Mangel an Selbständigkeit?

Wie man mit der Anhänglichkeit eines Kind umgehen kann – Fragen an Naomi

Ist ein Kind unselbständig, wenn es die ganze Zeit bei uns sein will? Viele Menschen glauben, ein Kind muss Dinge alleine ohne Mama und Papa unternehmen, damit es Selbständigkeit entwickeln kann. Aber bei der Entwicklung von Selbständigkeit und Selbstvertrauen kommt es vielmehr darauf an, eigene Entscheidungen zu treffen und autonom und authentisch zu handeln, egal was andere davon denken. Solange das Kind seiner inneren Stimme folgt, brauchen wir uns nicht verunsichern lassen – im Gegenteil, wir sollten es aufmerksam begleiten und unser eigenes Selbst-Vertrauen leben.

Kind Arm Selbständigkeit schüchtern

Frage:
Mein dreijähriger Sohn ist sehr anhänglich und spielt nicht mit anderen Kindern. Er möchte immer in meiner Nähe sein: beim Duschen, Essen, Schlafen... und in Spielgruppen sitzt er auf meinem Schoß, während andere Kinder so viel Spaß miteinander zu haben scheinen. Mein Schwiegervater sagt, dass dadurch seine Fähigkeit, Selbständigkeit zu erlernen, verkümmert. Er denkt, dass Schlafen bei den Eltern, Stillen und das viele Halten der Grund für seine Unselbständigkeit sind. Mache ich etwas falsch?

Antwort:
Sie machen überhaupt nichts falsch und darüber hinaus mangelt es Ihrem Sohn ganz und gar nicht an Selbständigkeit. Genau genommen ist er sogar Ihr Lehrer für Selbst-Vertrauen. Um herauszufinden, was das Beste für ihn ist, müssen Sie ihn beobachten und auf seine Bedürfnisse reagieren. Und genau das tun Sie ja.
Viele Menschen sind der Ansicht, dass ein Kind selbständig ist, wenn es Dinge ohne Mama und Papa unternimmt, also alleine. Was hat dies jedoch mit Selbständigkeit zu tun?

Selbständigkeit zeigt sich nicht dadurch, was das Kind tut oder mit wem es zusammen ist. Ganz im Gegenteil: Selbständigkeit hat mit den Gründen für seine Wahl zu tun. Wählt Ihr Kind seine Aktivitäten mit dem Ziel, anderen zu imponieren, oder trifft es seine Entscheidungen unabhängig, basierend auf seiner inneren Führung (wobei durchaus auf andere Rücksicht genommen werden kann)? Kinder, die miteinander spielen, haben sich aus eigenem Antrieb dafür entschieden oder nicht. So spielen einige unfreiwillig mit anderen; sie geben dem Druck der Gleichaltrigen oder der Eltern nach; andere wiederum entscheiden sich durchaus unabhängig von anderen. Das Spielen mit Kindern ist für sich genommen noch kein Zeichen für Selbständigkeit.

Wie ich höre, wünschen Sie sich für Ihr Kind, dass es seine Entscheidungen auf Grund seiner inneren Führung trifft. Sie möchten, dass es in der Lage ist, sich auf sich selbst zu verlassen, damit es, statt die Anerkennung anderer zu brauchen, emotional unabhängig ist, um authentisch und autonom zu handeln.

Lernen autonom Entscheidungen zu treffen

Kleine Kinder spüren unsere Erwartungen und sind erpicht darauf, uns zu gefallen (selbst wenn Sie das nicht wahrnehmen können). Wenn wir ihnen vertrauen und sie respektieren, kooperieren sie und versuchen, sich in unser Leben einzufügen. Dies ist die Grundlage für eine allmähliche Entwicklung von Rücksichtnahme und Partnerschaft.

Wenn es jedoch darum geht, dass das Kind autonome Entscheidungen trifft, die es selbst betreffen, ist es entscheidend, dass es davor bewahrt wird, anderen gefallen oder sich an deren Maßstäben orientieren zu müssen. Es geht uns gut mit anderen Menschen, wenn wir füreinander etwas tun können, nicht wenn wir etwas für uns selbst tun. Nur ein wirrer Geist wird etwas für sich selbst tun, mit dem Ziel, eine andere Person zu befriedigen (das wäre so, als ob man selbst etwas isst, damit der Nachbar satt wird). Viele Menschen leiden unter Unsicherheit und Angst, wenn sie persönliche Entscheidungen oder Entscheidungen in Erziehungsfragen zu treffen haben und es dabei anderen recht machen wollen. Ein Kind, das daran gewöhnt ist, Entscheidungen, die es selbst betreffen, unter elterlichem Druck zu treffen, wird später auf den Druck von „peer groups“ in ähnlicher Weise reagieren.

