Keine Angst vor Tränen

Wir können unseren Kindern helfen mit ihren Gefühlen umzugehen – Fragen an Naomi

Es ist schwer mit den Tränen eines Kindes umzugehen. Sie können uns Angst einjagen oder Macht über uns gewinnen, dann fühlen wir uns hilflos, oder erfüllen dem Kind jeden Wunsch, damit es glücklich ist. Aber wenn nicht einmal wir mit den starken Gefühlen des Kindes umgehen können, wie soll das Kind es dann schaffen?
Es gibt viele Wege auf Weinen zu reagieren – wichtig ist, dass das Kind sich verstanden und angenommen fühlt. Egal wieso ihr Kind weint, helfen sie ihm seine eigenen Erfahrungen mit Gefühlen zu machen.

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"Mamaaaaaaa..." © Vermin Inc/flickr

Frage:
Meine neunjährige Tochter ist eifersüchtig und weigert sich, unsere Reaktionen auf die Bedürfnisse ihres jüngeren Bruders zu verstehen. Er weint, wenn ich mit ihr weggehe; er möchte nicht bei seinem Vater bleiben. Wir nehmen ihn mit, doch dann ist er aufgebracht. Gestern haben wir unseren Besuch bei Freunden abgebrochen, weil er weinte und nach Hause wollte; es war zu viel für ihn. Seine Schwester schimpfte und jammerte. Sie nennt ihn „unser Prinzlein“ und versinkt in Selbstmitleid. Wie kann ich ihr helfen, damit sie die Bedürfnisse ihres Bruders besser akzeptieren kann, und wie kann ich meinem Sohn helfen, damit er nicht so bedürftig ist.

Antwort:
Ich verstehe, dass Sie sich eher Ihrem weinenden Sohn zuwenden. Ihre Tochter weint jedoch auch – allerdings ohne Tränen. Sie können nichts daran ändern wie sie sich fühlt; aber vielleicht haben Sie das Bedürfnis, sie zu verstehen. Jedes Mal, wenn wir versuchen, den Gefühlen oder dem Verhalten eines Kindes entgegenzuwirken, verpassen wir eine Chance dazuzulernen; unsere Kinder beleuchten Dinge, die wir selbst weder sehen noch hören können. Wenn Sie auf Ihre Tochter hören, wird sich der Konflikt für beide Kinder auflösen.

Schwierig wird es immer dann, wenn wir glauben, dass Weinen nicht sein darf und Tränen unterbunden oder verhindert werden müssen. Wie sehr wir uns auch bemühen, die Bedürfnisse unserer Kinder zu befriedigen, sie werden immer Enttäuschungen erleben und erfahren, dass nicht alle ihre Wünsche erfüllt werden können. Sie können mit den Erfahrungen, die das Leben mit sich bringt, umgehen; wir Erwachsene jedoch haben oft Mühe, mit unseren Gefühlen über ihre Gefühle zurechtzukommen.

Auf die Gefühle der Kinder eingehen

Im Umgang mit der Realität können Kinder ihren Charakter stärken, vorausgesetzt wir vermeiden es, ihre Tränen mit Hilfe schneller Lösungen, Ersatzbefriedigungen oder Ablenkungen zu stoppen. Sie können es verkraften, etwas nicht zu bekommen (Grundbedürfnisse ausgenommen), wenn wir auf ihre Gefühle eingehen. Das bedeutet nicht, dass diese Gefühle unterdrückt werden sollen, indem wir das Unmögliche möglich machen, für Ersatzbefriedigungen oder Ablenkung sorgen. Es geht vielmehr darum, dass Sie zuhören und bestätigend und verständnisvoll reagieren. Manchmal kann ein Wunsch erfüllt werden, ein anderes Mal nicht. Das Kind kommt damit zurecht, wenn Sie nicht ins Wanken kommen.

Kinder werden bedürftig und abhängig, wenn sie lernen, dass man vor Gefühlen Angst haben muss, und dass ihre Eltern Zauberkräfte besitzen, mit deren Hilfe sie die Realität den Wünschen ihrer Kinder entsprechend gestalten können. Doch wahre Kraft, Freiheit und Freude erlangen wir nicht dadurch, dass wir jeden Wunsch erfüllt bekommen, sondern dadurch, dass wir die Fähigkeit besitzen, allem was uns widerfährt, mit Freude zu begegnen.

