Hebammen und Doulas

Immer wieder lese und höre ich davon, dass Hebammen Doulas als Konkurrenz empfinden. Doch dies entspricht keineswegs meinen persönlichen Erfahrungen. Ich gehe offen und freundlich auf Hebammen zu, wenn ich eine Frau zur Geburt begleite, ich zeige ihr, dass ich ihre Arbeit schätze und mein Interesse den Bedürfnissen der Gebärenden gilt und ich kein Interesse daran habe, in ihren Aufgabenbereich einzudringen. Sollte es Vorurteile geben, möchte ich damit gerne aufräumen und der Frage nachgehen, ob es Überschneidungen in den Tätigkeitsfeldern von Hebammen und Doulas gibt.
Bericht einer jungen Mutter
„Die Hebamme hat in der Schwangerschaft immer danach geschaut, ob es meinem Baby gut geht, mir vieles erklärt und Tipps gegeben, wie ich mich auf die Geburt vorbereiten kann. Aber immer wieder kamen Fragen auf, Ängste, Unsicherheiten, vor allem nach einem Termin bei meinem Gynäkologen. So häufig wie ich es gebraucht habe, wollte ich die Hebamme nicht anrufen. Sie hatte ja noch andere Frauen in der Vorsorge, gab Kurse und wurde als Beleghebamme zu Geburten gerufen.
Ich brauchte Erfahrungsaustausch, nicht die negativen Geburtsgeschichten meiner Bekannten, sondern jemanden, der mir zuhörte, mich verstand, mich aufmunterte, mich bestärkte und mir einen Weg zu meiner Intuition zeigte – und das war die Doula. Während der Geburt war sie immer an meiner Seite, umsorgte meinen Mann und mich, sprach uns Mut zu, wenn die Wehen aussetzten, spielte mit uns Karten, brachte meinem Mann Kaffee und eine Kleinigkeit zu essen, zeigte ihm eine wunderbare Unterstützungstechnik mit einem Schal, die mir sehr gut tat und uns beide in den Wehen miteinander verband.
„Die Doula kannte alle meine Ängste und auch meine Wünsche, das gab mir ein gutes Gefühl!“
Und sie war gerade auch in der Zeit so unglaublich wichtig, als die Hebamme nicht im Kreißsaal war. Die Doula zeigte mir nicht den „richtigen Weg“ durch die Wehen, sie half mir dabei, ihn selber zu finden. Am Ende der Geburt stand sie an meiner Seite, ich schaute ihr tief in die Augen, das gab mir unendlich viel Kraft. Mein Mann drückte ganz fest meine Hand, flüsterte mir schöne Dinge ins Ohr und die Hebamme half mir mit ihren ermutigenden Zurufen über die schlimmste Zeit hinweg, als ich dachte, es würde nicht mehr weitergehen. Sie nahm unser Kind in Empfang und legte es ganz achtsam vor mich auf den Boden in ein warmes Handtuch und ließ mir Zeit, bis ich mein Baby zu mir auf den Arm nahm. Ich brauchte dieses Team um mich herum und alle haben sich wunderbar ergänzt.“
Sind Doulas Konkurrentinnen von Hebammen?
Doulas können von ihrer Arbeit nicht leben, es ist ein Herzensdienst, nicht einmal ein „Nebenverdienst“, denn sie begleiten im Jahr durchschnittlich nur 4-6 Frauen. Sie werden nicht von den Krankenkassen bezahlt. Somit sind und bleiben sie unabhängig! Die Krankenkassen übernehmen nur einen Anteil der Kosten für eine Hausgeburt oder eine Geburt im Geburtshaus. Hier müssen die werdenden Eltern einen Betrag von 250-500 Euro zuzahlen.
Auch die Doula müssen werdende Eltern aus eigener Tasche finanzieren. Hier merken einige Hebammen an, dass dies die „Zweiklassen-Gesellschaft“ begünstigen würde, da nicht alle werdenden Eltern in der Lage sind, die Kosten für eine Doula zu tragen. Der Vereinszweck von Doulas in Deutschland e.V. ist, finanziell schwächer gestellten Frauen eine Doula-Begleitung zu ermöglichen und so kann die Kostenübernahme der Doula beim Verein beantragt werden. Diese wird durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und Sponsoren finanziert.
Die von Doulas angebotene „Pauschale“ von durchschnittlich 500 Euro enthält Vorgespräche, Rufbereitschaft rund um die Uhr zwei Wochen vor und nach dem errechneten Termin, kontinuierliche Begleitung von den ersten Wehen bis einige Stunden nach der Geburt des Babys, ein Geburtsbericht und Nachgespräche. Steuern fallen selbstverständlich auch auf diese geringe Pauschale an.
