Wie wir unseren eigenen Weg gehen

Sich selbst ganz nahe kommen

Wenn wir die Aufmerksamkeit darauf richten, was sich in unserem Innenleben abspielt, erkennen wir schnell, dass wir nicht nur mit anderen Menschen, sondern auch mit uns selbst kommunizieren. Wir haben vielleicht alle möglichen Erwartungen, wie sich die Menschen in unserer Umgebung uns gegenüber verhalten sollten – freundlich, einfühlsam, achtsam, respektvoll oder wie auch immer – aber selten schenken wir der Art und Weise Aufmerksamkeit, wie wir eigentlich mit uns selbst umgehen. Dem einmal nachzuspüren, kann ein spannendes und lohnendes Forschungsprojekt sein.

Wie wir unseren eigenen Weg gehen

Von klein auf machen wir Erfahrungen mit den Menschen, die sich um uns gekümmert haben – meist vor allem die Eltern, aber auch andere Personen, die eine maßgebliche Rolle in unserem Leben gespielt haben. Unser Selbstbild und Selbstgefühl entwickeln sich vor allem aus der Art und Weise, wie unsere Umwelt auf uns reagiert, und aus den Schlüssen, die wir aus diesen Reaktionen gezogen haben. Ebenso übernehmen wir unbewusst Haltungen und Einstellungen dem Leben gegenüber.

Laut den Forschungen der so genannten Epigenetik, eines neuen Zweiges der modernen Biologie, werden die grundlegenden Überzeugungen, Einstellungen und Verhaltensweisen tief in den synaptischen Verbindungen unseres Unterbewusstseins verdrahtet und steuern uns für den Rest unseres Lebens – wenn wir uns ihrer nicht bewusst werden und uns gegebenenfalls anders entscheiden. Diese Speicherung geschieht sehr früh und ganz automatisch, und diese Lebensskripte prägen unsere Sicht der Welt und unser Selbstbild – in die eine oder die andere Richtung.

So erzählt der Meditationslehrer Jack Kornfield die Geschichte, dass sich der Buddha nach langen Jahren der Askese und des harten spirituellen Trainings an seine frühe Kindheit und die liebevolle Fürsorge, die ihm dort gewährt wurde, erinnerte. Dies führte zu der Erkenntnis, dass die strenge Enthaltsamkeit nicht förderlich ist. Er begann wieder zu essen und erlangte schon bald darauf die Erleuchtung. Leider können nicht sehr viele Menschen auf solche Erfahrungen zurück greifen.

Verhängnisvolle Muster

Die Art der Botschaften, die wir verinnerlicht haben, sind recht unterschiedlich – aber nur sehr selten lauten sie, dass wir liebenswert sind und eine Freude für unsere Eltern. Vielleicht mussten wir um Aufmerksamkeit kämpfen und haben so das Gefühl, nie gut genug zu sein – ein Muster, das uns besonders zu schaffen machen kann, wenn wir selbst Eltern werden, da wir unseren Ansprüchen nie genügen können.

Vielleicht sind wir sehr engagiert und geraten in die Falle, unsere Kinder zu einer Art Projekt zu machen. Schließlich leben wir in einer produktorientierten Gesellschaft und dies führt häufig dazu, dass Eltern ihre Kinder als ihr „Produkt“ sehen, das sie dann mit anderen Produkten vergleichen. Wenn sie sich nicht so entwickeln, wie wir uns das vorstellen, führt das leicht dazu, dass entweder die Kinder oder wir „Schuld“ sind – und beides kann sich verhängnisvoll auf die Beziehung auswirken.

Vielleicht haben wir aber auch das Gefühl, nicht wirklich wichtig zu sein – dass wir uns am besten unsichtbar machen, um gut zu überleben. Oder wir haben ständig Angst vor dem, was die anderen (seien dies die eigenen Eltern, Verwandte, Freunde oder Nachbarn) dazu sagen, wie wir mit unseren Kindern umgehen, oder wie diese sich verhalten. Ein solches Muster kann es uns ebenfalls sehr schwer machen, unseren eigenen Weg zu gehen und zu uns und unseren Kindern zu stehen.

Eine innere Stimme, die immer urteilt

Andere Muster wiederum führen dazu, dass es uns schwer fällt, es uns gut gehen zu lassen. Irgendwie scheint es nicht in Ordnung zu sein – vielleicht haben wir auch das Gefühl, das nicht zu verdienen – oder es gibt so eine Stimme in uns, die ständig etwas an uns auszusetzen hat, die ständig urteilt, und das nicht gerade sehr einfühlsam.