Jedes Mal, wenn Sie sich wünschen, dass Ihre Tochter sich anders fühlt als sie sich gerade fühlt, ignorieren Sie die innere Führung, die Sie aus Ihrem Zwiespalt befreien könnte. Halten Sie inne und überprüfen Sie Ihre Situation erneut: Sie möchten, dass Ihre Tochter nicht eifersüchtig ist. Sie möchten, dass sie versteht, dass die Bedürfnisse ihres Bruders vorrangig sind, wenn er weint. Das ist unmöglich! Ihr Verhalten ist der Beweis dafür, dass sie sich nur so verhalten kann. Versuchen Sie nicht Ihre Tochter „hinzubiegen“, hören Sie ihr zu.

Die Tyrannei der Tränen beenden

Ihrer Tochter gelingt es nicht, Ihre Erwartungen zu erfüllen, was sehr schmerzhaft und verwirrend für sie ist. Sie versteht nicht, warum die Bedürfnisse ihres Bruders Vorrang vor ihren eigenen Bedürfnissen haben. Für sie gibt es nicht den Glaubenssatz, dass Tränen vermieden oder um jeden Preis gestoppt werden müssen. Sie beobachtet lediglich, dass das Vermeiden von Tränen wichtiger ist als sie selbst, oder dass ihr Bruder bevorzugt behandelt wird. Sie könnte auch anfangen zu weinen, um Ihre Logik zu testen, doch sie bleibt sich selbst treu. Sie möchte auf keinen Fall ihre Integrität aufgeben und teilt Ihnen mit, dass Sie sie übergehen, wenn Sie sich um ihren Bruder kümmern. Beide Kinder werden mit Sicherheit erleichtert sein, wenn die Tyrannei der Tränen beendet wird.

Hören Sie auf Ihr Herz: es wird Ihnen sagen, warum Ihre Tochter Recht hat. So handeln Sie aus bedingungsloser Liebe, und Sie erhalten die Möglichkeit, als Mensch und als Mutter zu wachsen. Unsere Urteile über andere zeigen uns, wo wir selbst etwas lernen können. Ihre Tochter kann nichts daran ändern wie sie sich fühlt, aber Sie können etwas daran ändern, welche Empfindungen Tränen bei Ihnen auslösen, und Sie können Ihre Kinder anders wahrnehmen.

Machen Sie sich auf die Suche nach Ihrer eigenen Weisheit: möchten Sie wirklich, dass Ihre Tochter glücklich wird, indem sie das aufgibt, was sie wirklich will, weil ihr Bruder weint? Würden Sie sich dann nicht Sorgen um ihr Selbstwertgefühl machen? Ihre Beharrlichkeit zeigt, dass sie weiß, wie sehr Sie sie lieben und dass Sie ihr zuhören werden. Sie hat Recht – Sie hören zu und Sie suchen nach einer Lösung, indem Sie mir diese Frage stellen. Machen Sie sich folgendes bewusst: wenn Sie möchten, dass Ihre Tochter anders ist als sie ist, sind Sie ängstlich und unfähig, Lösungen zu finden. Das ist auch gar nicht das, was Sie wollen. Wenn Sie von Ihrer Tochter nicht erwarten, dass sie Ihre unverständlichen Handlungsweisen versteht, können Sie feststellen, wie glücklich Sie darüber sind, dass sie beharrlich auf ihre Gefühle hinweist. Sie möchten doch, dass sie so ist wie sie ist – authentisch.

Alles löst sich auf, wenn wir klar und friedlich handeln

Wenn Sie Ihr Weggehen mit Ihrer Tochter so einrichten können, dass Ihr Sohn woanders etwas unternimmt, das er gerne tut, dann ist das in Ordnung. Wenn dies nicht möglich ist, sagen Sie ihm rechtzeitig Bescheid, z.B.: „Sarah und ich gehen heute Nachmittag für ca. eine Stunde weg und du und Papa, ihr spielt zu Hause.“ Wenn er weint, bestätigen Sie seine Gefühle. „Ich weiß, du würdest gerne mit uns mitkommen.“ Wenn Sie weg sind, bestätigt sein Papa seine Gefühle und hört ihm zu, wenn er protestiert (wenn er überhaupt noch protestiert). Oftmals ist das Kind überglücklich, wenn es mit seinem Papa zusammensein kann, und es braucht lediglich unsere Klarheit, damit es spürt, dass es in Ordnung ist, wenn es ihm gut geht. Manchmal glaubt Ihr Sohn vielleicht, dass er seiner Mama einen Gefallen tut, wenn er sich gegen ihr Weggehen wehrt, oder es gibt andere Dinge, die ihn verunsichern. Dies alles löst sich auf, wenn wir klar und friedlich handeln.

