Zukünftige Wettbewerbsfähigkeit vs. gegenwärtiges Glück

Ein Gespräch mit William Crain

William Crain, Professor für Psychologie, Autor und Gesellschaftsaktivist spricht über seinen Ansatz der kindzentrierten Pädagogik und darüber, dass jedes Kind das Recht zum Spiel hat. Gerade heute ist dieses Thema wieder brennend aktuell und es ist wichtig die Diskussion um Lernen und Leistung der Schüler immer wieder neu zu führen und neu zu überdenken.
Über High-Tech-Geräte an modernen Schulen, verplante Nachmittage und die eigentliche Natur(verbundenheit) unserer Kinder…

Mutter Kind Junge Natur

Wie wichtig ist es jetzt an die Zukunftssituation unserer Kinder zu denken

Ich glaube, dass wir von den Gedanken und Sorgen um die Zu­kunft der Kinder wie besessen sind. Wir müssen ein Gleichgewicht finden, zwischen dieser Zukunftsbezogenheit und der Wertschätzung, die wir dem Kind in seinem momentanen Leben entgegen bringen.

Eltern machen sich unaufhörlich Gedanken darum, wie sie den Kindern am besten und schnellsten den Weg zu den angesehensten Hochschulen ebnen können. Die führenden Persönlichkeiten der USA, die ihren Blick ausschließlich auf die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit der USA in der Weltwirtschaft richten, fordern immer mehr akademische Bildung und Entscheidungstests für immer jüngere Kinder.

Unter diesem Druck haben Kinder nicht genügend Zeit und ausreichende Gelegenheit, jene Stärken und Fähigkeiten, die für die Kindheit charakteristisch sind, zu entwickeln. Es fehlt ihnen an Möglichkeiten, ihre Kreativität und Problemlösungsfähigkeiten durch das Spielen, durch selbstinitiierte künstlerische Tätigkeiten und durch die Erforschung der Natur zu entwickeln. Wir erlauben ihnen nicht, sich in ihrer eigenen Entwicklungsphase wirklich zu entfalten.

Viele haben bereits auf Zunahme an Stress in der Kindheit hingewiesen.

Ja, insbesondere David Elkind. Auch Kinderärzte finden den Grad an Stress, der direkt mit dem verstärkten schulischen Druck in Zu­sam­menhang steht, allarmierend. Doch das Problem geht über den Stress hinaus. Wir müssen unsere Ge­schwindigkeit reduzieren und den Kindern Wertschätzung entgegen bringen, damit wir ihnen eine Chance geben, die Stärken, die für ihre momentane Entwicklungsphase charakteristisch sind, zu entwickeln.

Nehmen wir z.B. die Kunst: wenn Kinder die Möglichkeit haben, machen sie zwischen fünf und acht Jahren von sich aus eine Phase durch, in der sie viele Zeichnungen anfertigen, die frisch, lebendig und ästhetisch sind. Howard Gardner nennt diese Phase die „Goldene Zeit“ der künstlerischen Entwicklung. Gerade moderne Künstler wie Picasso haben versucht, die Stärken der Kinder wieder neu in sich zu entwickeln.

Ähnlich zeugt das Spielen und das Vorhandensein von imaginären Freunden von der beachtlichen kreativen Fähigkeit der Kinder. Ebenso ist ihre aufmerksame Haltung der Natur gegenüber ein besonderer Aspekt der Kindheit. Die revolutionären Erkenntnisse von Chomsky auf dem Gebiet der Linguistik haben gezeigt, dass die kreativen Fähigkeiten der Kinder enorm sind, was das Erlernen von Sprachen betrifft. Ich bin der Meinung, dass Kinder herausragende Fähigkeiten auch auf anderen Gebieten entwickeln werden, wenn wir ihnen eine Chance geben. Doch wir geben ihnen diese Chance nicht. Stattdessen fordern wir noch mehr formalen, akademischen Unterricht be­reits in der frühen Kindheit und machen uns so viele Gedanken um ihre Hausaufgaben und verplanen ihre Nachmittage, da unser Blick so sehr auf die Zukunft fixiert ist. Kinder haben nur wenig Zeit für künstlerische Tätigkeiten, Phantasiespiele oder für die freie Erforschung der Natur. Wir riskieren jedoch auf diese Weise, sie damit in ihrer Entwicklung zu hemmen.

