Einfach so

Ein Nachmittag in der Kreativwerkstatt: die Kinder (6 – 8 Jahre) sitzen am Tisch und machen Farbexperimente. Mit Schwämmchen tragen sie Farbe auf, nebeneinander, übereinander und fahren dann mit Bürsten und Schabern drüber. Sie sind begeistert über die unterschiedlichen Strukturen und Effekte, die dabei entstehen.

Einfach so

© Sonja Welker

„Wow, das sieht stark aus“„schau mal das hier“„da wird es plötzlich grün“… Ich teile ihre Begeisterung und sage: „Ja ihr macht lauter starke Sachen“. Woraufhin ein Mädchen sagt: „Nein, die starken Sachen machen wir nicht, die kommen einfach so!“ Ich staune … damit hat sie einen ganz wesentlichen Gesichtspunkt kreativer Arbeit formuliert. Geschehen lassen, entstehen lassen ohne Absicht, ohne Ziel, ohne Wollen, ohne Machen. Aus der Tiefe kommen die starken Sachen, die starken Seiten ans Licht – einfach so –, ohne Anstrengung, ohne Müssen und ohne Druck.

Damit dies geschehen kann, brauchen Kinder viele Freiräume, in denen experimentieren, entdecken, sich treiben lassen möglich ist, Räume, in denen es viele Materialien gibt, die sie inspirieren können, wo es nicht geradlinig und zielorientiert zugeht.

Neulich las ich einen Artikel, in dem das Verhalten von Wasser reflektiert wurde. Wasser hat die Eigenschaft, wenn es sich auf ebener Fläche ausbreitet, zu mäandrieren. Auch Flüsse mäandrieren, wenn sie auf natürliche Weise fließen können. In verschlungenen Wegen, in unendlichen Windungen suchen sich Flussläufe ihren Weg. Man denke an die wunderschönen urigen Flusslandschaften alter Flussarme oder die kleinen Rinnsale, die nach der Schneeschmelze sich ihre Wege durch die Bergwiesen bahnen. Es ist bekannt, dass der Mensch zu 70  Prozent aus Wasser besteht. Könnte es nicht sein, dass das Mäandrieren, das Herumschweifen, mal hier hin und mal dort hin, zum Wesen des Menschen gehört, war eine weitere Überlegung des Artikels.

Nur selten geradeaus, doch ganz bei sich selbst und zufrieden

Beobachtet man, wie kleine Kinder sich bewegen, könnte man dem durchaus zustimmen. Sie gehen jedenfalls selten nur geradeaus. Geht man mit ihnen spazieren, sehen sie hier was und dort was, lassen sich von dem anziehen, was sie interessiert oder begeistert. Sie gehen oft dort lang, wo wir es nicht würden. Es könnte spannend sein, mal ganz ihren Wegen zu folgen.

Und selbst auf geraden Wegen gehen sie selten geradeaus, sondern im Zickzack, tänzeln hin und her, laufen vor und zurück, nicht selten fast den doppelten Weg. In Gruppen mit ganz kleinen Kindern beobachte ich oft, wie sie sich scheinbar ziellos durch den Raum bewegen. Fasziniert sie etwas, gehen sie darauf zu, können es aber ganz schnell wieder fallen lassen und die Richtung ändern, bis das Nächste auftaucht, bei dem sie verweilen. Oft scheint das planlos, ziellos – einfach so – und sie sind dabei ganz bei sich selbst und zufrieden.

Wir aber haben unsere Flüsse begradigt, unser Leben in feste Bahnen gebracht, die sich an Zielen orientieren wie Wirtschaftlichkeit, Leistung, Erfolg usw. Unser Terminkalender bestimmt den Ablauf des Tages. Normierung und Standardisierung sind an der Tagesordung.

Entspricht das natürlicher Entwicklung?

Unsere Gesellschaft mit ihrer Leistungs- und Zielgerichtetheit stellt uns quasi die Herausforderung, solche Räume zu schaffen, in denen das Nicht-Tun, das Eintauchen in den Fluss und das Staunen möglich sind. In denen Dinge einfach so geschehen können, in denen Hingabe erfahren werden kann.

Können Kinder immer wieder solche Erfahrungen machen, können sich ihre Stärken und Fähigkeiten von innen heraus gestalten. Es entwickelt sich das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Und irgendwann taucht dann auch die Stimme auf, die weiß, was sie will. Sie wird gehört und ihr wird vertraut.

Und so werden sie zu starken und selbstbewussten Persönlichkeiten, die ihren Weg durchs Leben auf kreative Weise finden.

Erschienen in der Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“, Ausgabe:

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