Von Klängen getragen

Erinnere Dich an Deinen eigenen, unverwechselbaren Klang

Der Klang der mütterlichen Stimme ist jedem hörenden Baby vom ersten Tag an zutiefst vertraut. Schon im Mutterleib haben wir alle auch die Erfahrungen gemacht, dass Stimme und Stimmungen miteinander verknüpft sind. Nach der Geburt wird die Stimme der Mutter und der Menschen, die der Mutter vertraut sind, zu einem Band zwischen dem Sein vor der Geburt und dem Dasein nach der Geburt. Sobonfu Somé beschreibt in ihrem Buch „In unserer Mitte – Kinder in der Gemeinschaft“, dass werdende Mütter in Afrika traditionell von Klängen und Gesängen begleitet und unterstützt werden. Kommt ein Baby dann auf die Welt, versammeln sich die zwei- bis fünfjährigen Kinder vor dem Geburtsraum und warten, um den ersten Schrei des Babys zu erwidern und es so wissen zu lassen, dass es am richtigen Ort angekommen ist – auf der Erde und in einer Gemeinschaft.

Erinnere Dich an Deinen eigenen, unverwechselbaren Klang

Ob sanft und verspielt oder liebevoll und ruhig - jede Mama hat ihren eigenen, unverwechselbaren Klang! © Travis Swan/flickr

Wenn wir mit Babys und Kleinkindern sprechen und singen, umgeben wir sie mit einem Teppich aus Klängen und Tönen, der sie schützt, trägt und für Orientierung und Sicherheit sorgt. Sind wir Erwachsene aber sehr viel mit einem Baby oder einem kleinen Kind alleine und haben selbst wenig Ansprache, vergessen wir manchmal unsere Stimme. Auch großer Stress bringt uns manchmal dazu, stumm zu werden. Manche Eltern glauben, dass es gut ist, „Babysprache“ zu vermeiden und versperren sich dabei auch für die Freude, mit einem Baby zu schnattern, zu gurren und einfach zärtliche Laute von sich zu geben. Und wie oft höre ich von Eltern, dass sie mit ihrem Kind nicht singen, weil sie nicht den perfekten Ton treffen.... Wie sehr ist doch unsere ganze Kultur daran orientiert, etwas richtig zu können, nur keinen Fehler zu machen und wie oft stehen wir damit der Freude im Weg...

Wahrnehmen, wie sich unsere Stimme auf unseren Körper auswirkt

Mit einem Baby zu leben, eröffnet uns die Möglichkeit, bewusster mit Worten, aber auch mit dem Klang unserer Stimme und unserem Ausdruck umzugehen. Wir können uns bei Gelegenheit einmal darauf einlassen wahrzunehmen, wie sich das Tempo, die Tonlage und die Lautstärke, die wir wählen, auf unseren Körper auswirken. Welche Worte und Töne tun uns selbst gut, welche lassen uns innerlich weich werden, welche verursachen eine Anspannung oder innere Härte?

Auch können wir versuchen, in Situationen, in denen wir ein Baby wickeln oder pflegen, langsam und sanft mit ihm zu sprechen. Unsere Hände folgen dann in ihren Bewegungen und ihrem Tempo unserer Stimme. Wir können nicht langsam und sanft sprechen und gleichzeitig hektisch oder unkonzentriert wickeln.

Auch können wir einmal ausprobieren, wie es sich auf uns selbst und unser Kind auswirkt, wenn wir alles was wir tun mit Worten begleiten und ankündigen, was wir tun wollen. Dies zu tun unterstützt nicht nur die Babys dabei, Wörter kennenzulernen und auf sie zu reagieren. Wenn wir benennen was wir tun, werden wir automatisch auch präsenter und bleiben im Kontakt mit dem Kind, anstatt uns von inneren und äußeren Vorgängen zu sehr ablenken zu lassen.

Unsere Stimme wirkt auf vielen Ebenen heilsam

Ebenso können wir wahrnehmen, wie es sich auf uns selbst und unsere Kinder auswirkt, zu singen und Töne hervorzubringen oder unsere Bewegungen mit Klängen zu begleiten. Lieder und Rhythmen wirken anregend oder beruhigend - so soll es ja vorkommen, dass Eltern beim Singen von Schlafliedern die ersten sind, die dabei endlich zur Ruhe kommen und einschlafen können...

Die vertraute, ruhige Stimme der Eltern zu hören ist für manche Babys sehr hilfreich, um selbst zu entspannen und einzuschlafen. Auch drückt unsere Stimme Stimmungen aus und manchmal hören wir schon am Klang der Stimme, ob unser Kind etwas bedrückt oder erfreut, ob es aufgeregt ist oder entspannt. Auch Babys lernen schnell, auf welche Laute wir reagieren – und zugleich geben wir ihnen, wenn wir sie unsere Stimme hören lassen, die Möglichkeit, auch unsere Stimmung wahrzunehmen.

Wir sind mit unseren Kindern in der heutigen Zeit an vielen Orten von künstlich erzeugten Klängen umgeben und können diesen nicht immer ausweichen. Die menschliche Stimme aber wirkt auf vielen Ebenen. Sie kann jenseits aller Worte heilsam sein, Gefühle ausdrücken und uns innerlich öffnen und verbinden. Die eigene Stimme wahrzunehmen und eigene Klänge zu erzeugen, ist ein ganz ursprüngliches Bedürfnis, dem schon Babys folgen, lange bevor sie Worte finden und sprechen lernen. Als Erwachsene dürfen wir uns immer wieder daran erinnern, dass es oft viel weniger um den perfekten Ton, als um den eigenen, unverwechselbaren Klang geht – nicht nur wenn wir mit Kindern sprechen oder singen.

Erschienen in der Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“, Ausgabe:

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Alle Rechte vorbehalten. Arbor Verlag/Julia Grösch