Das ist vergleichbar damit, dass wir z.B. jungen Pferden selbstverständlich die Möglichkeit geben würden, frei zu laufen. Wir würden ihnen ein Feld zur Verfügung stellen, in dem sie laufen, springen und spielen könnten. Was würde es für ein Fohlen bedeuten, in eine enge Box zu gesperrt zu werden, in der ihm diese Möglichkeiten vorenthalten sind? Doch genau dies machen wir mit unseren Kindern.

Es wird heute viel über den Normungstrend und die standardisierten Tests diskutiert. Was ist Ihre Meinung dazu?

Der Normungstrend verwendet Slogans, die attraktiv klingen. Wer würde sich schon gegen „höhere Standards“, „klare Erwartungen“ und „Überprüfbarkeit der Leistung“ aussprechen? Doch der gesamte Trend stützt sich auf die Prämisse, dass wir als Erwachsene die Ziele für die Kinder stecken sollten. Die kindzentrierte Pädagogik hinterfragt diese Prämisse. Sie fordert uns auf, weniger über unsere Ziele nachzudenken und stattdessen den Fähigkeiten der Kinder mehr Aufmerksamkeit zu schenken, die sie von sich aus in ihrem momentanen Leben entwickeln wollen. Natürlich müssen wir die Zukunft des Kindes im Auge behalten und dem Lernen der Kinder eine gewisse Richtung geben. Doch es ist ebenso wichtig, den momentanen Interessen und Bedürfnissen der Kinder besondere Aufmerksamkeit zu widmen.

Die Standards selbst wären nur leere Worte ohne die standardisierten Tests. Die Tests verleihen der Standardisierungsbewegung Wirksamkeit. Es sind die Testergebnisse, die das Curriculum bestimmen. Das Problem daran ist, dass prüfungsbestimmter Unterricht so langweilig und mühevoll ist, dass die Begeisterung der Kinder für das Lernen auf diese Weise zerstört wird. Der Druck, die Kinder auf die Entscheidungstests vorzubereiten, macht es für die Lehrer beinahe unmöglich, den Kindern Projekte und Aktivitäten wie Gärtnern, Bauen, die Bemalung von Wänden oder Forschungsprojekte anzubieten, die die Kinder interessant und sinnvoll finden.

Brauchen wir denn keine Tests? Welche anderen Indikatoren für das Lernen der Kinder sind wichtig?

Tests haben ihren gewissen Stellenwert, doch ebenso wichtig sind die eigenen Beobachtungen des Lehrers, was jedes einzelne Kind lernt, was seine Stärken sind, wo es Hilfe benötigt, usw. Noch einmal, wir müssen den Beobachtungen der Lehrer vertrauen – nicht den Tests.

Von der kindzentrierten Sichtweise aus sind die wichtigsten Kriterien die Gefühle des Kindes und seine Haltung dem Lernen gegenüber. Ist das Kind neugierig, zuversichtlich und begeistert, was das Lernen betrifft? Setzt es seine Phantasie ein? Denkt es selbständig? Das sind wichtige Fragen. Wenn Kinder sich der Natur gemäß entwickeln und die besonderen Fähigkeiten der Kindheit entfalten, wird man das an ihrer Neugier, ihrer Fähigkeit, sich voll und ganz zu konzentrieren und an ihrem inneren Frieden erkennen. Sie werden zufrieden sein und sich wohl fühlen, weil sie ihre natürlichen Stärken entwickeln.

Können Sie den „kindzentrierten“ Ansatz näher erläutern?

Beim kindzentrierten Ansatz achtet man auf die Botschaften des Kindes. Was Kleinkinder betrifft, geht dieser Ansatz davon aus, dass Babys bereits mit einem biologischen Wissen bezüglich ihrer Be­dürfnisse auf die Welt kommen. Deswegen ist es am besten, sie dann zu füttern, wenn sie signalisieren, dass sie hungrig sind und mit ihnen dann zu spielen, wenn sie den Wunsch nach spielen signalisieren und sie nicht aus ihrem Schlaf zu reißen, usw. Wir passen das Kind nicht der Uhr an der Wand oder unseren eigenen Erwartungen an, sondern nehmen die Botschaften vom Kind auf. Wenn Kinder älter werden, schenken wir besondere Aufmerksamkeit jenen Interessen, die von ihnen kommen, jenen Aktivitäten, die sie selbst am erfüllendsten finden.

