Wird mein Kind genug lernen?

Wie unsere Kinder zu ausgeglichenen Menschen mit innerem Frieden werden

Es ist unser Wunsch, dass unsere Kinder das bekommen, was sie brauchen um zu selbstbewussten, intelligenten und glücklichen Erwachsenen zu werden. Doch wie können wir das erreichen? Was müssen wir ihnen dafür bieten? Schnell befürchten wir, dass unser Kind nicht genügend lernt, seine Zeit vor dem Fernseher verschwendet, oder hinter Gleichaltrigen zurückbleibt, falls wir ihm zuviel Freiraum lassen. Und oft machen uns schon jetzt Sorgen um ihre Zukunft – dabei ist es so wertvoll im Hier und Jetzt bei ihnen zu sein und ihre gegenwärtige Entwicklung zu betrachten.
Mithilfe des kindzentrierten Ansatzes können wir diesen Fokus ausbalancieren und lernen die besonderen Stärken der Kindheitsjahre wertzuschätzen. Dann können wir unseren Kindern die Gelegenheiten geben, ihren eigenen tiefen Interessen nachzugehen und sich mit Tätigkeiten zu beschäftigen, die ihnen am Herzen liegen – ohne das Vertrauen zu verlieren.

Kindergartenalter Kind Buch Lernen Lesen

"Ein Kind, das seine eigenen Interessen verfolgen kann, lernt gern." © luxuz::./photocase

Wir müssen auf jene Aktivitäten achten, an denen unsere Kinder mit viel Energie und großem Enthusiasmus arbeiten. Wir sollten auch die Unabhängigkeit der Kinder respektieren. Anstatt Kinder zu dirigieren, zu unterweisen und sie zu korrigieren, ist es hilfreicher, wenn wir die Bühne für das Lernen bereiten. Wir könnten z.B. Kindern die Zeit und die Materialien geben, die sie für künstlerische Aktivitäten benötigen, oder wir könnten sie in Kontakt mit der Natur bringen, doch dann zurücktreten, um sie ihre eigenen Entdeckungen machen zu lassen.

Kindzentrierte Eltern handeln manchmal wie ein erfahrener Gärtner. Ein erfahrener Gärtner weiß, dass er die Pflanzen eigentlich nur wachsen lassen muss. Er versucht, gute Bedingungen für das Wachstum zu schaffen, wie eine fruchtbare Erde und die richtige Menge Wasser und Sonnenlicht, doch darüber hinaus gibt es eine Grenze bei dem, was er tun kann. Die Pflanze wächst von selbst, unter der Leitung der inneren Kräfte. Auf eine ähnliche Weise können wir als Eltern Bedingungen und Möglichkeiten für das Wachstum des Kindes schaffen, doch wir müssen dann dem Kind vertrauen, dass es selbst für sein Wachstum sorgt. Wir müssen ihm erlauben, seine eigenen Entdeckungen zu machen. Das klingt wie ein „Hände weg“–Ansatz und als solcher ruft er allgemeine Bedenken der Eltern hervor.

Wird mein Kind zurückbleiben?

Eltern machen sich Sorgen, dass ihr Kind, wenn sie ihm zu viel Zeit lassen, um seinen eigenen Interessen nachzugehen und seine eigenen Entdeckungen zu machen, hinter den Gleichaltrigen zurückbleiben wird. „Andere Kinder bekommen heute viel akademischen Unterricht,“ äußern Eltern oft besorgt. „Ich möchte nicht, dass meine Kind Nachteile hat.“

Vor dem Alter von sieben oder acht Jahren ist der schulische Unterricht der natürlichen Lernweise der Kinder so fremd, dass das Kind ohnehin nicht viel aufnimmt. Kinder behalten Stoff, doch sie verstehen ihn kaum und sie beginnen, lernen nicht mehr zu mögen. Die treibende Kraft hinter der intellektuellen Entwicklung – die Begeisterung des Kindes für das Lernen – wird geschwächt. Deswegen ist es zweifelhaft, ob der akademische Unterricht für Kinder in den ersten sechs Lebensjahren wirklich von Vorteil ist. Wenn wir stattdessen kleinen Kindern Zeit und Möglichkeiten zum Spielen, für Künstlerisches und zum Entdecken der Natur geben, bieten wir ihnen eine Chance, die Stärken ihrer eigenen Lebensphase zu entwickeln.

