Einander sehen

Wie komplex sich das Leben entfaltet und was wir alles von den eigenen Eltern gelernt haben

Als Kind war es für mich unvorstellbar, dass meine Eltern selbst einmal kleine Kinder waren. Dass sie aufwuchsen und erwachsen wurden und bereits eine lange Geschichte hatten. In meiner kindlichen Vorstellung waren die Eltern immer so alt, wie sie damals waren. Es lag außerhalb meiner Gedanken, dass sie einmal alt werden und sterben könnten.

Einander sehen – Marie Martin

„Wenn du stirbst, Mami, komme ich regelmäßig zu deinem Grab und bringe dir etwas zu essen!“, sagte der kleine Sohn einer Freundin neulich zu ihr. Sie erzählte mir mit Tränen der Rührung in den Augen davon. Dann sprach sie davon, wie traurig sie jetzt schon manchmal sei, dass er irgendwann groß sein, ausziehen und sein eigenes Leben leben werde. „Dabei soll er ja in die Freiheit wachsen“, sagte sie, „und ich müsste glücklich sein, wenn er geht, ohne sich umzudrehen – aber natürlich tue ich das nicht!“

Für meine Freundin sind die Aussagen ihres Sohnes oft voller Weisheit, weil sie mitunter wie aus einer anderen Welt zu kommen scheinen. „Eigentlich ist doch alles voller Liebe“, verkündete er einmal. Sie fragt sich dann, woher er diese Sätze nimmt. Das Rätselhafte seiner Existenz versucht sie einfach da sein zu lassen – ohne irgendwelche Erwartungen, was einmal aus ihm werden soll. Dabei hofft sie natürlich, dass er glücklich wird und sie ihre enge Verbindung behalten werden.

Genau Vorstellungen davon, was für die jeweils andere Seite richtig ist

Als Eltern ist es mitunter schwer, seine Kinder so sein zu lassen, wie sie sind, ohne bestimmte Vorstellungen von ihnen zu haben. Viele Eltern tun ihr Bestes für die Förderung der Kinder und erhoffen sich insgeheim, dass die Kinder es ihnen auf irgendeine Art und Weise „zurückgeben“. Durch Erfolg, dadurch, dass sie auf eine Art dankbar sind oder zu würdigen wissen, was die Eltern getan haben. Sie wünschen sich, dass die Kinder ebenfalls ihr Bestes geben und, je älter sie werden, auch die Eltern anerkennen, würdigen und sehen können. Manche Eltern wünschen sich unbewusst oder auch bewusst, dass die Kinder ihnen ähnlich sind, oder haben bestimmte Vorstellungen von der beruflichen Zukunft der Kinder. Sie beeinflussen massiv die Wahl der Ausbildung oder des Studiums oder binden die Wahl an finanzielle Unterstützung („Wenn du Kunst studierst, werde ich das Studium nicht finanzieren“), sodass die jungen Erwachsenen vor die Wahl gestellt sind, sich ihren Weg selbst zu finanzieren auf die Gefahr hin, dass die Beziehung gefährdet ist, oder sich dem Wunsch der Eltern anzupassen und möglicherweise viele Jahre mit etwas zu verbringen, das den eigenen Wünschen nicht entspricht und das man später auch beruflich nicht umsetzen wird.

Kinder und Jugendliche wünschen sich, von den Eltern respektiert und ihrer Eigenart gesehen zu werden – aber auch Eltern wünschen sich, besonders später im Leben, dass ihre nun erwachsenen Kinder sich dafür interessieren, wie sie selbst eigentlich aufgewachsen sind und was es bedeutet hat, sie großzuziehen. Sie wünschen sich eine mehr freundschaftliche Ebene und oft auch praktische Unterstützung. Die erwachsenen Kinder haben oft ihrerseits eigene Vorstellungen davon, wie die Eltern sein und leben sollten. Sie versuchen, sie politisch umzustimmen oder zu einer gesünderen Lebensweise oder Ernährung zu bringen. „Papa, du musst endlich Verantwortung für dein Leben übernehmen“, sagte neulich ein Freund meines Bruders zu seinem alten Vater, der seine ungesunde Lebensweise nicht aufgeben will. So hat man beiderseits in verschiedenen Lebensphasen offenbar genaue Vorstellungen davon, was für die jeweils andere Seite richtig ist.

Sanfte Liebe, Schutz und Geleit – das ist alles

Für den englischen Arzt Edward Bach, den Entwickler der Bach-Blüten, ist jegliche Art von zu starker Beeinflussung oder der Wunsch der Eltern, über die Kinder zu bestimmen, eine Behinderung der Seele. Für ihn besteht die Aufgabe der Eltern darin, die noch junge Seele auf ihrem Weg zu begleiten, damit sie ihr Potenzial entfalten kann. Jede Seele hat in seinen Augen ihren eigenen Weg, möchte ihre eigenen Erfahrungen sammeln und braucht anfangs nur „sanfte Liebe, Schutz und Geleit“, bis sie sich selbstständig bewegen und selbst leiten kann.