Auch ein mangelndes Selbstwertgefühl kann uns daran hindern, unseren Kindern offen und gelassen zu begegnen. Wenn wir bei allem, was nicht so läuft, wie wir uns das vorstellen, ängstlich, unsicher oder ungeduldig und wütend werden, sind wir nur schwer in der Lage, wirklich zu sehen, was ein Kind oder eine Situation von uns braucht.

Wohlwollen für uns selbst entwickeln

Solche Muster prägen sich schon in frühester Kindheit aus und sind nicht leicht aufzulösen – aber es ist sehr lohnend, diesen Mustern auf die Spur zu kommen.

Vor allem die Praxis der Achtsamkeit kann hier eine große Hilfe sein, solche negativen Muster zu erkennen und eine andere, wohlwollende und mitfühlende Haltung uns selbst gegenüber zu entwickeln. In dem Maße, wie dies gelingt, werden wir gelassener, flexibler, offener und können sehr viel einfühlsamer und kreativer auf die Bedürfnisse unserer Kinder eingehen – und dies wiederum führt zu sehr viel mehr Lebensfreude und besseren Beziehungen. Auch unsere Kinder wollen, dass wir glücklich sind – sie haben keinerlei Interesse daran, dass wir uns das Leben schwer machen. Sie möchten, dass sie eine Freude für uns sind und dass auch unser Zusammensein von gemeinsamer Freude geprägt ist.

Die Struktur unseres Gehrins verändern

Wie Daniel Siegel in seinem Buch Das achtsame Gehirn aufzeigt, belegen neueste Forschungen, dass das wohlwollende Gewahrsein, das in der Praxis der Achtsamkeit geübt wird, sogar die Struktur unseres Gehirns verändern kann – sogar das Glückszentrum in unserem Gehirn kann wachsen. Egal, wie unsere Geschichte aussieht und wo wir heute stehen – wir können uns bis in unsere Biologie hinein verändern.

Als erster Schritt auf diesem Weg kann die Instant Meditation dienen. Sie besteht darin, kurz inne zu halten und mit einem wohlwollenden Interesse immer mal wieder bei uns selbst vorbei zu schauen. Wir können uns auch mit unserem eigenen Vornamen innerlich ansprechen und fragen, wie es uns geht. Und so, wie wir einem guten Freund oder einer guten Freundin zuhören würden, hören wir uns dann selbst zu.

Auf Selbst-Entdeckungsreise gehen

Als zweiten Schritt können Sie sich eine Art Tagebuch oder Forschungs-Journal zulegen, in dem Sie kurze Notizen über das aufschreiben, was Sie jeweils entdeckt haben. Wie finde ich mich vor? Gestresst? Ungeduldig? Angespannt? Müde? Erschöpft? Froh? Zufrieden? Glücklich? Dabei ist es wichtig, uns nicht zu be- oder gar zu verurteilen, sondern einfach wohlwollend zu registrieren, was wir vorfinden.

Wie klingt die Stimme, mit der wir zu uns selbst sprechen? Erinnert mich die Qualität meiner Beziehung zu mir selbst an eine Beziehung aus meiner Kindheit? Wenn ja, an welche? Wie wäre es – wie würde es sich anfühlen, wenn ich mein eigener Freund bzw. meine eigene Freundin wäre?

Weitere Fragen, denen nachzugehen lohnend sein könnte: Wie hätte mich mein Vater als Kind beschrieben? Wie meine Mutter? Was hätte ich mir besonders gewünscht, wenn ich meine Vater bzw. meine Mutter in einem Punkt hätte ändern können?

Wohlwollendes Interesse an unserem Innenleben

Dies sind keine Prüfüngsfragen, bei denen es darum geht, die richtige Antwort zu finden, sondern kleine Forschungsprojekte, die uns vielleicht helfen können, uns der Qualität unserer Beziehung zu uns selbst bewusster zu werden und sie Schrittchen für Schrittchen zu verbessern.

Schon dieses wohlwollende Interesse für unser Innenleben hat eine heilsame Wirkung. Wir beginnen, eine freundliche Haltung uns selbst gegenüber zu kultivieren – und auch, wenn wir keine schnellen Ergebnisse erwarten können, wird dies ohne jeden Zweifel Früchte tragen. Und in dem Maße, wie wir mit uns selbst in Frieden sind, wird auch die Beziehung zu unseren Kindern von mehr Achtsamkeit, Einfühlungsvermögen und Mitgefühl geprägt sein.

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

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