann man sich auch gegenseitig helfen, damit das Babysitten kein Abstellen des Kindes ist, sondern sich Bindungen entwickeln können, das, was früher durch die Großfamilien gegeben war.

Es hat keinen Zweck, von sich zu fordern, was man nicht leisten kann. Es hat keinen Sinn, von sich zu fordern, die perfekte Mutter zu sein, die 24 Stunden lang lächelt. Der Mensch ist als soziales Wesen konzipiert und natürlich sind die leiblichen Eltern am Besten, aber das kann nicht immer geleistet werden.

Katharina Martin:
Mir scheint wichtig, dass die Eltern einen Innenraum in sich entwickeln, so dass auch das Kind einen Raum hat, in dem es sich entwickeln kann, und dass auch die äußere Umgebung in der Familie einen Raum für das Kind hat.

Wie sieht dieser Raum aus?

Katharina Martin:
Er ist geprägt von: bedingungsloser Annahme, Achtsamkeit, das Wahrnehmen dessen, was ist, Gewaltfreiheit und Erwartungsfreiheit. Das Kind wächst von selbst und entwickelt sich von selbst, wir müssen nur den Raum zur Verfügung stellen.

Vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

Erschienen in der Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“, Ausgabe:

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