Kinder benötigen auch nach dem Alter von sieben bis acht Jahren viel Freizeit. Ich habe das Bedürfnis nach Zeit zum Entdecken der Natur von kleineren Kindern betont, doch auch größere Kinder brauchen Zeit, um jenem nachzugehen, was sie besonders gern tun – konstruieren, Comics zeichnen, Baseballkarten sammeln, Scherze und Reime ausdenken, Sport treiben, neue Spiele erfinden und einfach entspannen und die Gedanken schweifen lassen. In den kindzentrierten Schulen lernen Kinder akademische Konzepte durch sinnvolle und aufregende Projekte, und diese brauchen auch Zeit.

Ein Kind, das seine eigenen Interessen verfolgen kann, lernt gern

Deswegen riskiert der kindzentrierte Ansatz bei größeren Kindern auch, dass sie bei akademischen Themen langsamer vorwärts kommen als Kinder, die akademischen Unterricht bekommen. Die Erforschung kindzentrierter Schulen hat keine bedeutenden Risiken in der Schule finden können, doch wenn wir unseren Kindern auch viel freie Zeit außerhalb der Schule geben, ist es möglich, dass sie keine sehr guten Testnoten bekommen. Doch wir sollten die Vor- und Nachteile abwägen. Ein erwachsenengelenktes Kind erreicht möglicherweise sehr gute Noten, doch ist es intensivem Druck ausgesetzt und versteht vieles von dem, was es lernt, nur zur Hälfte. Es versteht den Stoff nicht gut genug, um ihn selbst zu beurteilen. Es wird von außen festgelegt, was es zu lernen hat, und es hat nur eine geringe Chance, seinen eigenen Interessen nachzugehen und seine kreativen Fähigkeiten zu üben. Es findet Lernen nicht erfreulich – eine Tatsache, die nicht nur sein momentanes Leben beeinflusst, sondern sich auch negativ auf die Zukunft auswirkt.

Ein Kind hingegen, das seine eigenen Interessen verfolgen kann, lernt gern. Indem es seine eigenen Erfahrungen macht, lernt es, sich selbst zu vertrauen. Es schätzt seine eigene Intuition, seine eigenen Ideen und Urteile. Durch die Erforschung der Natur entwickelt es die Fähigkeit der geduldigen Beobachtung und des inneren Friedens, der sich dann einstellt, wenn man sich als Teil des Lebens fühlt. Es fühlt sich zufrieden und erfüllt und ist bestrebt, neue Dinge zu lernen.
Natürlich können Eltern nicht einfach die Anforderungen der Schule ignorieren, doch es ist gut, sich ein wenig Zeit zu nehmen, um die relative Bedeutung der akademischen Errungenschaften mit dem persönlichen Glücklichsein und Wachstum abzuwägen.

Wenn Kinder ihren eigenen Interessen folgen, werden sie dann das lernen, was sie benötigen, um in der Gesellschaft zu funktionieren?

Viele Menschen (Psychologen und auch Eltern) machen sich Sorgen, dass Kinder viele Fertigkeiten und Gegenstände, wie lesen, Geometrie, Geschichte nie aus eigenem inneren Interesse an diesen Themen lernen werden. Sind solche Fächer für Kinder nicht unnatürlich? Müssen wir nicht zu ihrem eigenen Besten von ihnen verlangen, dass sie diese Fächer lernen?

Wenn wir Dinge nicht erzwingen, entwickeln Kinder auf spontane Art und Weise mehr Interesse daran, als wir uns vorstellen können. Betrachten wir einmal das Lesen. Kinder wissen, dass Bücher besondere Geheimnisse und faszinierende Geschichten enthalten. An einem gewissen Punkt versuchen sie selbst, zu lesen, und machen oft beachtliche Fortschritte. Natürlich müssen wir ihren Fortschritt begleiten. Doch wir sollten geduldig sein und ihrem spontanen Interesse die Möglichkeit zu wachsen geben. Wir können indirekt zum Lesen ermutigen, indem wir ihnen Geschichten, die sie mögen, vorlesen, indem wir interessante Bücher zu Hause haben und sie daran teilhaben lassen, wie gern wir selbst lesen. Wenn wir uns jedoch schnell mit unseren Anweisungen und Forderungen einmischen, werden wir Lesen wahrscheinlich zu einer unangenehmen Erfahrung machen. Wir werden dem Kind die gegenwärtige Erfahrung vermiesen und damit auch beeinflussen, wie viel das Kind auch in Zukunft wird lesen wollen.