Wenn wir über die persönlichen Entscheidungen eines Kindes bestimmen, nehmen wir ihm seine Unabhängigkeit und lehren es, anderen zu folgen, auch gegen seine eigene innere Weisheit. Wenn Ihr Sohn sich in eine Abhängigkeit mit Ihnen begibt, ist das seine freie Entscheidung. Er trifft die Wahl, in Ihrer Nähe zu sein. Er lässt sich davon auch nicht durch Ihre Sorge oder des Großvaters Bedenken abbringen oder davon, dass er der Einzige ist, der nicht mit anderen Kindern spielt. Ihr Sohn ist selbständig!

Nähren Sie das Selbst-Vertrauen Ihres Kindes

Bereits an seinem ersten Lebenstag lernt ein Kind, wie es eine Wahl trifft; entweder lernt es, auf sich selbst zu hören, oder es lernt, auf Zeichen von anderen zu reagieren. Wenn das Kind auf seine Signale an seine Mutter eine prompte Antwort erhält, lernt es, dass es sich selbst vertrauen kann, weil es Erfolg hat.

An der Wahl des Schlafplatzes lässt sich dies gut darstellen: Entwickelt ein Baby, das alleine schläft, mehr Selbständigkeit? Ganz und gar nicht. Weinend, sich selbst überlassen, soll es alleine einschlafen, was es vielleicht auch tut; seine Fähigkeit, sich selbst zu vertrauen, wurde jedoch erschüttert. Es ist ein Irrtum zu denken: „Sie schläft alleine, also lernt sie Selbst-Vertrauen“.

Das Gegenteil ist der Fall: Der Säugling lernt vielmehr, dass er sich dem Willen der anderen unterordnen muss, und er wird abhängig von Anweisungen anderer. Mit anderen Worten: Wenn er alleine schläft, entgegen seinen eigenen Bedürfnissen, gibt er seine eigenständige Wahl auf und lernt, abhängig vom Willen anderer zu sein. Wenn er hingegen direkt neben dem Körper seiner Mutter schlafen darf, ist der Säugling friedlich und von dem Gefühl erfüllt, dass es in Ordnung ist, seiner inneren Stimme zu folgen.

In sich selbst gefestigt und genug Selbstvertrauen, frei zu entscheiden

Eines meiner drei Kinder wich jahrelang nicht von meiner Seite. Auch zu Hause bestand mein Sohn darauf, im selben Zimmer zu sein wie ich. Im Alter von fünf Jahren wollte er mehrmals zu einer Spielgruppe und zu einem Töpferkurs gehen. Jedes Mal saß er die ganze Zeit über auf meinem Schoß und wollte dann nach Hause gehen. Seine Wahl, in meiner Nähe zu bleiben, war eine unabhängige Wahl. Ich respektierte ihn voll und ganz. Sein jüngerer Bruder schleppte ihn zu seinen ersten Gruppenaktivitäten mit, als er zehn Jahre oder älter war, doch er wollte immer noch, dass ich in seiner Nähe blieb und zuschaute. Er entwickelte sich zu einem äußerst sozialen jungen Mann, der in jeder Hinsicht unglaublich selbständig ist. Wie die Geburt gibt es offenbar Entwicklungsschritte, die quasi explosionsartig und für uns völlig unerwartet erfolgen.

Letztendlich ist eine gesunde Ausgewogenheit dann erreicht, wenn das Kind in sich selbst gefestigt ist und so viel Selbstvertrauen hat, dass es frei entscheidet, wann es von anderen lernen möchte und wann es sich für die angebotene Hilfe bedankt und seinen Weg weiterverfolgt. In meinem Buch Von der Erziehung zur Einfühlung widme ich ein gesamtes Kapitel dem Selbst-Vertrauen und wie man einem Kind helfen kann dieses zu bewahren.

Nehmen Sie Ihren Sohn als Vorbild

Das Problem liegt nicht bei Ihrem Sohn, sondern in Ihrem wankenden Selbst-Vertrauen, Ihrer eigenen Abhängigkeit. Die Bemerkungen Ihres Schwiegervaters lassen Zweifel in Ihrem Herzen aufkeimen. Sie glauben eher ihm als sich selbst. Nehmen Sie Ihren Sohn als Vorbild, damit Sie sich ganz und gar in sich gefestigt fühlen. Nehmen Sie wahr, wie es ihm gelingt, sich von niemandem von seinen Bedürfnissen ablenken zu lassen. Lernen Sie von seiner Haltung, bis keine äußeren Einflüsse mehr Sie von Ihrem Weg abbringen können. Wenn Sie in sich selbst gefestigt sind, werden die Vorstellungen anderer nicht mehr bedrohlich für Sie sein. Sie werden ihnen ohne inneren Widerstand zuhören können; orientieren Sie sich an dem, was wertvoll für Sie ist, und verwerfen Sie alles andere.

