Im Entdeckungsraum

 

Eltern lernen, die Kompetenzen des Kindes wahrzunehmen

Marie Martin im Gespräch mit Christina Heilig

Christina Heilig spricht darüber was diese Art von Eltern-Kind-Gruppen auszeichnet, für wen sie geeignet sind und wieso sie die Arbeit auf keinen Fall mehr missen möchte.

 

Wie ist die Idee zum EntdeckungsRaum entstanden?

Für meinen jüngsten Sohn wünschte ich mir eine andere Form der Spielgruppe als die, die ich bis dahin kennengelernt hatte. Gemeinsam mit einer Freundin entstand dann die Idee, eine eigene Spielgruppe zu gründen, in der wir unsere Vorstellungen vom Umgang mit Kindern umsetzen wollten. In Vorbereitung darauf, aber auch für mich und meine Familie nahm ich 2001 an der Seminarreihe „Dein Baby zeigt dir den Weg“ beim Verein Mit Kindern wachsen (MKW) teil. Inspiriert davon, entwickelte sich ein Angebot für Säuglinge und Kleinkinder mit ihren Eltern, das sich stark an den Ansätzen Emmi Piklers orientierte. Aus der gemeinsamen Arbeit mit Lienhard Valentin entwickelte sich später der MKW-EntdeckungsRaum.

 

Was hat dich ermutigt, etwas Neues auszuprobieren?

Den Weg zu dieser Arbeit haben mir eindeutig meine Kinder gezeigt! Es hat ein bisschen gedauert, bis ich mich so richtig auf den Weg gemacht habe, also selbst innerlich so weit war, neue Wege zu gehen. Bei MKW benutzen wir ja ganz gerne das Wort „Aliendasein“! Dann aber habe ich mich auch gegen die Widerstände innerhalb von Familie und Freundeskreis abgrenzen können, das war ein wichtiger Schritt in der Entwicklung meiner Arbeit.

 

Worauf geht deine Arbeit zurück, bzw. was sind deine Einflüsse, Quellen?

Die Basis meiner Arbeit war zunächst hauptsächlich der pädagogische Ansatz von Emmi Pikler und Magda Gerber. Im Laufe meiner weiteren Fortbildungen beim MKW floss die essentielle Gestaltarbeit nach Katharina Martin und die Achtsamkeitspraxis zunehmend in meine Arbeit ein.

 

Worauf liegt dein Schwerpunkt?

Zunächst finde ich es wichtig, dass jede EntdeckungsRaumleiterin neben der Basis und den Rahmenbedingungen sich selbst als Person in die Arbeit einbringt und so ein authentisches Gegenüber für Eltern und Kind sein kann. Im EntdeckungsRaum liegt der Schwerpunkt genauso auf dem Erwachsenen wie auf dem Kind. Ursprünglich dachte ich, mit dieser Arbeit ein feines Angebot für Kinder zu schaffen, und merkte dann recht schnell im Laufe der ersten Kurse, dass die Gewichtung der Arbeit genauso auf den Eltern, ja vielleicht sogar noch mehr auf den Eltern als auf den Kindern liegt. Ich möchte die Eltern mit Hilfe der Achtsamkeitspraxis in der Entwicklung ihres Einfühlungsvermögens unterstützen. So können sie leichter die Perspektive des Kindes einnehmen und besser annehmen, was ihnen das Kind gerade zeigt.

 

Was ist deine Rolle dabei?

Ich gehe nicht davon aus, dass ich besser weiß, was z.B. bei der Lösung einer schwierigen Situation das Beste für die Familie ist, sondern möchte die Eltern darin unterstützen, Antworten und Lösungen in ihrer Beziehung zum Kind zu finden. Hier stelle ich natürlich Wissen und Erfahrung zur Verfügung, letztendlich treffen aber die Eltern im Kontakt zum Kind die Entscheidung, welchen Weg sie gehen möchten. So können diese Wege sich von Familie zu Familie ganz unterschiedlich entwickeln. Dadurch entwickelt sich beim Erwachsenen mehr Vertrauen in die eigene Intuition als Eltern.

