Was tun, wenn Kinder beißen?

Bedürfnisse, die dahinter liegen können – Fragen an Naomi

Beißen ist aggressives Verhalten – ganz ähnlich wie Schlagen, Herumwerfen von Gegenständen, Schubsen oder an den Haaren ziehen. Wenn ein Kind hin und wieder beißt, kann dies in friedlicher Absicht geschehen und es hört bald wieder damit auf; wiederholtes Beißen hat allerdings tiefere seelische Ursachen, denen wir Beachtung schenken sollten. Ein Kleinkind hat noch nicht die Möglichkeit, sich sprachlich differenziert auszudrücken; wenn es frustriert ist, benutzt es seinen Körper, um sich mitzuteilen und um sich von seinem Schmerz zu befreien.

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Fachleute vertreten mehrheitlich die Meinung, dass Beißen ein normales Verhalten ist, da sie ihre Untersuchungsergebnisse auf Beobachtungen in Tageseinrichtungen stützen, in denen die Kinder sich eher isoliert und frustriert fühlen. Bei Kindern, die in Tageseinrichtungen und Gruppen untergebracht sind, tritt Beißen häufiger auf als bei Kindern, die den Tag mit ihren Eltern verbringen. Es kommt jedoch auch vor, dass Kinder, die bei ihren Eltern sind, beißen – jedoch in geringerem Maße. Auch die Kernfamilie bietet nicht gerade ideale Voraussetzungen für die Befriedigung der Bedürfnisse der Kinder und es entstehen oft Stresssituationen sowohl für die Eltern als auch für die Kinder. Wenn jedoch ein Kleinkind, das von seinen Eltern zu Hause betreut wird, beißt, ist es einfach, die Ursachen zu erkennen und Abhilfe zu schaffen.

Warum beißen Kleinkinder manchmal?

Kinder befriedigen ihre Bedürfnisse immer in aller Unschuld. Alles was sie tun, hat für sie einen triftigen Grund oder ist auf einen ganz bestimmten guten Zweck ausgerichtet. Das Kind könnte z.B. Hunger haben, Ursache und Wirkung seiner Handlung ausprobieren, Zahnen, ein anderes Kind nachahmen oder Spaß daran haben, jemandem einen Schrei zu entlocken. Es könnte auch auf Nahrungsmittel reagieren. Aggressives Verhalten bei Kindern ist oft eine Reaktion auf Weizen, Milchprodukte, Soja, Zucker, Lebensmittelzusätze oder andere Allergene. Wenn Ihr Kind häufig beißt oder sich auf andere Weise aggressiv verhält, machen Sie einen Allergietest mittels Haaranalyse oder Muskeltest und informieren Sie sich über die Feingold-Diät.

Anstatt den Fokus auf das Beißen zu richten, sollten wir uns bemühen, die tieferen Gründe für dieses Bedürfnis herauszufinden. Es geht nicht darum, was ihr Kind gerade möchte (Süßigkeiten, Aufmerksamkeit, Spielzeug), sondern um die inneren Beweggründe für das Beißen. Prüfen Sie, ob Ihr Kind frustriert ist, ob es sich nicht mit Ihnen verbunden fühlt, ob es eifersüchtig oder hilflos ist, oder ob es Liebe, Zuwendung oder Eigenständigkeit braucht. Kümmern Sie sich um die tieferen Ursachen, dann verschwindet das Symptom.

Manchmal ist Beißen auch eine Steigerung seiner bisherigen Reaktionen darauf, dass in seinem Lebensumfeld Körpermisshandlung und Umweltzerstörung toleriert werden. Das Kind ahmt nach, was es beobachtet. Achten Sie darauf, wie Sie mit sich selbst umgehen und seien Sie ein gutes Vorbild: sorgen Sie dafür, dass Sie Ihren eigenen Köper und den Körper Ihres Kindes äußerst achtsam behandeln.

Vorbeugen ist leichter als Heilen

Das Bedürfnis zu beißen kann auch dadurch entstehen, dass sich das Kind zu sehr eingeschränkt fühlt. Wenn wir von dem Kind Zurückhaltung erwarten (leise sein, sich unseren Bedürfnissen anpassen, höflich sein), kann dies zu Wut und Hilflosigkeit führen. Durch Beißen kann das Kind dann seine Wut am effektivsten ausdrücken.

Auch wenn ein Kind besonders einfühlsame Eltern hat, fühlt es sich oft machtlos und frustriert. Eine heftige Reaktion auf sein Beißen kann sein Bedürfnis nach Macht befriedigen. In meinem Buch Von der Erziehung zur Einfühlung habe ich ein ganzes Kapitel der Frage gewidmet, wie wir die Bedürfnisse des Kindes nach Eigenständigkeit und Macht befriedigen und dadurch viele Probleme vermeiden können.