Doulas schließen eine Versorgungslücke
Somit stehen Doulas auch finanziell nicht in Konkurrenz zu Hebammen. Die Paare, die eine Doula engagieren, verzichten deshalb nicht auf eine Hebamme, im Gegenteil. Oftmals erfahren schwangere Frauen von der Doula, dass sie auch bei der Hebamme alle Vorsorgeuntersuchungen (bis auf den Ultraschall) vornehmen lassen können.
Dass der Bereich der Geburtshilfe schon seit Jahrzehnten "krankt" wissen wir nicht erst, seit es in Deutschland Doulas gibt. Wahrscheinlich ist es eher so, dass durch das Erscheinen der Doulas Probleme offensichtlicher werden, die vorher einfach unter den Teppich gekehrt wurden!
Doulas schließen eine Versorgungslücke und wenn es die nicht gäbe, würden die Frauen auch nicht nach so etwas Unbekanntem wie Doulas suchen und engagieren. Gerade Frauen, die ihre zurückliegende Geburt als negativ bzw. traumatisch empfunden haben und nun erneut schwanger sind, suchen eine Doula und entscheiden sich ganz bewusst für eine sie unterstützende, erfahrene Vertrauensperson. Überall trifft man auf Frauen, die unzufrieden und unglücklich über ihre Geburtserfahrungen sprechen: im Stillcafé, auf dem Spielplatz, im Freundeskreis - es ist die Mehrheit der Frauen, die sagen: eigentlich war die Geburt nur deshalb "schön", weil ich danach mein Baby in Armen hielt.
Das Geburtserleben und die Erfahrungen von Müttern stehen im Mittelpunkt
„Meine Selbstbestimmtheit, meine Kraft und meine eigene Kompetenz ein Kind zu gebären habe ich nicht erleben dürfen. Das wurde mir erst hinterher so richtig klar. Ich unterlag einem Ablauf und musste mir von anderen sagen lassen, wie und was ich wann zu tun hätte. Ich konnte so nie meiner Intuition folgen! Und das zu wissen, macht mich unglücklich“, so eine junge Mutter, die mir ihre Geburtsgeschichte erzählte.
Bei allem Verständnis für die Problematik des Hebammenberufstandes, darf nicht das Geburtserleben und die Erfahrungen von Müttern vernachlässigt werden, welche unter dem derzeitig vorherrschenden klinischen Geburtshilfesystem leiden. Und dass dem so ist, sehen auch viele Hebammen, wie in Fachzeitschriften nachzulesen ist.
Hebammen dürfen nicht nur sehen, dass unser Kassensystem ihnen das (Über-)leben erschwert und auf der anderen Seite übersehen, dass es wohl niemals zu einer (von ihnen geforderten) Eins-zu-Eins-Betreuung in der Klinik kommen wird, denn es werden von diesem „kranken System“ nicht so viele Hebammen in Kliniken eingestellt und bezahlt werden.
Hausgeburten und Geburten im Geburtshaus
Das geburtshilfliche medizinische System und nicht zuletzt die Pharmalobby sieht leider gar keinen Bedarf an Hausgeburten und Geburten in Geburtshäusern, im Gegenteil – es wird den engagierten Hebammen nahezu unmöglich gemacht, diese Form der Geburtshilfe anzubieten. Und somit haben die Frauen weniger Wahlmöglichkeit, wo und wie sie ihr Kind gebären möchten.
Ein gutes Geschäft - die Geburtstechnologie
In diesem sensiblen Bereich „Schwangerschaft und Geburt“ wird heutzutage sehr viel mit Angst gearbeitet; wir haben unglaublich viele Tests in der Pränataldiagnostik, welche als „IGEL-Leistung“ an die frau gebracht werden! 3D- und 4D-Ultraschall-Untersuchungen, die als „Baby-schauen“ den werdenden Eltern „verkauft“ werden (die Anschaffung eines solchen Gerätes ist mit Kosten von ca. 140.000 Euro verbunden und die Amortisierung kann nur durch eine erhöhte Anzahl von Ultraschall-Untersuchungen erreicht werden), ohne dass irgendein Hersteller bisher bewiesen hätte, dass diese Untersuchungen tatsächlich unschädlich für das Kind sind und keine Erkrankungen verursachen.
Im Zuge dieser „hochtechnisierten“ Geburtstechnologie erhöhte sich in den vergangenen Jahren die Anzahl der sogenannten „Risikoschwangeren“ signifikant. Während 1990 in Deutschland 34 % der Frauen als „risikoschwanger“ eingestuft wurden, waren es im Jahr 2002 unglaubliche 65 %. Innerhalb von 12 Jahren verzeichnen wir einen Anstieg der Risikoschwangeren von 31 %. Ich gehe davon aus, dass die Anzahl der betroffenen Frauen bis zum Jahr 2012 weiter gestiegen ist. Und diese Zahlen alleine durch „alte Erstgebärende“ zu begründen ist unhaltbar.
