Aus der Beziehung zu unseren Kindern lernen
Aktualisiert: vor 4 Tagen

Das meiste von dem, was ich in meinem Leben gelernt habe, habe ich gelernt, weil ich Mutter bin. Meine Kinder lehren mich ständig, was ich lernen muss, und genau dann, wenn ich es brauche. Ich habe im Laufe der Jahre immer wieder versucht, die Dinge aus der Perspektive meiner Kinder zu sehen, und das hat mir alte einschränkende und schädliche Muster des In-Beziehung-Tretens bewusstgemacht, die ich in meiner eigenen Kindheit entwickelt habe.
Wenn uns etwas über unsere eigenen Kindheitserfahrungen klar wird, so kann uns dies bei der Erfüllung unserer Aufgaben als Eltern sehr helfen. Wenn wir die Wirkung irgendeines alten, destruktiven Einflusses bemerken – ob es der Unterton in unserer Stimme ist, der die Gefühle unserer Kinder als unerheblich erscheinen lässt, oder dass wir das, was ihnen wichtig ist, als völlig unwichtig und nebensächlich hinstellen, ob wir sie geringschätzig oder verächtlich anschauen, sie barsch anfahren: "Was ist denn eigentlich los mit dir!" oder sie mit einem Schimpfnamen rufen –, so eröffnet uns das immer eine kostbare Gelegenheit, eine wichtige Entscheidung zu treffen.
Wir können mit den automatischen und manchmal grausamen Verhaltensweisen fortfahren, die uns in mancherlei Hinsicht als vertraut und angenehm erscheinen, weil wir damit aufgewachsen sind. Oder wir können diese Verhaltensweisen aufgeben und versuchen, unsere heftige Reaktion in einem solchen Augenblick zu durchschauen. Wir können trotz unserer eingefleischten Gewohnheiten versuchen, die Situation unvorbelastet zu sehen und uns zu fragen: "Was tue ich in diesem Augenblick? Warum reagiere ich in dieser Situation so heftig? Wohin komme ich, wenn ich weiter in diese Richtung gehe? Was braucht mein Kind in diesem Augenblick wirklich von mir? Welche Entscheidungsmöglichkeiten stehen mir offen?"
Natürlich ist es ziemlich viel verlangt, in solchen Augenblicken über die Möglichkeit, hier und jetzt unser Herz zu öffnen, nachzudenken. Und das gilt insbesondere, wenn wir uns bereits von der Situation und von unseren tief verwurzelten lebenslangen Gewohnheiten haben mitreißen lassen. Sind wir in der Lage, in solchen Momenten innezuhalten und unsere Impulse wahrzunehmen, ohne sie automatisch ausleben zu müssen?
Eigene Kindheitsmuster tauchen im Elternsein wieder auf
Während unsere Kinder verschiedene Entwicklungsphasen durchleben, können die Dämonen, die uns in ähnlichen Zeiten in unserem eigenen Leben gequält haben, wieder auftauchen. Sie können sich durch ein plötzliches schockartiges Gewahrwerden bemerkbar machen oder wie Wolken oder Nebelschwaden in der Situation präsent sein und nur am Rande unseres Bewusstseins auftauchen. Gewisse Situationen, die uns bereits bekannt sind, können starke Reaktionen bei uns auslösen, die mehr mit uns selbst als mit unseren Kindern zu tun haben. Vielleicht reagieren wir dann mit Härte auf etwas, das ein Kind tut, oder wir ziehen uns aus einer Situation einem bestimmten Verhaltensmuster entsprechend zurück; oder wir empfinden ganz einfach Unbehagen und Angst.
Wenn wir beim Auftauchen solcher beunruhigenden Gefühle auch nur einen einzigen Moment innehalten und genau darauf lauschen, so kann das sehr hilfreich sein. Je stärker uns der betreffende Gefühlszustand erregt, um so schwerer fällt es uns, ihn genau zu untersuchen. Wie sehr uns ein bestimmtes Gefühl aufwühlt, können wir an der Heftigkeit erkennen, mit der wir es beiseite zu schieben versuchen. Zu Anfang ist es manchmal sehr schwer, solche Augenblicke mit Gewahrsein zu erfassen, besonders wenn unsere Ursprungsfamilie unseren eigenen Gefühlen in unserer Kindheit nicht viel Bedeutung beigemessen hat. Vielleicht haben wir dort gelernt, unsere Gefühle unter den sprichwörtlichen „Teppich“ zu kehren.