Kinder erwerben Fertigkeiten und Konzepte ungezwungener als wir denken. Kinder erkennen intuitiv, dass Geometrie nützlich ist, wenn man Bilder zeichnet, wenn man Grundrisse für das Himmel- und Höllespiel macht oder ein Fußballfeld markiert. Viele kindzentrierte Pädagogen ermutigen Projekte, die Kinder befähigen, Mathematik oder andere akademische Fächer anhand von Aktivitäten zu erlernen, die Kinder natürlich und bedeutend finden. Ich empfehle, dass Eltern den Wert aufgrund von projektgestütztem Lernen in Betracht ziehen, wenn sie eine Schule auswählen oder daran arbeiten, jene zu verbessern, in die ihre Kinder momentan gehen.

Wie kann ich mich den Aufgaben der Schule widersetzen?

Viele Eltern würden ihren Kindern gern mehr Freizeit geben, um ihren eigenen Interessen nachzugehen, doch Schulaufgaben nehmen ihre ganze Zeit in Anspruch. Wenn Lehrer einem Erstklässler drei Stunden Hausaufgaben zuweisen, sollten sich dann die Eltern dem Lehrer offen widersetzen und dem Kind sagen, dass es nach einer Stunde aufhören kann? Das ist wahrscheinlich nicht der beste Ansatz, zumindest nicht am Anfang. Doch Eltern können mit den Lehrern, Direktoren und anderen Eltern sprechen. Sie können ihre Bedenken bei den Treffen der Schulbehörde und der Lehrer-Eltern-Ausschüsse äußern.

In Piscataway, New Jersey, einem Vorstadtschulkomplex mit 7000 Schülern, waren die Eltern Teil einer Bewegung, die mit einer Entscheidung der Schulbehörde endete, die Aufgaben unter der Woche stark einzuschränken und sie an Wochenende ganz abzuschaffen.
Eltern, die dieses Thema aufgreifen, werden sich auf Forschungsdaten über die akademischen Vorteile von Aufgaben beziehen wollen. Ein gutes Buch über dieses Thema, das meint, dass die Vorteile kaum erheblich sind, ist „The End of Homework“ von Etta Kralovec und John Buell.

Wie kann ich mein Kind draußen spielen lassen, wenn die Straßen, Spielplätze und Parks unsicher sind?

In städtischen Gebieten ist das natürlich eine berechtigte Sorge. Tatsächlich ist ein Grund, warum Eltern ihre Kinder in strukturierte, erwachsenengelenkte Kurse (wie Tennisstunden, Ballettstunden, zu Fußballvereinen, und Turnstunden) einschreiben, dass die Aktivität des Kindes überwacht ist. Selbst wenn Eltern über diese Erwachsenenlenkung unglücklich sind, bringt diese Aktivität das Kind zumindest vom Fernsehen weg.

Von einem kindzentrierten Standpunkt aus wäre es viel besser, wenn Erwachsene das Spielen der Kinder weniger manipulativ überwachen könnten. Ein Modell dafür ist das, was die Engländer „Parkies“ nennen. Das sind Parkwächter oder Spielplatzleiter, die auf die Kinder aufpassen, während sie spielen, um für ihre Sicherheit zu sorgen sind und um zu helfen, wenn ein Problem entsteht. Doch da sie den Wert des freien und unabhängigen Spielens der Kinder schätzen, geben sie nur wenige Anweisungen.

Auf dem Spielplatz könnten Erwachsene Bälle und Schläger austeilen und vielleicht helfen, dass das Spiel in Schwung kommt, doch dann zurücktreten und es den Kindern überlassen. Die Kinder wählen die Mannschaften, diskutieren die speziellen Regeln für das Spiel und werden höchstwahrscheinlich während des Spiels in heftige Debatten verwickelt. Aus Piagets Sicht sind solche Interaktionen für die intellektuelle und moralische Entwicklung der Kinder lebenswichtig. Wenn Kinder diskutieren und Meinungsverschiedenheiten lösen, lernen sie, den Standpunkt des anderen zu verstehen und ein breiteres Verständnis dafür zu entwickeln, was fair und gerecht ist. Piaget glaubte, dass Kinder sich in diese Diskussionen und Debatten untereinander einlassen müssen. Wenn Erwachsene ihnen sagen, was sie tun sollen, entwickeln sie diese Fähigkeit nicht und gehorchen einfach der Autorität.