Es ist viel einfacher, dem Beißen vorzubeugen, als es zu unterbinden, wenn das Kind bereits damit begonnen hat. Ein Kind, das sich innerlich verbunden, geliebt und eigenständig fühlt und in Frieden mit sich ist, beißt nicht. Es hat kein Bedürfnis danach. Die erste Vorbeugungsmaßnahme besteht somit darin, dass Sie seine eigene innere Führung respektieren, ungerechtfertigte Erwartungen und Einschränkungen vermeiden und Ihr Kind Ihre Nähe und Ihre innere Verbundenheit spüren lassen. Das kann auch heißen, dass es nicht mit Gleichaltrigen spielt, da dies kleine Kinder oft überfordert.

Respekt und weniger Stress

Viele Eltern, die ihre Kinder lieben, verwechseln oft Nachgiebigkeit und mangelnde Führung ihrerseits mit Zuneigung und Respekt. Sie können dem Beißen vorbeugen, indem Sie klar die Führung übernehmen, mit Ihrem eigenen Körper und mit dem Körper und dem Autonomiebedürfnis Ihres Kindes respektvoll umgehen. Eigenständigkeit heißt nicht, dass man alles bekommt, was man will. Es bedeutet vielmehr, dass man in jeder Situation Verantwortung für sein Handeln übernimmt.

Eine weitere Vorbeugungsmaßnahme besteht darin, Stress zu verringern und Ihr Leben ruhiger zu gestalten. Kleine Kinder bevorzugen ein einfaches Leben. Zu viel Aufregung, Herumreisen, zu viele Unterbrechungen stören ihr natürliches Zugehörigkeitsgefühl. In den ersten Lebensjahren baut das Kind eine innige Verbindung zu Ihnen auf, seine erste Liebe. Bleiben Sie mehr zu Hause, in Ihrem eigenen Garten, oder machen Sie Spaziergänge in der Natur mit ein paar Freunden. Lassen Sie beruhigende Musik spielen und widmen Sie sich friedvollen Beschäftigungen statt aufregender Unternehmungen. Wenn Ihr Kind viel körperliche Bewegung braucht, sorgen Sie dafür, dass es seine Bedürfnisse weitestgehend in Ihrem eigenen Garten befriedigen kann und gehen Sie in die Natur, um ihm größere Herausforderungen zu ermöglichen.

Greifen Sie freundlich und liebevoll ein

Wenn Ihr Kind das erste Mal versucht zu beißen, kann Ihre rasche, klare, körperliche und liebevolle Reaktion eine Wiederholung verhindern. Viele Eltern zögern zunächst und reagieren zu langsam. Sie wollen nett sein und geben so die Führung ab. Eine Mutter erzählte mir: „Ich sage freundlich zu ihm, dass er nicht beißen soll und dass es wehtut, aber er beißt immer wieder“.

Kleinkinder lernen am besten zuerst über ihren Körper. Wenn sie eine körperliche Erfahrung gemacht haben, haben sie die Möglichkeit auf verbale Ermahnungen zu reagieren. Reagieren Sie respektvoll und freundlich aber auch körperlich, schnell und klar. Gehen Sie blitzschnell zu ihm und halten Sie es fest (so wie Sie reagieren würden, wenn Ihr Kind auf die Straße läuft) und sagen Sie z.B. „He, stopp!“ mit dramatischer Stimme. Das erste Mal kann so das letzte Mal sein, wenn Ihre Reaktion klar ist. Wenn Sie es zunächst mit Worten versuchen und erst eingreifen wenn das Kind schon mitten drin ist, wird es wieder beißen. Es wird Sie nicht ernst nehmen, wenn Sie es nicht wirklich ernst meinen.

Wenn Sie eingreifen, seien Sie freundlich, liebevoll und innerlich verbunden. Urteilen Sie nicht und halten Sie keine Predigt. Nehmen Sie stattdessen Augenkontakt auf, lächeln Sie, nehmen Sie Ihr Kind in den Arm und finden Sie bestätigende Worte wie z.B.: „Wolltest Du nicht mehr mit Lili spielen?“ oder „Zeig mir mit diesem Püppchen wie Du Dich fühlst“. Vielleicht ist Ihr Kind hungrig, vielleicht mag es Ihnen zeigen, wie es sich fühlt, oder es möchte einfach nur in Ihrer Nähe sein.

Körperliche Nähe kann helfen

Wenn Sie Ihr Kind beißen, um ihm zu zeigen, wie es sich anfühlt, verwirren und verletzen Sie es. Ihre Handlung sagt ihm, dass es sich um etwas handelt, das erlaubt ist. Sie tun es ja auch. Es wird Schmerz, Bestürzung und Angst empfinden, da Sie die Person sind, von der es bedingungslose Liebe und Sicherheit erwartet.