 

Das Training der eigenen Intuition als Eltern heißt ja auch ein Training, sich selbst zu vertrauen und gegebenenfalls zu verzeihen.

Ein wesentlicher Teil der Achtsamkeitspraxis ist in der Tat der Aspekt des nicht Urteilens. Dieser Aspekt, ist gerade für junge Eltern eine wirkliche Herausforderung, denn sie gehen mit sich selbst oft am härtesten ins Gericht. So lasse ich den Ansatz des „Sei freundlich und wohlwollend mit dir selbst“ immer wieder in die Arbeit mit einfließen.

 

Der einfühlende Prozess, der Kontakt stehen also im inneren Zentrum.

Der EntdeckungsRaum bietet zwar einen äußerlich klaren Rahmen, da im Zentrum aber Achtsamkeit und Einfühlung stehen, orientiere ich mich immer wieder neu an dem Prozess, der sich in der jeweiligen Gruppe oder im Kontakt mit den Eltern zeigt. Es gibt ein Dogma in meiner Arbeit – dass es kein Dogma gibt – denn egal, wie gut ein Ansatz, eine Idee auch sein mag, wenn er zum Dogma wird, steht er zwischen Eltern und Kind und eine Entscheidung wird nicht mehr im Kontakt mit dem Kind getroffen.

 

Was ist dir in der Arbeit mit den Kindern wichtig?

Mir ist wichtig, dass sich die Kinder gesehen fühlen, sie lernen, wie sie ihre Bedürfnisse ausdrücken können, dass die Eltern die Einzigartigkeit in jedem Kind entdecken und wertschätzen können und so im Kind das Bild entsteht, dass sie eine Freude für ihre Eltern sind und so geliebt werden, wie sie sind. Macht ein Kind diese Erfahrungen, wird es sich gut entwickeln und dem Bedürfnis, über sich selbst hinauszuwachsen, wird ein sicherer Boden gegeben.

 

Wie ist die Rolle der Eltern ganz praktisch und welche Materialien stehen zur Verfügung?

Für die Eltern gibt es einen bequemen Platz am Rand des Geschehens, den sie gemeinsam mit ihren Kindern aufsuchen, wenn sie ankommen. So bekommt das Kind eine Orientierung und kann von dort aus sich in seiner Zeit den angebotenen Bewegungs- und Spielmaterialien zuwenden. Die richten sich nach dem Alter und dem Entwicklungsstand der Kinder. Bei den Spielgegenständen achte ich auf möglichst offene Materialien, die dem Kind nicht vorgeben, was es damit machen kann, sondern das Kind kann den Gegenstand auf seine Weise erforschen und einsetzen. Die Bewegungsmaterialien sind Pikler- und Hengstenberg-Materialien, die das Angebot nach und nach ergänzen und vom Kind in seiner eigenen Zeit erobert werden.

 

Wie nähern sich die Eltern innerlich ihrer beobachtenden Rolle an?

Viele Eltern suchen sich dieses Kursangebot wirklich gezielt aus, weil sie bewusst das Kind machen lassen möchten und sich von den Ansätzen angesprochen fühlen. Trotzdem ist es wichtig, dass Eltern wissen, wie ihre Rolle dabei aussieht. Es gibt für alle Eltern einen Einführungstermin, bei dem ich sie über die etwas andere Kursstruktur, meine Ansätze und was mir am Herzen liegt informiere. Hier können sie dann auch alle Fragen stellen, die sie noch mitbringen. Das ist ein wichtiger Schritt, um sich auf ihre Rolle als Eltern im Kurs einlassen zu können.

 

Aber es geht nicht darum, als Eltern eine bestimmte Rolle zu erfüllen?