Dasselbe gilt für Ihren Besuch bei Freunden. Sowohl Ihre Freunde als auch Ihre Tochter müssen den Besuch abbrechen, um ein Kind zufriedenzustellen. Warum unterstützen Sie Ihren Sohn nicht in einer Weise, dass er mit der Situation in Frieden sein kann, oder diskutieren gemeinsam, damit eine Lösung gefunden werden kann, die für alle zufriedenstellend ist? Für Ihren Sohn ist es beängstigend, dass er Macht über andere hat. Er will das gar nicht. Macht über andere zu haben ist ein Zeichen für Hilflosigkeit und Abhängigkeit: etwas auf Kosten anderer zu bekommen – das ist es doch nicht, was Sie ihm vermitteln wollen. Er möchte Macht über sich selbst gewinnen und das ist möglich, wenn er sich auf die jeweiligen Umstände einlässt und nicht gegen sie ankämpft.

Ich möchte Ihnen keine „Antwort“ vorgeben, sondern ein Prinzip nahe legen, nach dem Sie handeln können und das nicht auf dem Vermeiden von Tränen basiert. Sie finden sonst keinen Frieden, da sie alle Drei die Opfer von Tränen sind. Natürlich ist Ihre Tochter ebenso gut in der Lage, damit klarzukommen, wenn Sie früher nach Hause gehen oder wenn es darum geht, ihren Bruder hin und wieder mitzunehmen, wenn Sie mit ihr weggehen. Oftmals finden die Kinder selbst eine Lösung oder eine Familienbesprechung verhilft zu Kompromissbereitschaft oder zu phantasievollen Lösungen. Wenn Tränen erlaubt sind, aber nicht als Machtmittel dienen, haben die Kinder die Freiheit, friedliche Lösungen zu finden.

Tränen dürfen sein

Eine Mutter, die mich wegen eines ähnlichen Problems anrief, sagte: „Aber ich kann doch mein Kind nicht zurückweisen, wenn es weint. Ich sage sogar immer zu meinen Kindern, wenn jemand so traurig ist, dass er weinen muss, dann müssen wir uns zuerst um dieses Kind kümmern. Ist das nicht ein Weg um Mitgefühl zu lehren?“
Ich bat sie, ihre Gedanken näher zu erläutern und fragte sie: „Sind Sie sicher, dass Ihr Kind nicht weinen sollte?“

„Ich denke schon“, antwortete sie.
„Ja“, sagte ich, „und wie fühlen Sie sich, wenn es weint und Sie glauben, dass es nicht weinen sollte?“

„Ich bin ängstlich, panisch und ich beeile mich, alles wieder ins Lot zu bringen.“
„Ja“, sagte ich, „unser Handeln basiert auf unseren Vorstellungen, auch wenn sie falsch sind. Können Sie wirklich sicher sein, dass Ihr Kind nicht weinen sollte?“
„Nein“, sagte sie. „Er weint sogar sehr oft“.

„Stellen Sie sich vor, Ihr Kind weint, weil es ein Bedürfnis hat, das nicht befriedigt werden kann. Wie würden Sie auf Ihr Kind reagieren, wenn Sie nicht denken würden, dass es nicht weinen sollte?“
„Ich würde mich bezüglich des Weinens ganz ruhig fühlen und es in meine Arme nehmen.“

„Das ist bedingungslose Liebe. Wenn Sie aus Ihrer eigenen Angst heraus handeln, reagieren Sie nicht wirklich auf die Bedürfnisse Ihres Kindes, da Sie zu sehr mit Ihren eigenen Bedürfnissen beschäftigt sind, es immer glücklich machen zu müssen. Wenn Sie das Kind so lieben wie es ist, bemerken Sie sein Bedürfnis nach Umarmung, Bestätigung und Verständnis. Manchmal taucht eine spezielle Lösung auf, ein anderes Mal braucht das Kind das ausgiebige Weinen und eine Umarmung, um sich stark zu fühlen und um wieder in der Lage zu sein, die Gegebenheiten anzunehmen.“