Einem Kleinkind einen kleinen Vortrag zu halten, ist auch nicht wirklich hilfreich. Das Kind hört nur: „Papa mag mich nicht. Ich bin schlecht“ und beginnt, an sich selbst zu zweifeln – häufig wird es dann noch mehr beißen.
Einem älteren Kind, das verbal weiter entwickelt ist, können Sie eine kurze Erklärung geben, indem Sie gleichzeitig liebevollen Augenkontakt aufnehmen: „Das tut weh; sag mir, wie Du Dich fühlst, oder zeig es mir mit dieser Puppe“. Wenn das Kind weiterhin beißt, geben Sie ihm etwas, in das es beißen kann und sagen Sie: „Nimm das, da kannst Du reinbeißen“.

Ich würde nicht sagen „Beißen ist verboten“. Dies ist eine negative, befehlende und trennende Aussage. Darüber hinaus verleihen Sie der Handlung Ihres Kindes ein Etikett und legitimieren sie auf diese Weise. Ihr Kind erhält die Botschaft, dass es sich um ein bekanntes und gültiges Phänomen handelt. Worte prägen sich in das menschliche Gedächtnis ein; es ist leichter, etwas wieder loszulassen und zu vergessen, was nicht mit einem Etikett versehen wurde.

Körperliche Nähe verhindert die meisten Schwierigkeiten mit kleinen Kindern. Wenn Sie jedoch mehrere Kinder haben, ist es nicht immer möglich, mit allen Kindern gleichzeitig Körperkontakt zu haben. Sorgen Sie so gut es geht dafür, dass alle Kinder nah bei Ihnen sein können. Setzen Sie sich zum Stillen auf ein breites Sofa, halten Sie die Hand des Kindes, das nicht auf Ihrem Schoß sitzen kann und seien Sie durch Berührungen oder Worte wie: „Sobald das Baby schläft, schauen wir gemeinsam ein Buch an. Ich freue mich auf unser Zusammensein“ innerlich mit ihm verbunden.

Alternativen anbieten

Mit allem, was es tut, zeigt uns ein Kind, was es braucht. Wenn ein Kind beißt, weil es von der Wirkung begeistert ist, bieten Sie ihm andere Aktivitäten an, die dieses Bedürfnis befriedigen. Lassen Sie es das Licht an- und ausschalten oder die Stereoanlage laut und leise drehen; geben Sie ihm ein Spielzeug, das quietscht, wenn man es drückt; geben Sie ihm ein Wägelchen zum Schieben; lassen sie es mit dem Gartenschlauch spritzen oder andere effektvolle Dinge ausprobieren.

Es gibt keinen Grund, mit einem Kind zu schimpfen, oder sich über es zu ärgern. Es hat bestimmt keine bösen Absichten. Es tut sein Bestes, um für sich zu sorgen. Es braucht Führung, die Erfüllung seiner Bedürfnisse, ein sicheres Ventil für seine Enttäuschungen, Liebe und Zuwendung.

Seien Sie der Verbündete Ihres Kindes. Meine Kinder haben nicht gebissen, geschlagen, Sachen kaputt gemacht usw., und zwar nicht, weil sie Engel waren, sondern weil sie zufrieden waren und weil meine Reaktionen auf Ihre Handlungen schnell, ruhig und klar waren und ich immer in Körperkontakt mit ihnen ging. Sie vertrauten meiner Führung, da ich immer an Ihrer Seite war. Zum Beispiel würde ich nicht sagen: „Tu das nicht“, sondern schnell zu dem Kind gehen (auch wenn ich ein Baby auf dem Arm habe) und das Kind bei dem, was es tut, sanft unterbrechen und eine Alternative anbieten: „Ich sehe, dass Du mit dem Besen auf den Fußboden schlagen möchtest; hier auf der Veranda kannst Du es machen“>/em>.

Vater und Mutter sollten Verbündete des Kindes sein

Wenn ich keine Alternative anbieten könnte, würde ich bei dem Kind bleiben und sein Tun körperlich unterbinden und gegebenenfalls bestätigend auf seine Gefühle reagieren. Wenn mein Kind z.B. ein Spielzeug in einem Spielwarengeschäft haben möchte und ich es ihm nicht kaufen möchte, würde ich folgendes sagen: „Ich sehe, dass Dir dieses Puppenhaus so gut gefällt und dass Du es mit nach Hause nehmen möchtest. Ich weiß, wie es Dir geht. Möchtest Du es noch eine Weile betrachten? Ich kann warten“.