Ich lege Eltern sehr ans Herz, dass sie die führenden Politiker in ihrer Gemeinde dahingehend beeinflussen, solche „Parkies“ in ihrer Nachbarschaft zur Verfügung zu stellen.

Wenn ich Zeit für das Spielen einräume, wird mein Kind nicht einfach nur Fernsehen schauen?

Das Fernsehen ist tatsächlich eine sehr mächtige Attraktion geworden. Marie Winn hat es mit einer Droge verglichen, der man sich entziehen muss. Das ist nicht einfach. Manchmal gehen Kinder von selbst kaum nach draußen, deswegen müssen wir den Kinder zeigen, wie lohnenswert Aktivitäten in der Natur sind.

Um mit Kindern z.B. die Natur zu erforschen, könnten wir sie an Orte bringen, die ihre Phantasie anregen, wie sie z.B. des Nachts an den Strand, an Seen oder in den Wald zu bringen. Wir könnten mit ihnen wandern gehen, was ihnen die Chance bieten würde, den Sinn von körperlicher Erfüllung zu erleben. Wenn sie etwas Zeit in einer relativ unberührten, abgelegenen Gegend verbringen können, werden sie oft die tiefe Ruhe und den innern Frieden erleben, den die Natur ausstrahlt. Wir können die Kinder auch in Naturstudienkurse einschreiben, die Kindern auf unaufdringliche Weise helfen, die Wunder in den kleinen Details der Natur zu entdecken. Auf diese Art und Weise führen wir die Kinder in Erfahrungen ein, die viel tiefer gehen als fernsehen.

Kindzentrierte Erwachsene folgen den spontanen Interessen der Kinder. Ist Fernsehen nicht ein spontanes Interesse?

Die spontanen Interessen sind sehr wichtig in der kindzentrierten Theorie, doch man muss auch auf andere Aspekte der Erfahrungen eines Kindes achten. Wie Maria Montessori betont hat, sind Kinder nicht nur an Aktivitäten interessiert, die ihnen helfen, ihre natürlich aufkommenden Stärken zu entwickeln; wenn sie ihre Aktivitäten beendet haben, kommen sie zufrieden und erfrischt daraus hervor. Sie scheinen glücklich und im Frieden mit sich zu sein, weil sie imstande waren, etwas in sich zu entwickeln.

Deswegen achten wir auf Ausgeglichenheit und inneren Frieden als Zeichen dafür, dass wir eine Umgebung schaffen, die dem Kind ermöglicht, sich natürlich zu entwickeln. Fernzusehen produziert nichts Derartiges. Nach dem Fernsehen sind Kinder üblicherweise ruhelos und abgelenkt. (Siehe auch: Die Formatierung der inneren Festplatte)

Einige Psychologen haben sich auch die Frage gestellt, ob das Interesse des Kindes am Fernsehen völlig spontan ist. Fernsehgesellschaften benutzen plötzliche Änderungen der Geräusche und Bilder, die unwillkürliche Schreckreaktionen hervorrufen. Solche Techniken nehmen künstlich die Aufmerksamkeit des Kindes immer wieder gefangen.

Wenn wir also den Wert von neuen Technologien für Kinder bewerten wollen, müssen wir nicht nur in Erwägung ziehen, bis zu welchem Grad sie das Interesse der Kinder anziehen, sondern auch das Verhalten und die Gefühle des Kindes nach Nutzung der Technologie. Letztlich wird das Kind, das davon wirklich profitiert, einige der folgenden Eigenschaften zeigen: Ausgeglichenheit, Anmutigkeit und Selbstständigkeit.

Wenn ich mein Kind langsam wachsen und seine eigenen Interessen verfolgen lasse, besteht dann Hoffnung, dass es an der Harvard Universität zugelassen wird?