„Wenn ich weine oder wenn es mir schlecht genug geht, bekomme ich alles was ich will.“

Zwei Wochen später erzählte mir diese Mutter, dass ihr Sohn selbstbewusster, zuversichtlicher und glücklicher sei, seit sie aufgehört habe, sich ständig dafür aufzuopfern, dass ihr Sohn glücklich ist. Er muss nicht mehr Tränen einsetzen, um zu manipulieren, sondern bittet um das, was er möchte. Dementsprechend weint er viel weniger, und wenn er weint, ist sie für ihn da.
Viele von uns haben gelernt: „Wenn ich weine oder wenn es mir schlecht genug geht, bekomme ich alles was ich will.“ Es ist uns vertraut, uns als Opfer zu fühlen und zu denken, dass unser Glück davon abhängt, dass uns jemand von unserem Elend befreit.

Wir sollten Kinder nicht so erziehen, dass sie vom Leben erwarten, dass die Realität sich von selbst nach ihren Wünschen formt (unmöglich), und dass sie versuchen, die Menschen so zu verändern, dass sie ihren Vorstellungen entsprechen (hoffnungslos), sondern jedem Kind die Erfahrung ermöglichen, dass es selbst über die Kraft verfügt, mit der Realität zu leben und sein Leben selbst zu gestalten.

Die Angst vor Tränen beginnt oft damit, wie wir mit unseren Babies umgehen. Viele Eltern wünschen sich, dass ihre Babies immer glücklich sind – selbst wenn das Baby weinen möchte. Ich weiß, dass das komisch klingt, da der Wunsch, einen anderen Menschen glücklich zu sehen, als nett und fürsorglich gilt. Wenn Ihr Baby jedoch Traurigkeit oder Wut über die vielen hilflosen und sprachlosen Momente seines Lebens zum Ausdruck bringen möchte, dann ist Ihr Wunsch, es glücklich sehen zu wollen, überraschenderweise selbstsüchtig. Heißt das, dass Sie schlechte Eltern sind? Auf gar keinen Fall. Kinder sind bestens ausgerüstet, Seite an Seite mit ihren Eltern aufzuwachsen. Es ist ein Weg des Lernens, keine bühnenreife Vorstellung. Sie tun immer Ihr Bestmögliches.

Handeln Sie aus dem Bewusstsein, dass Sie Ihre Kinder so lieben, wie sie sind

Wenn wir den Ausdruck von Gefühlen wie Traurigkeit, Angst oder großem Schmerz unterbinden oder verhindern, führt dies zu – wie ich es gerne ausdrücke – emotionaler Verstopfung. Körper und Geist werden ein anderes Ventil für Emotionen finden, z.B. Stottern, Aggressionen, Bettnässen, Jammern und andere Symptome, die wir bei Kindern oft als normal ansehen.

Ich will hier nicht vorschlagen, dass wir Anlässe für Tränen schaffen, oder dass Sie es ignorieren, wenn Ihr Kind oder Ihr Baby weint. Ganz im Gegenteil: reagieren Sie auf all seine Bedürfnisse, einschließlich dem Bedürfnis zu weinen. Wenn es die äußeren Umstände nicht akzeptieren möchte, achten Sie darauf, in welcher Weise Sie selbst Anlass dazu geben. Wenn Sie eingreifen, mit dem Ziel, die Gefühle Ihrer Tochter zu ändern, lernt Ihr Sohn, dass er zu Hause sein möchte, wenn er nicht zu Hause ist. Wenn Sie nicht möchten, dass Ihr Sohn weint, wenn er weint, lernt Ihre Tochter, Aufmerksamkeit zu verlangen, wenn sie keine bekommen kann. Etwas zu wollen, was wir nicht bekommen können, tut immer weh und schwächt uns. Handeln Sie aus dem Bewusstsein, dass Sie Ihre Kinder so lieben, wie sie sind. Dann werden Sie in einer Weise reagieren, die Ihre Kinder stärkt und es ihnen erlaubt, mehr von ihrer emotionalen Freiheit zu bewahren.

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

Übersetzung: Elke Rentz

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Nähere Details können Sie der Creative Commons Lizenz entnehmen, der dieser Beitrag unterliegt. Urheber: Arbor Verlag/Naomi Aldort