Die unaufmerksame Gesellschaft

Haben wir Zeit unsere Kinder wirklich zu sehen?

Eine Ausdrucksform des Un-Wohlseins, die in unseren Breiten besonders häufig auftritt, ist das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, kurz ADS. Zu diesem Syndrom gehört eine schwerwiegende Störung im Prozess der Aufmerksamkeit selbst. Sie tritt bei Erwachsenen ebenso auf wie bei Kindern. Noch vor dreißig Jahren existierte diese Diagnose nicht einmal. Heute scheint das Syndrom eine weitverbreitete und immer häufiger auftretende Störung zu sein.

Die unaufmerksame Gesellschaft Mütze Junge versteckt

„Mama, kannst Du mich sehen?” © demandaj/flickr

Da es bei der Meditation um die Schulung unserer Fähigkeit zum Aufmerksamsein geht, sollte man annehmen, dass die meditative Perspektive uns Hinweise darauf geben kann, wie man dem ADS vielleicht vorbeugen kann, und das ist tatsächlich der Fall. Aber wir sollten uns vielleicht klarmachen, dass unsere gesamte Gesellschaft, vom Standpunkt der meditativen Traditionen aus, unter dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom und seiner vorherrschenden Variante, der Aufmerksamkeit-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS), leidet. Und die Sache wird von Tag zu Tag schlimmer. Zu lernen, wie wir das Vermögen, aufmerksam zu sein und diese Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, ausbilden können, dürfte bald schon kein Luxus mehr sein, sondern könnte sich als lebensnotwendige Rückbindung an das erweisen, was das Bedeutsamste in unserem Leben ist, was wir am leichtesten übersehen, ignorieren oder leugnen und über das wir so schnell hinweggehen, dass wir gar keine Chance haben, es zu bemerken.

Mir scheint, dass wir als Mitglieder der westlichen Wohlstandsgesellschaften auch noch auf eine andere, etwas subtilere und untergründigere Weise unter einem Aufmerksamkeitsdefizit leiden. Viele Menschen fühlen sich nämlich zunehmend einsam und unsichtbar in dieser von prominenten Persönlichkeiten geradezu besessenen Unterhaltungskultur, die dazu neigt, die Menschen immer mehr zu vereinzeln. Denken Sie nur daran, was es für Auswirkungen hat, wenn man Abend für Abend allein vor dem Fernseher sitzt, sich mit Seifenopern und Reality-TV-Shows abspeisen lässt und dabei emotional nur noch das Leben oder die Phantasien anderer Menschen nachvollzieht, oder wenn man seine intimsten Beziehungen online in Chat-Räumen findet. Denken Sie daran, wie konsumbesessen unsere Gesellschaft ist, wie sehr die Menschen von dem Bedürfnis getrieben sind, ihre Zeit irgendwie vollzustopfen, irgendwohin zu gelangen, sich irgend etwas zu „holen“, was ihnen zu fehlen scheint, damit sie glücklich und zufrieden sein können.

Das Verlangen nach Zugehörigkeit

In unserer Einsamkeit und Isolation rührt sich ein tiefes Verlangen, eine gewöhnlich unbewusste oder überspielte Sehnsucht nach Zugehörigkeit, danach, mit einem größeren Ganzen verbunden zu sein, nicht mehr anonym zu sein, sondern gesehen und erkannt zu werden. Denn Beziehung, Austausch, Geben und Nehmen, insbesondere auf der emotionalen Ebene, sind Dinge, die uns spüren lassen, dass wir einen Platz in dieser Welt haben, die uns in unserem Herzen wissen lassen, dass wir zu etwas gehören. Wir gewinnen eine tiefe Befriedigung aus der Beziehung zu anderen Menschen. Und wir hungern nach diesem Gefühl der Zugehörigkeit, nach dem Gefühl, mit etwas verbunden zu sein, das größer ist als wir selbst. Wir hungern danach, von anderen wahrgenommen zu werden als das, was wir tatsächlich sind, gesehen und geschätzt zu werden, nicht nur für das, was wir tun. Nur allzu oft werden wir das nicht.

Nur selten kommt es vor, dass andere Menschen uns wohlwollend als das sehen und erkennen, was wir sind. Meist haben sie es viel zu eilig und sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie lange genug Aufmerksamkeit für einen anderen aufbrächten. Und so wird das Leben der Menschen überall, in der Stadt und auf dem Land, immer einsamer und isolierter. Selbst dort, wo es draußen noch sicher genug für sie wäre, hocken Kinder aus Gewohnheit und Langeweile Stunde um Stunde vor dem Fernseher oder verschwinden in Computerspielen, statt mit Kindern aus ihrer Nachbarschaft zu spielen.