Selbstreflexion führt Eltern zu innerer Heilung
Machen wir uns ein solches Gefühl wieder bewusst, so wird es für uns zu einem Hinweis, der uns auf etwas Tieferliegendes aufmerksam macht. Vielleicht wird uns diese Bedeutung erst später klar werden, vielleicht erst, nachdem wir wiederholt Erfahrungen gemacht haben, die ähnliche Gefühle zutage fördern. Wenn wir uns die Zeit nehmen, innezuhalten, zu atmen und zu fühlen, eröffnet uns das zumindest die Chance zu erkennen, dass wir auf irgendeine Weise noch immer unter einem alten Zauber stehen, und vielleicht können wir durch eine achtsamere und kreativere Antwort aus diesem Zauberbann erwachen.
In Augenblicken, in denen wir erkennen, was wir tun, in denen es uns gelingt, unsere Reaktion zu verändern, in denen wir uns für ein Verhalten entscheiden, dessen Orientierungsmaßstab das Wohl des Kindes ist, kommt es in uns zu einer Transformation und zu einer Heilung.
Wenn wir die Bedürfnisse unserer Kinder ernst nehmen, so bringen wir dadurch gleichzeitig zum Ausdruck, dass wir unsere eigenen unerfüllten Kindheitsbedürfnisse ernst nehmen. Wenn wir versuchen, gütig statt grausam zu sein, erfahren wir Güte. Sie wird dann für uns real. Wenn wir als Kinder geschlagen worden sind, erfüllt es uns mit tiefer Befriedigung, uns für eine bessere Art des Umgangs mit Konflikten zu entscheiden, als unsere Kinder zu schlagen, wenn uns dieser Impuls überkommt. Wenn wir selbst als Kinder nicht den Schutz und die Fürsorge unserer Eltern genossen haben, fühlen wir uns vielleicht, wenn wir unsere eigenen Kinder schützen und umsorgen, auch selbst geborgener und geschützter.
Wir können in jedem Augenblick neu beschließen, die Panzerung abzulegen, die uns geschützt hat, und uns mit unseren Kindern zu verbünden, indem wir ihnen das Geschenk machen, ihnen gegenüber offenere, mitfühlendere und verständnisvollere Eltern zu sein. Wenn wir uns darum bemühen, werden wir allmählich eine Ahnung davon entwickeln, wie es auch in unserer eigenen Kindheit hätte sein können. Und, was noch wichtiger ist: Wir können in diesem Augenblick die unserem Wesen eigene Freiheit und Verbundenheit nicht nur mit unserem Kind teilen, sondern sie auch in uns selbst erfahren. Wenn wir beschließen, aus einem Teufelskreis auszubrechen, berührt die Kraft der nicht an Bedingungen geknüpften Liebe auch uns selbst. Jedes mal wenn uns das gelingt, kommen wir unserer Ganzheit und unserer Befreiung einen Schritt näher.
Beziehungsmuster im Alltag: Eine Mutter berichtet
Eine Mutter erzählte folgendes:
„Ich erinnere mich an einen Augenblick intensiver Klarheit und Erkenntnis nach der Geburt meines zweiten Kindes. Meine Eltern kamen zu Besuch, und mein älteres Kind hatte Schwierigkeiten und war ziemlich anstrengend, weil das Neugeborene soviel Aufmerksamkeit erhielt. Ich erinnere mich noch gut daran, dass meine Eltern meine ältere Tochter zurechtwiesen, ihr Missfallen zum Ausdruck brachten und sie ermahnten, sich besser zu benehmen. In diesem Augenblick wurde mir klar, dass meine Eltern mich und meine Kinder, solange wir uns ihren Maßstäben entsprechend „nett“ oder „anständig“ verhielten, akzeptierten, dass sie uns aber verurteilten, sobald wir uns wie wirkliche Menschen verhielten. Als mir das klar wurde, ergriff ich ihnen gegenüber offen Partei für meine Tochter. Das war für mich selbst und für meine Tochter ein heilender Augenblick, denn ich stellte mich offen auf ihre Seite und brachte so meine Empathie zum Ausdruck, statt sie zu verraten. Welchen äußeren Eindruck das, was ich in diesem Augenblick tat, hinterließ, ob alles weiterhin „nett“ blieb, war mir weniger wichtig, als dass meine Tochter sich verstanden fühlte.“
Eltern und Großeltern können ihr Kind oder Enkelkind trotz bester Absichten regelrecht verraten. An wie viele Augenblicke aus Ihrer eigenen Kindheit können Sie sich erinnern, in denen Ihre Gefühle von Erwachsenen abgetan, missachtet, lächerlich gemacht, herabgewürdigt oder sogar bestraft wurden? Jede derartige Interaktion mag für sich genommen als trivial und unbedeutend erscheinen („Ach, mach’ doch aus ‘ner Mücke keinen Elefanten!” – „Warum bist du nur so empfindlich?”). Doch sie sind ganz und gar nicht unbedeutend, und wenn sie sich ständig wiederholen, können sie auf das Selbstvertrauen, das Selbstwertgefühl und die Fähigkeit des Kindes zu vertrauen eine katastrophale Wirkung haben.
