Papa bevorzugt

Wie gehe ich damit um, wenn mein Kind mich zurückweist?

„Nein, du nicht. Der Papa soll heute sitzen. Du weg“, sagt mein dreijähriger Sohn eines Abends, als ich ihn zu Bett bringen will. Autsch, das tut weh. Ich werde geradeheraus auf den undankbaren zweiten Platz als Elternteil verwiesen. Und das als Mutter, die – so das Rollenklischee – ihrem Kind doch am nächsten sein sollte.

Papa bevorzugt - Judith Pichler

Ich muss einige Male schlucken. Kritik kommt bei mir generell schnell vernichtend an, und wenn sie von meinem Kind kommt, geht sie noch tiefer. Am liebsten würde ich aus dem Zimmer gehen und das Feld meinem Mann überlassen. Aber das wäre nicht der richtige Weg und die Flucht würde nur Distanz schaffen zwischen uns.

Zudem soll mein Mann ja auch seine freie Zeit haben. Also versuche ich, über meinen verletzten Gefühlen zu stehen, und vermittle meinem Kind, dass an diesem Abend die Mama an der Reihe ist. „Papa hat heute frei, und ich freue mich, wenn ich bei dir sein kann“, sage ich zu ihm. Nach einigem Hin und Her akzeptiert er es und findet in den Schlaf.

Wirkungsvolle Übungen statt Kritik

Diese Situation ist bei uns zu Hause kein Einzelfall. Man kann wohl sagen, dass unser Sohn ein „Papakind“ ist. Wenn beide Eltern da sind und er Trost braucht, wendet er sich oft lieber an den Papa. Als wir kürzlich umgezogen sind, zeigte sich das auch wieder deutlich, und er hing sehr an seinem Vater, der in stressigen Momenten gut die Ruhe bewahren kann. Wenn es rundum turbulent ist, findet er bei Papa einfach einen besonders sicheren Hafen. Ich finde es schön und bin sehr dankbar dafür, dass er diesen sicheren Ort hat, der ihm Vertrauen und Geborgenheit für sein ganzes Leben geben wird.

Doch schwingt da auch ein bisschen Neid mit, denn ich wäre natürlich selbst gerne die Nummer eins bei meinem Kind. Ich neige in solchen Momenten dazu, mich selbst zu hinterfragen als Mutter und sehr kritisch mit mir umzugehen. Bis ich auf Achtsamkeit und Selbstmitgefühl gestoßen bin, fiel es mir schwer, solche Gedanken und Gefühle im Zaum zu halten. Doch glücklicherweise habe ich heute sehr wirkungsvolle Übungen zur Hand, die mir einen freundlicheren Umgang mit mir selbst ermöglichen.

Immer wieder ins Hier und Jetzt zurückkehren

Achtsamkeit hat ihre Wurzeln in der jahrtausendealten buddhistischen Tradition. In Achtsamkeitsmeditationen wird geübt, Gedanken als solche zu registrieren und sie wieder ziehen zu lassen. Die Konzentration auf den Atem ermöglicht es, dass wir immer wieder in das Hier und Jetzt zurückkehren.

Im Buddhismus wird der Geist sogar als eigenes Sinnesorgan angesehen: Die Ohren hören, die Augen sehen – und der Geist denkt eben. So betrachtet, müssen wir unsere Gedanken also gar nicht so persönlich nehmen. Der Geist hat sein „Eigenleben“ und wir können seinen Inhalt nicht beeinflussen. Aber wir sind dafür verantwortlich, was wir aus unseren Gedanken machen: ob wir ihnen Glauben schenken und sie ausagieren oder nicht. Diese Betrachtung war für mich enorm hilfreich und erlaubte es mir, meine trüben Gedanken zu stoppen, ohne sie zu leugnen oder sie mir schönzureden.

Platz für ein neues, wunderbares Gefühl

In Situationen, in denen mein Kind mich zurückweist, versuche ich also einfach nur wahrzunehmen, dass ich verletzt bin und Ängste habe, nicht zu genügen – ich gestehe mir ein, dass es gerade eine schwierige Situation für mich ist. Dann versuche ich, wieder zum gegenwärtigen Moment zurückzukehren: meinen Atem fühlen, wie er kommt und geht – meine Füße spüren, wie sie den Boden berühren.

Ich trage mir einige Wünsche an, die mir in diesem Moment gut tun: Möge ich freundlich mit mir sein. Möge ich mir meiner positiven Eigenschaften bewusst sein. Und während ich diese Übungen mache, gehen die Ängste und Sorgen langsam weg und machen Platz für ein neues, wunderbares Gefühl des Vertrauens in mich selbst.

Im Buddhismus gibt es das Gleichnis von den zwei Pfeilen: Der erste Pfeil ist derjenige des Initialschmerzes – in meinem Beispiel, dass mein Sohn mich wegschickt und ich verletzt bin. Der zweite Pfeil ist, wenn wir aus einer verletzenden Situation eine Geschichte machen und uns dadurch zusätzliches Leid zufügen. Das wäre in meinem Beispiel, dass ich mich als Mutter unzulänglich fühle und an mir zweifle. Auf den ersten Pfeil können wir keinen Einfluss nehmen. Wir alle erfahren immer wieder leidvolle Situationen in unserem Leben. Aber wir können es beim ersten Pfeil belassen und nicht durch unser Denken und Handeln noch einen zweiten Pfeil abschießen.

Elternschaft ist kein Wettbewerb

So tun wir also gut daran, in Momenten der Zurückweisung nicht noch weitere Interpretationen anzuhängen, sondern den Schmerz achtsam wahrzunehmen und uns mit Selbstmitgefühl zu trösten. Dann können wir uns erneut öffnen für die Erfahrungen des nächsten Moments, der uns vielleicht schon wieder gut verbindet mit unseren Kindern. Bleiben wir hingegen bei unseren belastenden Gedanken, ist unser Blick verstellt und wir verpassen den Moment. Für mich funktioniert diese Vorgehensweise sehr gut und ich kann mich trotz enttäuschten Gefühlen wieder erden und offen sein. In dieser achtsamen Haltung kann ich sehen und spüren, wie viel Liebe mein Sohn mir entgegenbringt und dass auch ich genauso ein sicherer Hafen für ihn bin wie sein Vater.

Hilfreich empfinde ich auch die Haltung, Elternschaft nicht als Wettbewerb zu sehen. Es geht nicht darum, welcher Elternteil „besser“ oder „beliebter“ ist, sondern ob unsere Kinder sich geliebt fühlen und geborgen aufwachsen können. Und wenn dieses Gefühl phasenweise besonders der Papa oder die Großeltern vermitteln können, ist das auch wunderbar.

Wenn wir diese Haltungen der Achtsamkeit, der Liebe und des Selbstmitgefühls kultivieren und unseren Sorgen weniger Raum geben, dann entspannt sich so einiges im Leben mit unseren Kindern. Der berühmte amerikanische Meditationslehrer Jack Kornfield hat ein sehr weises Wort gesagt, das uns dabei als achtsamer Wegweiser dienen kann: „Das Herz gleicht einem Garten. Es kann Mitgefühl oder Angst, Groll oder Liebe wachsen lassen. Welchen Samen willst du darin säen?“

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

Judith Pichler ist Mutter eines Sohnes, verheiratet, promovierte Betriebswirtin und Achtsamkeitslehrerin. Bald bietet sie ihren ersten Achtsamkeitskurs für 
Eltern an. Mehr über die Autorin der Leseprobe erfahren Sie auf ihrer Website www.achtsam-sein.cc.

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