Darüber hinaus fordern kindzentrierte Pädagogen von uns, Kindern die Chance zu geben, Probleme selbst zu lösen und ihr eigenes Urteil zu bilden. Zu oft glauben die Erwachsenen, dass sie das Lernen der Kinder anleiten, lenken und kontrollieren müssen. Deswegen verbringen Erwachsene sehr viel Zeit damit, Kinder zu kritisieren, ihre Fehler zu verbessern und ihnen die „richtigen“ Antworten zu sagen. Die kindzentrierte Pädagogik verlangt von uns, dass wir Kinder ihre eigenen Entdeckungen machen lassen.

Wird mein Kind nicht zurück bleiben, wenn ich den kindzentrierten Ansatz im Umgang mit ihm anwende und ich ihm Zeit lasse, Kind zu sein?

Der akademische Unterricht ist in der frühen Kindheit größtenteils so unangemessen, dass ohnehin nichts hängen bleibt. Dieses Wissen geht sprichwörtlich zu einem Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus. Wenn man also glaubt, dass ein Kind etwas versäumt, wenn es nicht bereits in der frühen Kindheit akademischen Unterricht be­kommt, kann man beruhigt sein, denn es versäumt in Wirklichkeit nicht sehr viel.

Das Kind wird zwar natürlich nicht die besten Testnoten bekommen, doch man sollte sich den Gewinn vor Augen halten: man gibt dem Kind die Chance, den tiefsten kreativen Bedürfnissen nachzugehen und die Begeisterung am Lernen zu spüren. Wenn es Vertrauen in sich selbst hat, wird es sich ohnehin mutig auf seinen Lebensweg wagen. Und was noch hinzu kommt, es wird die Kindheit genießen. Wir erachten die Kindheit ständig als Vorbereitung auf die Zukunft. Doch die Kindheitsjahre an sich sind wichtig. Genauso wie wir das Gefühl haben, dass wir als Erwachsene das Recht haben, glücklich zu sein, haben auch Kinder das Recht, als Kinder glücklich zu sein.

Sollten Eltern ihre Kinder einfach alles alleine machen lassen? Oder wie können Eltern ihre Kinder beim Lernen unterstützen?

Meistens helfen wir ihnen, indem wir die Bedingungen und die Möglichkeiten für das Lernen schaffen. Bei Kleinkindern z.B. geben wir ihnen die Möglichkeit, ihre Umgebung zu erforschen während wir zwar anwesend sind, jedoch nicht eingreifen. Kleinkinder lieben es, den Bürgersteig oder Wege entlang zu gehen und immer wieder anzuhalten, um verschiedene Objekte zu untersuchen. Wir müssen ihnen zur Seite stehen, wenn es um die Sicherheit geht, doch wir müssen auch geduldig einfach neben ihnen stehen und ihnen die Chance geben, die Welt selbst zu erforschen. Diese Haltung – diese unaufdringliche Präsenz – ist für einige Eltern ganz selbstverständlich, während andere sie erst erlernen müssen. Leider sind die Eltern von heute so unter Druck und gestresst, dass sie die Kleinkinder in Buggys umherschieben und ihnen nie die Möglichkeit geben, in ihrer eigenen Geschwindigkeit zu gehen und die Welt zu erforschen.

Es ist nicht besonders einfach, den Kindern Möglichkeiten für unabhängiges Lernen zu geben. Es ist schwierig, dass Kinder Zeit finden, damit sie ihre künstlerische Seite entwickeln oder spielen können. Wir müssen möglicherweise mit Lehrern daran arbeiten, damit die Kinder nicht so viel Hausaufgaben bekommen. Wir sollten unsere Wünsche überdenken, die den akademischen Erfolg unseres Kindes betreffen und dem Kind Zeit geben, seinen eigenen Interessen nachzugehen.