Wenn wir uns so verhalten, spürt das Kind, dass seine Mutter und sein Vater seine Verbündeten sind. „Sie hat erkannt, was ich brauchte und hat dafür gesorgt, dass ich mein Bedürfnis befriedigen konnte“. Oder: „Als ich Bücher aus dem Regal räumte und anfing sie zu zerreißen, brachte sie mir einen riesigen Stapel größerer Bücher (Zeitschriften), die ich zerreißen durfte. Meine Mama weiß, was ich brauche“.„Meine Mama versteht meine Gefühle“. Das Kind macht so die Erfahrung, dass das, was es (tun) möchte, nicht schlecht ist, sondern einfach nicht möglich.

Andere Kinder beißen

Wenn Ihr Kind in der Spielgruppe beißt, erlebt es dort zu viele Frustrationen, und es wäre besser, wenn es dort nicht hinginge. Es hat keine Eile, Kinder mit Gleichaltrigen zusammenzubringen; das ist eher unnatürlich und schafft unnatürliche soziale Konflikte. Wenn es mit Erwachsenen oder mit einem älteren, rücksichtsvollen Kind spielen kann, verschwindet das Beißen oft.

Wenn das Kind seine Geschwister beißt, ist das vergleichbar mit der ungeeigneten Spielgruppensituation, mit dem Unterschied, dass die Familienzusammensetzung nicht verändert werden kann. Wenn ein Kind seinen Bruder oder seine Schwester beißt, ist es ganz offensichtlich frustriert und braucht mehr Kontakt zu den Erwachsenen. Diese Erkenntnis kann Ihnen helfen, mitfühlend und bestätigend zu reagieren, und vielleicht finden Sie Wege und Möglichkeiten, mehr Zeit mit jedem Kind alleine zu verbringen.

Die Bedürfnisse spielerisch befriedigen

All diese Bedürfnisse drücken auf unterschiedlichste Weise Gefühle von Hilflosigkeit aus. Wenn Sie Ihrem Kind die Möglichkeit geben wollen, seinem Bedürfnis nach Macht Ausdruck zu verleihen, spielen Sie „Machtspiele“ mit ihm. Kinder initiieren gerne Machtspiele, jedoch werden sie oft von Ihnen abgebrochen.

Wenn Ihr Kind wegläuft, wenn Sie es wickeln oder ihm den Schlafanzug anziehen möchten, gehen Sie auf sein Spiel ein, anstatt es abzubrechen. Sie können z.B. sagen: „Oh nein, jetzt läuft sie schon wieder weg“, laufen Sie ihr hinterher, fangen Sie sie gerade noch, lassen Sie sie wieder entwischen und fangen Sie das Spiel von vorne an. Kinder beginnen immer wieder diese Art von Spielen. Seien Sie wach und offen. Sie können auch verschiedene Nachmachspiele (wie etwa „Alle Vögel fliegen hoch“ oder „Kommando Pimperle“) spielen, bei denen das Kind etwas vormacht und Sie müssen es nachmachen.

Wenn es seine Bedürfnisse spielerisch befriedigen kann, wird es keinen Grund haben, zu beißen oder auf andere Art und Weise Macht ausüben zu müssen.
Warten Sie, bis Ihr Kind zufrieden ist und beenden Sie das Spiel erst, wenn es genug hat. Wenn Sie den Zeitpunkt bestimmen, wann das Spiel zu Ende ist, wird das Kind Sie als den Stärkeren wahrnehmen und die heilsame Wirkung und die Freude des Spiels werden zunichte gemacht.

Wenn ihr Kind bereits beißt...

Wenn Ihr Kind bereits beißt, können Sie einerseits die darunterliegenden Bedürfnisse befriedigen und andererseits wachsam sein, um zu verhindern, dass es beißt. Sie kennen die Auslöser oder die Umstände, unter denen es am ehesten beißt. Halten Sie es fest, bevor es beißt. Wenn Ihr Kind eine zeitlang nicht mehr gebissen hat und seine inneren Bedürfnisse befriedigt sind, wird es das Beißen vergessen.

Wenn die Bedürfnisse des Kindes nach Nähe, Zuwendung und innerem Verbundensein mit anderen Menschen erfüllt sind, so ist die Grundlage dafür geschaffen, dass aggressives Verhalten und emotionale Probleme gar nicht erst auftreten. Sorgen Sie für körperliche Nähe und zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sie es verstehen und dass Sie sich über es freuen; so kann es glücklich sein und in Frieden mit sich selbst und mit anderen Menschen leben.

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe: Heft Januar 2008

Übersetzung aus dem Englischen: Elke Rentz

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Nähere Details können Sie der Creative Commons Lizenz entnehmen, der dieser Beitrag unterliegt. Urheber: Arbor Verlag/Naomi Aldort