Während sie fernsehen, ist ihre Aufmerksamkeit völlig passiv. Es ist eine asoziale Aufmerksamkeit, die eine ständige Ablenkung von ihrem eigenen Inneren, von verkörpertem In-Beziehung-Stehen bedeutet. Viele Untersuchungen zeigen, dass aktives soziales Engagement bei Kindern immer seltener wird. Wenn wir dann erwachsen sind, kann es sein, dass wir unsere Nachbarn nicht einmal mehr kennen, und ganz gewiss verlassen wir uns nicht mehr auf sie, wie es in früheren Generationen noch gang und gäbe war. Nur selten noch bilden Nachbarn in unserer Welt eine echte Gemeinschaft.

Die natürliche Welt kennt keine Künstlichkeit

Selbst innerhalb der Familie besteht heutzutage das große Risiko, dass Eltern nicht mehr für ihre Kinder da sind, selbst wenn sie physisch anwesend sind – einfach weil sie dermaßen gestresst, von anderen Dingen eingenommen und höllisch beschäftigt sind. Eltern sind oft so chronisch überfordert, dass sie ihre Kinder in bestimmten Momenten gar nicht mehr wahrnehmen, geschweige denn, in den Arm nehmen können, wenn sie Kummer haben. Das läuft darauf hinaus, dass in der Familie niemand mehr die Aufmerksamkeit erhält, die sie oder er braucht und verdient.

Im Bereich der Medizin ist es heute fast überall ebenso schwer, wenn nicht gar unmöglich, die Aufmerksamkeit unseres Arztes zu gewinnen. Die Ärzte haben einfach zu wenig Zeit für ihre Patienten. Sie stehen unter großem zeitlichen Druck und enormem Stress. Unbeabsichtigte Achtlosigkeit ist zu einem großen Berufsrisiko für Ärzte geworden, dem immer mehr Mediziner erliegen. Gute Ärzte hüten sich so gut es ihnen möglich ist davor, doch selbst die besten Ärzte ersticken unter dem Zeitdruck in dieser Welt des zunehmend verwalteten und profitorientierten Gesundheitswesens.

Kein Wunder, dass so viele von uns in der Natur Stille suchen und sie auch finden. Die natürliche Welt kennt keine Künstlichkeit. Der Baum vor unserem Fenster und die Vögel in diesem Baum stehen allein im Jetzt. Sie sind Überreste einer einst jungfräulichen Wildnis, die dort, wo es sie in geschützten Bereichen noch gibt, für uns Menschen das Zeitlose repräsentiert. Wir haben instinktiv das Gefühl, ein Teil der Natur zu sein, weil unsere Vorfahren aus ihr und in sie hinein geboren wurden und die natürliche Welt für sie die einzige Welt war, die es gab. Sie bot ihren Bewohnern eine Vielfalt von Erfahrungsdimensionen, und der Mensch musste sie alle verstehen, um überleben zu können. Dazu gehörte auch das, was sie manchmal die Welt der Geister oder die Welt der Götter nannten, Welten, die man spüren, aber gewöhnlich nicht sehen konnte.

Eine Einladung in die Gegenwart

Der Wandel der Jahreszeiten, Wind und Wetter, Tag und Nacht, Berge, Flüsse, Bäume, Meere und Meeresströmungen, Felder, Pflanzen, die Wildnis und wilde Tiere – das alles spricht auch heute noch zu uns. Sie locken uns und laden uns ein in die Gegenwart, in der sie jederzeit existieren – wir natürlich auch, nur, dass wir das vergessen haben. Sie helfen uns, uns zu sammeln und wieder auf das zu achten, was wirklich wichtig ist. Sie erinnern uns, in Mary Olivers wohlgesetzten Worten, an „unseren Platz in der Familie der Dinge“.

Doch in den letzten einhundert Jahren hat sich viel für uns verändert. Wir haben uns der natürlichen Welt und einem Leben der Verbundenheit innerhalb der Gemeinschaft, in die wir geboren wurden, immer mehr entfremdet. Und dieser Wandel ist in den beiden letzten Jahrzehnten noch drastischer geworden, seit die digitale Revolution sich über die ganze Welt ausgebreitet hat. Alle unsere „zeitsparenden“ Gerätschaften haben unser Leben immer schneller werden lassen und zu immer größerer Abstraktion geführt – wir sind unserem Körper zunehmend fremder und ferner geworden.