Wenn Kinder bereits Möglichkeiten haben, selbst die Natur zu erforschen, müssen wir uns jedoch dafür einsetzen, jene Naturzonen, die es an unserem Ort noch gibt, zu bewahren – die Wälder, verwilderte Gebiete, unkrautbewachsene Straßenränder, die uns noch geblieben sind. Es werden Bäume gefällt und die natürlichen Flächen zerstört, damit man Einkaufszentren, Büros, Autobahnen und Wohnblocks errichten kann. Doch Kinder benötigen den intensiven Kontakt mit der Natur, damit sie sich gut entwickeln, deswegen haben wir die Verpflichtung, um ihretwillen die Natur zu schützen.

Ihr Buch „Lernen für die Welt von morgen“ veranschaulicht die besonderen Stärken der Kindheit und enthält Kapitel mit den Titeln „Das Kind als Naturforscher“, „Das Kind als Dichter“, „Das Kind als Künstler“ und „Das Kind als Linguist“, usw. Finden Sie eine dieser Stärken besonders wichtig?

Alle sind wichtig, doch ich lege das meiste Augenmerk auf das Kind als Naturforscher – auf die Naturverbundenheit des Kindes, die von sich aus entsteht. Eltern und Lehrer können immer wieder beobachten, wie sehr Kinder Sand, Erde, Wasser, Bäume und Tiere lieben. Ich führe Beispiele an, wie tief die Gefühle der Kinder für die Natur sind. Meiner Meinung nach hilft der intensive Kontakt mit der Natur dem Kind auf drei Weisen, sich zu entwickeln: es fördert die geduldige Beobachtung, fördert kreative Aktivitäten und vermittelt das Gefühl des Friedens und des Verwurzeltseins mit der Welt.

Ich zeige auch, wie das Fehlen der Natur im Leben eines Kindes seine seelische Gesundheit beeinflusst. Z.B. ist die Zahl der hyperaktiven und unruhigen Kinder von heute allarmierend. Teilweise lässt sich dies mit dem Konsum von elektronischem Spielzeug und Computerspielen erklären, die die Reaktionsfähigkeit der Kinder ständig herausfordern und ihr Erleben beschleunigen. Ein anderer Grund ist jedoch, dass den Kindern Zeit und Möglichkeiten fehlen, Vögel und In­sekten geduldig zu beobachten, am Rande eines Teichs zu plantschen oder einfach unter einem Baum zu sitzen und nachzudenken.

Die Schulen von heute arbeiten immer mehr mit High-Tech-Geräten. Sind Computer denn nicht wichtig für das Lernen?

Immer mehr Schulen kaufen Computer und Behörden er­achten sie als eine große Hilfe. Bis zu einem gewissen Ausmaß sind sie möglicherweise hilfreich, in erster Linie bei Leistungsübungen. Doch die Com­puter halten die Kinder in einer sterilen, künstlichen Umgebung. Das Kind am Com­puterbildschirm ist umgeben von Metall und Plastik. Kinder halten sich immer öfter und länger in Räumen auf, in elektronisch stimulierten Umgebungen, doch die Kinder brauchen die Zeit im Freien, um sich vollständig zu entwickeln. In den ersten Lebensjahren, bis zum Alter von sieben oder acht Jahren, entwickeln die Kinder ihre Sinne und ich würde Lernen auf Computerbasis in diesem Lebensabschnitt einschränken.

Manche Eltern machen sich zunehmend Sorgen, dass die Nachmittage der Kinder verplant sind. Ist das eine ernste Angelegenheit?

Ja. Eltern, die sich Sorgen um die Zulassung ihrer Kinder ins College machen, versuchen ein Multitalent, wie es die meisten Colleges haben wollen, aus ihren Kindern zu machen. Deswegen schreiben sie ihre Kinder in Violinstunden, Tennisstunden, Ballettstunden und Kunstkursen ein. Sie melden sie zum Fußballtraining und in der Little League an. Das Problem daran ist, dass diese Kurse und strukturierten Mannschaften zu stark erwachsenengelenkt sind. Sie nehmen den Kindern die Freiheit, von sich aus zu spielen und die Welt unabhängig zu erforschen. Kinder brauchen Möglichkeiten, ihre eigenen Spiele zu erfinden, Bäche und Wälder zu erforschen, Comics zu zeichnen und einfach da zu sitzen und ihren Tagträumen nachzugehen.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Crain.

Erschienen in der Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“, Ausgabe:

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