Mitten am Rande des Geschehens

Kinder hinter den eigenen Geschichten und Interpretationen erkennen

Als ich mittags ins Kinderlernhaus komme, finde ich keine Kinder, sondern nur eine Erzieherin im Inneren der Einrichtung vor, die mir sagt, dass mein Sohn mit den anderen hinten auf dem Hof sei. Noch bevor ich die Kinder sehe, höre ich den Sprechgesang: „Der Fuchs geht um, der Fuchs geht um“ und lächle. Die Melodie dieses Liedes ruft Erinnerungen wach.

Kind Rennen Spiel Lachen

"Der Fuchs geht um, der Fuchs geht um…" © Yelnoc/flickr

Ich trete um die Ecke und sehe zehn Kinder und die Praktikantin im Kreis stehen und ein Kind, der Fuchs, rennt um die anderen herum... Meine Augen suchen meinen Sohn und sofort verspüre ich einen Stich im Herzen, als ich ihn entdecke: Er sitzt alleine in einer sonnigen Ecke des Hofes. Im Schneidersitz beobachtet er seine spielenden Kameraden und Freunde. „Außenseiter“ ist das Wort, das mir sofort einfällt; mein Herzblut ist in Aufruhr. Ein Gefühl von Beschützen-Wollen, Mein-Kind-an-mich-drücken-Wollen kommt in mir auf. Sofort denke ich, dass das ganz furchtbar sein muss für meinen kleinen sechsjährigen Sohn. Ich halte inne, in dieser inneren Aufruhr möchte ich nicht zu meinem Sohn gehen, atme tief durch, schließe die Augen für einen Moment und öffne sie wieder. Da hat mein Sohn mich entdeckt und lächelt mir freudig zu, winkt mich zu sich: „Mama, komm mal...“

„Können wir noch ein bisschen bleiben und zuschauen?“

Während ich auf ihn zugehe, blicke ich in seine Augen: Sie strahlen und er sieht mich hoffnungsvoll an bei der Frage: „Können wir noch ein bisschen bleiben und zuschauen?“, seine Hand klopft auf einen Platz neben sich. Er wünscht sich, dass ich mich zu ihm setze, und ich tue es gerne. Er lacht kurz, blickt mich von der Seite an, rückt ein Stück näher und blickt wieder geradeaus zu der Gruppe der Spielenden. Spannung, Begeisterung und Neugier liegen in seinem Blick.

Auch ich wende meinen Blick wieder der Gruppe zu, sofort sagt die Praktikantin mit den Schultern zuckend: „Wir haben ihn gefragt, ob er mitspielen möchte.“ Ich nicke nur kurz, möchte hier nicht einfach quer über den Hof über meinen Sohn sprechen und so drücke ich einfach seine Hand, die inzwischen in meine gewandert ist.

Er war die ganze Zeit intensiv und freudig auf seine Art und Weise mit der Gruppe und dem Geschehen verbunden, nur wir Erwachsenen hatten uns von dem äußeren Anschein täuschen lassen. Wieder schließe ich für einen Moment die Augen, spüre, was dieser Augenblick für mich bereithält, genieße die Freude darüber, meinen Sohn an einer Stelle gesehen zu haben, wo es mir nur allzu leicht hätte passieren können, dass ich ihn hinter meinen eigenen Geschichten und Interpretationen gar nicht wahrgenommen hätte.

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

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