Es ist immer schwerer geworden, aufmerksam bei einer Sache zu bleiben, und die Dinge, die um unsere Aufmerksamkeit heischen, vermehren sich ständig. Wir sind nur allzu leicht abgelenkt und noch leichter zerstreut. Informationen, Forderungen, Termine, Mitteilungen stürmen unablässig auf uns ein. Und fast all die Dinge, die uns in gnadenloser Geschwindigkeit bombardieren, sind menschengemacht. Es steht eine Absicht dahinter, und meistens wird dabei entweder an unsere Gier oder an unsere Angst appelliert.

Diese Angriffe auf unser Nervensystem stimulieren und nähren unablässig Begehren und Erregung statt Zufriedenheit und Ruhe. Sie begünstigen bloßes Reagieren anstelle von Kommunizieren, nähren Zwietracht anstelle von Eintracht oder Frieden, sie kitzeln unsere Begehrlichkeit, so dass wir nicht mehr mit dem zufrieden und in Frieden sein können, was wir sind. Und wenn wir nicht achtgeben, berauben sie uns vor allem unserer Zeit, unserer kostbaren Momente. Dieser ständige Ansturm dringlicher Angelegenheiten zwingt uns gerade dazu, uns in die Zukunft zu projizieren, in Gedanken an die Zukunft zu leben.

Dem Geschehen immer einen Schritt voraus

All diese Geschwindigkeit, diese Habgier und dieser Mangel an körperlicher Sensibilität bringen uns dazu, immer mehr in unserem Kopf zu leben. Wir versuchen, uns die Dinge zurechtzulegen und dem Geschehen immer einen Schritt voraus zu sein, statt zu spüren, wie die Dinge wirklich sind. In einer Welt, die längst nicht mehr vorwiegend natürlich oder lebendig ist, haben wir es ständig mit Maschinen zu tun, die unsere Reichweite ausdehnen, während wir uns durch die Gewöhnung an ihren Gebrauch – sei es das Radio im Auto, das Auto selbst, der Fernseher im Schlafzimmer oder der Computer im Büro und zunehmend auch in der Küche – immer mehr von unserem Körper entfremden.

Die gnadenlose Beschleunigung unseres Lebensstils während der vergangenen Jahrzehnte hat die Konzentration auf irgendeine Sache zu einer beinahe verlorengegangenen Kunst gemacht. Die wachsende Zahl unserer technischen Hilfsmittel hat unsere Fähigkeit und Neigung unterminiert, unsere Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten und dadurch die Dinge wirklich bis in die Tiefe kennenzulernen, bevor wir zum Handeln übergehen. Dieser Mangel an Aufmerksamkeit lässt uns zum Beispiel beim Versenden einer E-Mail auf „Absenden“ klicken, und uns erst im nächsten Augenblick daran erinnern, dass wir vergessen haben, das Dokument anzuhängen, das wir eben noch als Anhang angekündigt haben. Oder uns fällt erst im Nachhinein ein, dass wir eigentlich nicht sagen wollten, was wir gerade gesagt haben, oder dass wir nicht gesagt haben, was wir eigentlich sagen wollten… zu spät!

Die Technologie selbst verleitet uns dazu, uns keine Zeit zum Reflektieren zu nehmen. Sie fördert einen manchmal geradezu unwiderstehlichen Drang, die Nachricht rasch zu senden und dann weiter zu scrollen zur nächsten Mail in unserer In-box. Vielleicht seufzen wir innerlich und gehen zum nächsten Punkt über oder wir schicken eine Korrektur hinterher, soweit das noch möglich ist. Auf diese Weise kann sich eine alles durchdringende Mittelmäßigkeit in unsere alltägliche Kommunikation und unsere Kontakte einschleichen, insbesondere dann, wenn wir uns dieser tückischen Entscheidungen, die wir unablässig treffen, gar nicht bewusst sind. Wir werden nämlich, wie einige ADS-Spezialisten beobachtet haben, von all den verlockenden Wahlmöglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen, geradezu zur Zerstreuung genötigt. Angesichts dieses zwanghaften Springens von einer Sache zur nächsten haben wir weitgehend die Fähigkeit und den Willen verloren, unseren Geist zu konzentrieren und ihn nur auf eine Sache auszurichten.

Unabgelenkte Präsenz in der Erwachsenenwelt?