Kindergefühle ernst nehmen
Eine Mutter fuhr ihren neunjährigen Sohn zusammen mit seinem Freund von der Schule nach Hause. Während der Freund ununterbrochen redete, war ihr Sohn ungewöhnlich still und gab nur hin und wieder eine mürrische, wortkarge Antwort. Sie tadelte ihren Sohn wegen seiner Unfreundlichkeit und sagte, er solle sich doch darüber freuen, dass sein Freund mit ihm nach Hause käme. Nachdem die beiden ungefähr eine Stunde miteinander gespielt hatten, bekam ihr Sohn einen ungewöhnlich starken Wutanfall. Er brüllte, schrie und trat um sich. Daraufhin wurde die Mutter auf ihren Sohn wütend. Erst als sie später noch einmal über die Situation nachdachte, wurde ihr klar, dass es in ihrer eigenen Ursprungsfamilie für außerordentlich wichtig gehalten worden war, sich anderen gegenüber „gut“ zu benehmen und immer höflich zu bleiben. Als sie ihren Sohn wegen seiner Unfreundlichkeit getadelt hatte, hatte sie ihn damit praktisch aufgefordert, seine Gefühle zu unterdrücken und seinem Freund gegenüber freundlich zu sein. Dadurch hatte sie zum Ausdruck gebracht, dass ihr ihre eigenen Gefühle und die Gefühle des Gastes wichtiger waren als die ihres Sohnes.
Auch wurde ihr klar, dass sie auf den Gefühlszustand Ihres Sohnes auf viele verschiedene Weisen hätte eingehen können. Sie hätte dem Freund sagen können, ihr Sohn sei müde und brauche erst ein wenig Ruhe. Sie hätte die Zeit des gemeinsamen Spielens ein wenig verkürzen und den Freund früher nach Hause fahren können, oder sie hätte ihren Sohn vielleicht sogar darin unterstützen können, selbst zu einer Lösung zu kommen, wenn sie seinen Zustand wahr- und angenommen hätte. Statt dessen war sie in ein altvertrautes Verhaltensmuster verfallen, das sie in ihrer eigenen Familie erlernt hatte: Gefühle zu verleugnen, wenn diese nicht „positiv”, höflich und freundlich waren.
Kinder brauchen Aufmerksamkeit – auch von Großeltern
In einer anderen Situation hatte sie ihren Sohn zu einem Besuch bei ihrer Mutter mitgenommen. Die Großmutter hatte gleichzeitig eine ihrer Freundinnen eingeladen. Sie beachtete ihren Enkel überhaupt nicht und unterhielt sich stattdessen angeregt mit ihrer Freundin. Da es in der fremden Umgebung wenig gab, was den Jungen interessierte, langweilte er sich und wurde unruhig. Er lief im Zimmer umher und stieß immer wieder gegen die Möbel. Der Mutter war es peinlich, dass sie ihren Sohn nicht zur Ruhe bringen konnte. Deshalb packte sie ihn schließlich ungehalten und ging mit ihm nach Hause. Sie war wütend und tadelte ihn wegen seines schlechten Benehmens und weil er auch auf ihre Aufforderung hin nicht damit aufgehört hatte. Er schaute sie entrüstet an und sagte: "Aber Mami, die Omi hat nicht einmal mit mir geredet!"