Ohne Ihre Selbst-Zweifel würden Sie feststellen, dass „anhänglich“ eine emotionale Wertung beinhaltet – als wäre etwas nicht in Ordnung. In Wirklichkeit ist Ihr Sohn am liebsten die meiste Zeit in Ihrer Nähe. Wie wunderbar für ihn und Sie.

In aller Unabhängigkeit sich selbst vertrauen

Wie würden die Worte des Schwiegervaters auf Ihr Innerstes oder auf die Wahl Ihres Sohnes wirken, wenn Sie das Bedürfnis, Ihrem Schwiegervater gefallen zu müssen, nicht mehr hätten?

Schwiegervater: „Er wird nie selbständig werden, wenn Du ihn immer hältst und hätschelst.“

Die unabhängige Mutter: „Ich höre, was Du sagst, und ich bin berührt davon, wie sehr Du Dich sorgst. Machst Du Dir Sorgen, dass Stillen, Halten und gemeinsames Schlafen Josh daran hindert, selbständig zu werden?“

Schwiegervater: „Ja. Ich möchte, dass er mit anderen Kindern spielt und, dass er er selbst ist.“

Sie: „Ich höre, was Du sagst; Dir wäre es lieber, wenn Josh manchmal etwas ohne mich unternehmen würde. Für Dich ist es schwer auszuhalten, ihn immer in meiner Nähe zu sehen.”

Schwiegervater: „Ja genau. Also, was wirst Du jetzt machen?“

Sie: „Ich habe mir auch Sorgen gemacht und mich wie Du gefragt, ob ich ihn drängen soll. Dann habe ich aber gesehen, dass er zufrieden aussieht, und das hat mich beruhigt.“

Schwiegervater: „Aber er klebt doch die ganze Zeit an Dir. Er löst sich überhaupt nicht von Dir. Wie reagierst Du darauf?“

Sie: „Da ich mir keine Sorgen mache, habe ich auch keinen Grund, etwas zu ändern. Ich werde ihn beobachten und weiterhin lernbereit bleiben. Ich schätze es, dass Du mir Deine Sorgen mitteilst. Josh hat Glück, einen Großvater zu haben, der ihn so sehr liebt.“

Schwiegervater insistiert: „Hm. Also willst Du nicht, dass er selbständig wird?“

Sie: „Ich möchte, dass er so ist, wie er ist, und ich mache mir keine Sorgen über seine Fähigkeit, er selbst zu sein. Ich höre, dass Du besorgt bist. Möchtest Du etwas lesen, um zu verstehen, was mir hilft, Vertrauen in Joshs Entscheidungen und in seine Entwicklung zu haben? Ich würde mich freuen, mit Dir darüber zu sprechen.“

Diese Unterhaltung ist frei von jeglicher Verteidigung. Kein Überzeugen oder Argumentieren. Sie haben zugehört, sich innerlich mit ihm verbunden und Sie haben Ihren eigenen Erziehungsstil beibehalten, unabhängig von seinen Ansichten. Sie bleiben Sie selbst – in aller Unabhängigkeit.

Warum ist Selbständigkeit für uns so erstrebenswert?

Selbständigkeit, wie wir sie im Zusammenleben mit Kindern erleben, ist kein wirklich erstrebenswertes Ziel. „Peer groups“ sind eine Modeerscheinung, keine natürliche Entwicklung. Was ist falsch daran, wenn Eltern mit ihren Kindern eng verbunden sind? Weshalb sollten wir dieses schöne Band durchtrennen und durch weniger intime Beziehungen ersetzen? Weshalb fliehen wir vor tiefen und liebevollen Zweierbeziehungen?

Wahres Selbst-Vertrauen entwickelt ein menschliches Wesen dadurch, dass es seiner inneren Stimme vertraut und ihr folgt – einschließlich dem gesunden Wunsch: Ich möchte die ganze Zeit bei meiner Mama sein.

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

Übersetzung: Elke Rentz

Weitergabe Share Alike
Wir wollen, dass Sie unsere Beiträge nutzen können!
Nähere Details können Sie der Creative Commons Lizenz entnehmen, der dieser Beitrag unterliegt. Urheber: Arbor Verlag/Naomi Aldort