Es wäre völlig an meinem Ansatz vorbei, wenn Eltern das Gefühl hätten, dass sie nur in Ordnung sind, wenn sie sich auf eine bestimmte Weise verhalten. Es ist wichtig, dass sie authentisch bleiben können und sich wohlfühlen. Nicht nur die Kinder brauchen Zeit, um den EntdeckungsRaum kennenzulernen, auch die Eltern brauchen sie. Es ist dann immer wieder schön zu beobachten, wie schnell sie diesen Schatz des „nur Beobachtens“, Einfühlens und wirklich im Kontaktseins entdecken und wertschätzen. Natürlich fällt es ihnen nicht immer leicht, den Austausch mit den anderen Eltern auf die Anfangs- und Schlusszeiten des Kurses zu beschränken.

 

Gibst du auch praktische Hinweise, erklärst du Situationen?

Natürlich bin auch ich im Fokus der Eltern. Dadurch, dass sie mich im Umgang und in der Kommunikation oder auch in der Art, wie ich eingreife, beobachten, lernen sie neue Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit ihren Kindern kennen. Immer wieder gibt es auch Gelegenheiten, bei denen ich gleich ein paar Worte zu einer Situation sage, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, was sich zeigt oder wie man mit etwas umgehen kann, z.B. wie ich damit umgehe, wenn sich ein Kind wehgetan hat, wie sich ein Konflikt gelöst hat, ohne dass ich eingegriffen habe, oder wie ich eingegriffen habe. Ich gehe auch zu den Eltern hin und spreche da etwas an, das sich gerade zeigt. Wenn die Kinder das zulassen, so kommt es zu kurzen Zwiegesprächen mit den Eltern.

 

Tauschen sich die Eltern untereinander aus?

Der Entdeckungsraum bietet den Eltern natürlich die Möglichkeit, untereinander in Kontakt zu kommen und sich auch außerhalb zu treffen und Beziehungen zu schaffen, die einander unterstützen. Zum Kursangebot ergänzend finden regelmäßige Gesprächsabende statt, die Raum geben für die Themen, die den Eltern im Leben mit ihren Kindern begegnen und sie herausfordern. Hier findet sich auch Zeit für Übungen zur Selbstunterstützung aus der Achtsamkeitspraxis, die Eltern im Alltag unterstützen.

 

Was ändert sich im Alltag der Eltern?

Eltern berichten mir vor allem, dass sie auch im Alltag ihr Kind häufiger „nur“ zu beobachten beginnen, ohne einzugreifen oder zu kommentieren, und sich dadurch ihre Wahrnehmung für die Kompetenzen des Kindes verändert. Insgesamt verlangsamt sich das Tempo im Umgang mit dem Kind, wann immer es möglich ist und es fällt ihnen deutlicher auf, wie störend sich Zeitdruck auf eine freudige Beziehung zum Kind auswirken kann. Eine schöne Rückmeldung ist es immer, wenn sich schwierige Situationen entspannen, weil sich die Eltern mit ihnen auseinandergesetzt haben und im Kontakt mit dem Kind die Wege gehen, die sie in Gesprächen für sich gefunden haben.

 

Wenn ein Kind etwas alleine geschafft hat und freudig-stolz zu seinen Eltern blickt, die sich mitfreuen, was bedeutet das für dich?

Diese Momente sind so wunderbar magisch, so kostbar und unvergesslich. Jedes Mal, wenn ich einen solchen Moment beobachten darf, erfüllt mich das mit Ehrfurcht und Freude. Es sind diese Momente, in denen die Kinder so wunderbar diesen inneren Antrieb demonstrieren, dass sie sich entwickeln wollen und dafür so viel riskieren und mit Freude viel Energie einsetzen, um den Weg zu gehen und das Gefühl der Freude, wenn es geschafft ist, können nur sie sich selbst geben!

 

Vielen herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Heilig.

 

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