Plötzlich fiel es der Mutter wie Schuppen von den Augen, denn ihr wurde klar, dass sie ihren Sohn in die gleiche Situation gebracht hatte, in der sie selbst als Kind immer wieder gewesen war. Ihre Mutter hatte ihre Gefühle und Bedürfnisse immer wieder ignoriert und von ihr erwartet, dass sie höflich, freundlich und „vernünftig” bliebe. Ihre Mutter hatte sich keinerlei Mühe gegeben, Kontakt zu ihrem Enkelkind aufzunehmen und sich mit ihm zu beschäftigen. Als der Junge dann auf eine für ein aktives, lebhaftes Kind völlig normale Weise reagierte, wurde er mit Vorwürfen überhäuft. Doch die Mutter des Jungen war nicht auf die Großmutter, ihre eigene Mutter, wütend geworden, sondern auf ihren Sohn, und so hatte sie die Familiensituation wiederholt, unter der sie selbst in ihrer Kindheit gelitten hatte. Ihr Sohn hatte bemerkt, dass seine Großmutter ihn ignorierte. Der Mutter hingegen war das entgangen, bis ihr Sohn sie darauf hingewiesen hatte. Auch dieses Beispiel zeigt, dass unsere Kinder uns wichtige Dinge lehren können, wenn wir bereit sind, ihnen zuzuhören und von ihnen zu lernen.
Als sie später darüber nachdachte, wurde ihr klar, dass es wohl unrealistisch wäre, zu erwarten, dass sich ihre Mutter noch ändern werde. Sie beschloss, beim nächsten Besuch für den Sohn Spielsachen mitzunehmen oder sich mit ihr im Park zu treffen oder darauf zu bestehen, dass sie zu ihr zu Besuch käme. Außerdem tat sie etwas, das sehr wichtig war, um das Vertrauensverhältnis zu ihrem Kind wiederherzustellen. Sie gestand sich ein, dass sie Unrecht gehabt hatte, und entschuldigte sich bei ihrem Sohn dafür, dass sie wütend auf ihn geworden war und ihm so in einer für ihn ohnehin schwierigen Situation das Leben noch schwerer gemacht hatte. Indem sie ihm zu verstehen gab, dass sie wusste, wie schrecklich die Situation für ihn gewesen war, schuf sie die Voraussetzung dafür, dass er wieder Vertrauen zu ihr entwickeln konnte, und außerdem bestärkte sie ihn darin, seinen eigenen Gefühlen zu vertrauen. Hätte sie seine Gefühle weiterhin geleugnet oder heruntergespielt, so hätte sie ihrem Sohn dadurch vermittelt, dass irgend etwas mit ihm nicht stimmt, wenn er sich so fühlt – ein Verhalten, das Menschen verrückt machen kann.
Eltern wachsen nicht durch Selbstverurteilung
So sehr wir uns auch bemühen mögen, achtsam und präsent zu sein, wir werden immer wieder in automatische, unbewusste Verhaltensweisen verfallen. Wenn das geschieht, sollten wir uns bei unserem Kind entschuldigen und ihm zu verstehen geben, dass uns klar ist, wie schmerzhaft diese Erfahrung war. Allerdings werden diese Entschuldigungen manchmal zu häufig, und sie kommen uns zu leicht über die Lippen. Hin und wieder ist es vielleicht besser, dass wir uns das Geschehene schweigend bewusst machen und uns dann innerlich fest vornehmen, in Zukunft achtsamer zu sein. Oder wir sagen, wenn wir uns auf frischer Tat ertappen, zu unserem Kind etwas wie: „Lass uns noch einmal von vorn anfangen” oder „Versuchen wir es noch einmal”, und dann tun wir das. Auf diese Weise können wir eine Vertrauensbeziehung stärken oder wieder aufbauen.
Wenn wir uns der einschränkenden und destruktiven Verhaltensmuster bewusst werden, die wir als Kinder in unserer Ursprungsfamilie erlebt und erlernt haben, Erfahrungen der Trauer, Wut und Entfremdung, die wir in unserer Kindheit gemacht haben, so kann das zwar sehr schmerzhaft sein, aber es ist andererseits auch sehr nützlich, denn wir können dieses neu gewonnene Gewahrsein nutzen, um im Umgang mit unseren eigenen Kindern weisere Entscheidungen zu treffen.
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Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe: April 2003
Aus dem Buch:
"Mit Kindern wachsen – Die Praxis der Achtsamkeit in der Familie" von Myla & Jon Kabat-Zinn




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