Die angesehenen Colleges suchen nach jungen Menschen, die interessant sind, d.h. normalerweise nach jungen Menschen, die starke Interessen haben. Diese Colleges schätzen Bewerber, die ein Stück geschrieben haben, einen Tanz choreographiert, interessante Bilder gemalt, interessante wissenschaftliche Experimente durchgeführt, Lieder und Gedichte geschrieben haben, Mut und Führungstalent im Sport bewiesen oder sich für die soziale Gerechtigkeit eingesetzt haben. Kindzentrierte Erziehung, die die eigenen Leidenschaften und Interessen des Kindes nährt, bringt diese Art von Highschool-Abgängern hervor. Der Bewerber wird nicht jemand sein, der unmotiviert eine extracurriculäre Aktivität betrieben hat, nur zum Zwecke der Bewerbung am College. Stattdessen wird der Bewerber wahrscheinlich eine Person sein, die von Beginn an ihren eigenen inneren Leidenschaften gefolgt ist.

Die besten Colleges sind auch an jungen Menschen interessiert, die selbst denken können und auch hier ist der kindzentrierte Ansatz die angemessenste Vorbereitung darauf.

Natürlich zielt der kindzentrierte Ansatz auf keine zukünftige Rolle ab. Stattdessen versucht er, die Potentiale des Kindes in jeder Entwicklungsstufe voll zur Entfaltung zu bringen. Doch er schafft tatsächlich die solideste Grundlage für das zukünftige Wachstum. Er neigt dazu, kreative junge Menschen heranzuziehen, die sich gerne mit verschiedenen Aktivitäten beschäftigen und es lieben, selbst zu denken – jene Art von Menschen, die sich von anderen unterscheiden.

Vertrauen in das Kind setzen, dass es mit dem Leben als Erwachsener zurechtkommt

Zugleich ist es aber durchaus möglich, dass so ein junger Mensch sich entscheiden wird, nicht enorm viel Zeit für die Vorbereitung auf den Eignungstest für Studenten oder das Erreichen von hohen akademischen Graden zu verwenden. Deswegen ist er möglicherweise kein erstrangiger Kandidat für die angesehensten Colleges. Die jungen Menschen werden ihre eigene Entscheidung treffen, welche Art von Opfern sie bringen und welche zukünftige Ziele sie verfolgen wollen.

Ich bin mir bewusst, dass es für Eltern beunruhigend ist, die Zukunft der Kinder offen zu lassen. Doch wir begehen einen Fehler, wenn wir zu viel planen. Die Eltern und Pädagogen von heute handeln häufig wie ein Bauherr, der so besorgt ist um das endgültige Aussehen des Gebäudes, dass er seine gesamte Aufmerksamkeit auf das Design des Äußeren verwendet und vergisst, für das Haus ein starkes Fundament zu bauen. Als Eltern müssen wir unsere Aufmerksamkeit jenen Fähigkeiten schenken, die Kinder von Natur aus motivieren, sich in ihrer aktuellen Entwicklungsphase zu entwickeln. Wie Maria Montessori einmal sagte: „Wir dienen der Zukunft, indem wir die Gegenwart schützen.“

Unsere Aufgabe ist es, dem Kind auf jedem Schritt seines Weges zu helfen, sich zu einem starken, glücklichen und selbständigen Menschen zu entwickeln. Wenn das Kind langsam erwachsen wird, müssen wir die Zukunft dem Kind überlassen. Indem wir unser Bestes getan haben, solange sich das Kind in unserer Obhut befand, indem wir nach dem Plan der Natur für gesundes Wachsen gearbeitet haben, müssen wir das Vertrauen in das Kind setzen, dass es mit dem Leben als Erwachsener zurechtkommt.

Was ist mit dem Ziel, das heutzutage so beliebt ist – die lebenslange Liebe zum Lernen zu fördern?

Dieses Ziel ist attraktiv, weil es eine Brücke zwischen der Zukunft des Kindes und dem derzeitigen Leben des Kindes schafft. Wir können nicht einen Erwachsenen heranziehen, der das Lernen liebt, ohne dass wir diese Haltung im derzeitigen Leben des Kindes unterstützen. Wenn wir dieses Ziel verfolgen würden, wäre das Leben für Kinder glücklicher.