Er befindet, Eltern sollten ihre Kinder ohne jegliche „einschränkende Pflichtgefühle“ entlassen, sodass nichts ihren Weg behindert. „Nichts, aber auch nichts“ soll zurückerwartet werden. Das, was die Kinder geben werden, können sie seiner Meinung nach an die nächste Generation weitergeben. Leichter gesagt als getan, denn die meisten Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder auch nach dem Auszug und dem Beginn des eigenen Lebens als Erwachsene eine gute Beziehung zu ihnen behalten. Das gelingt am ehesten dann, wenn die jungen Erwachsenen sich nicht bedrängt fühlen, bestimmte Erwartungen zu erfüllen, und ihren eigenen Weg gehen können.

Als Kinder und Jugendliche sind wir mit unserem eigenen Aufwachsen beschäftigt, erst später beginnen wir zu verstehen

Gelingt eine gesunde Ablösung in die Freiheit, kann man sich als Familienmitglieder später freiwillig entscheiden, in eine andere Art von Kontakt zu treten, die es auch den ehemaligen Kindern besser erlaubt, die eigenen Eltern mit ihrer Biografie und ihrem So-geworden-Sein zu sehen und zu würden. Erstaunlich, was ihnen alles gelungen ist, auch wenn man als Kind oder Jugendliche mit manchen Aspekten vielleicht Schwierigkeiten hatte. Besonders dann, wenn die einstigen Kinder selbst Eltern werden, tritt ihnen plötzlich ins Bewusstsein, was die eigenen Eltern meistern mussten und geleistet haben.

Wir verstehen später mit einem Blick in die Geschichte, wie die Folgen von Krieg, Flucht und Vertreibung massiven Einfluss auf die Biografien der Generationen vor uns hatten. Als Kinder und Jugendliche sind wir mit unserem eigenen Aufwachsen beschäftigt und mitunter überfordert und haben keine Kapazitäten, um die Eltern zu sehen oder uns für ihre Geschichte zu interessieren – das entsteht oft erst nach und nach und kann mehr Verständnis und Achtung wachsen lassen.

Der Therapeut Hunter Beaumont unterscheidet zwischen dem Wesen oder Herzen eines Elternteils und der Verstrickung dieses Elternteils. Diese Verstrickung meint, dass auch die Eltern ihrerseits mit Bedingungen zu kämpfen hatten, in denen sie groß wurden und die sie geformt haben. Sie haben das getan, was ihnen möglich war, und nicht das, was sie vielleicht lieber getan und geworden wären – genauso wie wir später.

Unser eigener Weg begann mit den Menschen, die unsere Eltern waren

Louise Hay, die als Kind Missbrauch erlebte und sich später von Gebärmutterhalskrebs heilte, hat unzähligen Menschen auf der Welt durch ihre Arbeit geholfen. Ein wichtiger Teil dieser Arbeit sind unterstützende Sätze – Affirmationen – und Meditationen.

Eine ihrer Übungen besteht darin, sich die eigenen Eltern als kleine Kinder vorzustellen – allein und nach Liebe und Antwort suchend, wie sie damals waren. Sie schlägt vor, diese Kinder in den Arm zu nehmen – und in das eigene Herz. Je nach Kindheit wird das vielleicht nicht jedem gelingen, Widerstände erzeugen oder vielleicht etwas länger dauern. Die Übung kann aber auch einen Teil im Inneren berühren, der sich voller Weichheit und Liebe der Kinder annimmt, die die Eltern einmal waren. Sie haben ihr Leben gemeistert und oft Erstaunliches vollbracht – je älter man selbst wird, desto klarer kann einem werden, wie komplex sich das Leben entfaltet und was man alles von den eigenen Eltern gelernt hat oder sogar noch lernen kann.

Unser eigener Weg mag uns verschlungen vorkommen und manchmal unklar vor uns liegen, aber es begann mit den Menschen, die unsere Eltern waren und sind. „Je älter ich werde, desto mehr vermisse ich meine Eltern“, sagte neulich ein Kollege von mir, dessen Eltern beide nicht mehr leben.

Können wir etwas vom Wesen unserer Eltern wahrnehmen? Auch spät – selbst nach dem Tod der Eltern oder eines Elternteils – können wir einander immer noch und immer wieder wirklich zu sehen und freilzulassen versuchen.

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

Marie Martin ist Autorin und Theaterpädagogin, schreibt seit einigen Jahren für die Zeitschrift Mit Kindern wachsen. Ihr Interesse gilt unter anderem großen PädagogInnen, neuen Bildungswegen und der Kreativitätsförderung.

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Alle Rechte vorbehalten. Arbor Verlag/Marie Martin