Es ist bezeichnend und im Grunde tragisch, dass heute viele Kinder bis hinab zum Alter von drei Jahren mit Medikamenten gegen ADS und ADHS eingestellt werden. Könnte es nicht sein, dass es in vielen Fällen die Erwachsenen sind, die die Kinder zu dieser Zerstreuung und Hyperaktivität erziehen – wenn ein solches Verhalten angesichts der heutigen Umstände nicht schon „normal“ geworden ist? Vielleicht ist das Verhalten des Kindes ja nur Symptom einer umfassenderen Störung des Familienlebens und unseres gesamten Lebensstils, wie es wahrscheinlich auch bei dem um sich greifenden Phänomen der Fettleibigkeit bei Kindern und Erwachsenen der Fall ist.

Wenn die Eltern nur selten anwesend sind, weil sie so beschäftigt und überfordert sind, wenn sie selbst dann, wenn sie anwesend sind, in Gedanken verloren sind, wenn sie fast immer bei der Arbeit sind, auch an den Abenden und Wochenenden, und wenn sie dann, sind sie mal zu Hause, die meiste Zeit am Telefon hängen und damit beschäftigt sind, irgendwie den Haushalt zu bewältigen, dann leiden unsere Kinder vielleicht am Entzug elterlicher Zuwendung und an einem riesigen, beinahe genetischen Kummer dahinter. Vielleicht ist einfach ein Defizit an Aufmerksamkeit von Seiten der Eltern vorhanden, ein Mangel an tatsächlich gelebter, atmender, fühlender, zärtlicher, verlässlicher und nicht nur gelegentlicher, unabgelenkter Präsenz.

Schließlich leben wir in einer Erwachsenenwelt – oder wenigstens glauben wir Erwachsenen daran. Wenn also wir Erwachsenen ständig mehr oder weniger zerstreut sind, wenn es uns dermaßen schwer fällt, uns längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren, ist es dann ein Wunder, wenn es immer mehr Kindern ebenso ergeht, vor allem wenn man sich vor Augen hält, dass ihre Rhythmen besonders im Säuglings- und im Kleinkindalter aufs engste mit den unseren verknüpft sind?

Sondern einfach weil sie Kinder sind…

Vielleicht ist es ja auch so, dass einige Kinder, bei denen ADS diagnostiziert wurde, gar nicht wirklich daran leiden, zumindest nicht, bevor sie ein Handy besitzen und der SMS-Manie anheimgefallen sind. Möglicherweise sind sie ja ganz normale Kinder, die einfach von ihrer Veranlagung her sehr viel Energie besitzen. Es könnte sein, dass sie einfach deshalb als Störenfriede in der Klasse empfunden werden und ADS oder ADHS bei ihnen diagnostiziert wird, weil die Erwachsenen einfach keine Zeit oder keine Lust oder keine Geduld haben, mit der natürlichen überschäumenden Energie von Kindern umzugehen.

Viele von uns empfinden sich einerseits als Gefangene der Umstände, sind aber gleichzeitig dem Tempo des modernen Lebens verfallen. Selbst unser Stress und unsere Belastungen können sich irgendwie gut anfühlen, ja sie können sogar süchtig machen. So kann es sein, dass wir uns sogar dagegen sträuben, etwas langsamer zu machen und uns auf den gegenwärtigen Moment einzulassen. Und, dass wir uns dagegen wehren die Bedürfnisse unserer Kinder zu achten, wenn sie den unseren entgegenlaufen – Bedürfnisse, die sich ständig ändern, nicht, weil die Kinder eine Verhaltensstörung haben, sondern einfach weil sie Kinder sind.

Es kann also sein, dass die Kinder nur deshalb in ein Un-Wohlsein hineingetrieben werden, weil sie mit uns in unseren ADS-Haushalten leben und auf eine ADS-Schule gehen müssen, wo ihnen ein körperfeindlicher Lehrplan aufgezwungen wird, der ihnen das Lernen von zum größten Teil fragmentierten und zusammenhanglosen Informationen abverlangt. Und nach dieser Initiation in das Leben verlangt man von ihnen, dass sie sich in unserer ADS-Gesellschaft zurechtfinden und auf sinnvolle Weise mit einer Arbeit, mit Beziehungen und ihrem eigenen Leben umzugehen wissen. Auch wenn diese Beschreibung der Situation vielleicht nur teilweise zutrifft, sollte sie uns doch zu denken geben.

Aus dem Buch:

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