Doch da ist eine Falle. Sobald unsere Gedanken sich auf die Zukunft richten, besteht die Gefahr, sich auf jene Art des Lernens zu konzentrieren, die wir als Erwachsene wertschätzen. Wir beginnen möglicherweise z.B. über die akademischen Leistungen in Lesen, Mathematik oder Wissenschaft der Kinder nachzudenken und erst in zweiter Linie darüber, wie wir ihnen positive Gefühle diesen Themen gegenüber vermitteln könnten. Ich bin der Meinung, dass wir stattdessen zu Beginn unsere Vorstellungen über das, was das Kind wissen sollte, ausblenden und den Kindern stattdessen die Möglichkeit geben, jenen Aktivitäten nachzugehen, die sie selbst lohnenswert finden. Wenn wir mehr Vertrauen in ihre inneren Impulse haben, dass sie selbst wachsen und auf ihre eigene Art lernen, werden wir sehen, dass die Zukunft oft für sich selbst sorgt.

Da die Menschen oft von der Zukunft des Planeten sprechen, ist die Zukunft nicht viel wichtiger als hier behauptet?

Mein Hauptanliegen in meinem Buch "Neue Wege des Lernens" ist unsere übermäßige Bedeutung für den zukünftigen Erfolg des Kindes als Individuum. Aus meinen Gesprächen mit Eltern habe ich die Überzeugung gewonnen, dass viele mit einem ständigen Albtraum leben. Ein Elternpaar hat dies folgendermaßen ausgedrückt: „Unser Kind wird als Obstzusteller enden.“ Ich habe versucht, zu argumentieren, dass wir diese Sorgen relativieren müssen. Meine Hoffnung ist, dass wir den wettbewerbsorientierten akademischen Druck auf Kinder verringern und dass wir endlich ihre besonderen Qualitäten als Kinder schätzen und ihnen eine Chance geben, sich voll zu entfalten.

Doch es gibt da noch eine weitere Sorge um die Zukunft: die Sorge um die Gesundheit des Ökosystems unseres Planeten. Das ist meiner Meinung nach ein sehr wichtiges Anliegen. Ironischerweise ist es so, dass wir in dieser Hinsicht viel besser dran wären, wenn wir den Kindern mehr Möglichkeiten geben würden, eine ihrer besonderen Stärken zu entwickeln – ihre Liebe zur Natur. Wenn wir stattdessen auf unserem derzeitigen Kurs weitermachen, indem wir in einer zunehmend künstlichen, technologischen Umgebung leben, ist es zweifelhaft, dass wir uns in Zukunft der Natur nahe genug fühlen werden, um entschieden zu handeln, um sie zu schützen.

Der Dichter Gary Lawless machte sich folgende Gedanken:
Wenn die Tiere zu uns kommen
und um Hilfe bitten,
werden wir verstehen,
was sie uns sagen?

Die Forschung belegt, dass wir als Kinder imstande sind, ein Einfühlungsvermögen der Natur gegenüber zu entwickeln. Kinder personifizieren Tiere und träumen von ihnen. Sie sprechen in ihren Gedichten mit Tieren sowie mit Pflanzen und anderen Erscheinungen der Natur. Kinder möchten über die Natur etwas erfahren und ihre eigene Bindung zu ihr entwickeln. Wir müssen die Kinder zu diesem Zweck in Kontakt mit der Natur bringen.

Was ist mit Fragen, die an dieser Stelle nicht zur Sprache gekommen sind?

Als Eltern werden Sie sicherlich viele weitere spezifische Fragen über die Entwicklung Ihres Kindes haben – mehr Fragen, als ich hier beantworten kann. Es wird nützlich sein, die allgemeine kindzentrierte Philosophie in Gedanken zu behalten, d.h. das Kind unter diesem Blickpunkt zu betrachten anstatt die externen Leistungen des Kindes, wie Aufnahme in einen angesehenen Kindergarten oder in einen Begabten- und Talentiertenkurs in ihrer öffentlichen Schule.

Viel grundlegender sind die Gefühle ihres Kindes dem Lernen gegenüber – Gefühle wie Neugier, Begeisterung, Konzentration, Selbstständigkeit und innerer Frieden. Diese Gefühle sind an sich wichtig und sie zeigen, dass das Kind seine natürlich aufkommenden Stärken aktualisiert. Als Eltern haben wir oft Zweifel, doch wenn wir den Kindern helfen, sich in Übereinstimmung mit dem natürlichen Grundplan zu entwickeln, können wir darauf vertrauen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe:

Der Artikel stammt aus dem Buch Lernen für die Welt von morgen von William Crain.

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