Tatsächlich erschließt sich dabei ein ungeahnt profitabler Wirtschaftszweig in Form von den bereits angesprochenen IGEL-Leistungen, häufigen Kontrollen mittels Ultraschall, Überweisung an entsprechende Spezialisten und den Einsatz von diagnostischen Mitteln, beispielsweise der Fruchtwasseruntersuchung.
Also scheint Schwangerschaft und Geburt eine sehr gefährliche und riskante Angelegenheit zu sein. Kein Wunder, dass es Frauen vermeintlich „sicher“ erscheint, in einer Klinik zu entbinden. Schade und eigentlich dramatisch, denn früher hieß es für Schwangere noch „in guter Hoffnung sein“ oder auch „Schwangerschaft ist keine Krankheit“! Dies ist laut Ethnologen ein Grund dafür, dass immer weniger deutsche Frauen Kinder bekommen möchten.
Stärken der originären Hebammenarbeit
Wir brauchen gut ausgebildete, engagierte und organisierte Hebammen, um in der Geburtshilfe eine Trendwende zu erreichen. Doch der Berufsstand der Hebamme ist gesellschaftlich wenig anerkannt, sodass sie in der männlich geprägten Hierarchie immer unter dem „Doktor“ steht. Jedoch übersieht man bzw. frau dabei, dass ein Arzt Krankheiten erkennen und behandeln kann, die Hebamme jedoch die Gesunde begleitet und betreut und das Kranke erkennt und an einen Arzt weiterleitet.
Hebammen werden leider für ihre Arbeit, für die Verantwortung, die sie tragen, weder anerkannt noch ausreichend honoriert. Traurig, aber wahr!!! In den vergangenen Jahrzehnten wurde ihnen immer mehr ihrer originären Arbeit weggenommen und durch Ersatzbeschäftigung (z.B. die viele Dokumentation) ersetzt.
Und nun kommen auch noch Doulas, die keine (medizinische) Verantwortung tragen und sich ausschließlich um die schwangeren/gebärenden Frauen kümmern. Das ist hart für Hebammen, denn eigentlich möchten sie diese Aufgabe gerne übernehmen!
Historische Aufzeichnungen und Bilder belegen: mehrere Frauen unterstützten die Gebärende
Wenn wir jedoch zurückblicken, gab und gibt es in vielen Kulturen immer mehrere Frauen, die sich um die Gebärende und ihre Bedürfnisse kümmern, da sehen wir nicht nur eine einzige Frau, die Hebamme, sondern immer mehrere Frauen. Und das ist auch gut so! Ein Kreis von Unterstützerinnen!
Was Hebammen leisten
Es gibt sicherlich eine gewisse Anzahl von Klinik-Hebammen, die zufrieden sind, wo und wie sie arbeiten (vor allem in den babyfreundlich zertifizierten Kliniken) und dort einiges bewegen, was leider andernorts nicht durchführbar scheint. Und es gibt unzufriedene Hebammen in den (großen) Kliniken (mit engem Personalschlüssel), die gerne anders arbeiten würden als es ihnen möglich ist. Immer mehr kleine Kliniken schließen oder werden mit anderen Kliniken zusammengelegt.
Leider erleben wir auch Hebammen, die ihre Arbeit mit den Gebärenden als Routine ansehen und den Zauber dieses besonderen Moments nicht mehr wahrnehmen und durch ihre vorgegebenen Routineabläufe stören, wenn nicht gar zerstören. Hervorzuheben sind sicherlich einige wenige engagierte, am Rande des Burn-outs arbeitende Hausgeburtshebammen, vor denen wir alle unseren Hut ziehen können, da sie Frauen die Wahlmöglichkeit erhalten, nicht in der Klinik entbunden zu werden.
Was lernen diese jungen Frauen an den Hebammenschulen heutzutage? Pathologische Verläufe? Krisenintervention? All das, was es in einem klinischen System braucht? Eine Geburt in max. 12 Stunden zu leiten und "abzuwickeln", damit die Klinik rentabel und wirtschaftlich arbeitet? Und diejenigen Hebammen, die das nicht aushalten, gehen dann als Konsequenz in die Freiberuflichkeit?
Es bräuchte wohl mehr als eine Reform! Und zwar eine Reform geleitet und geführt von erfahrenen Hebammen, die ihr Wissen/Können teilen. Und für die Hebammenschülerinnen vielleicht auch mehr als nur ein paar Wochen Praxiszeit bei Hausgeburtshebammen, um einen wirklichen Einblick in "Hebammenkunst" zu erhalten, die tatsächlich nirgends gelehrt wird und natürliche, selbstbestimmte Geburten zu erleben, damit sie um die Kraft der Frauen wissen und sie darin auch bestärken können.
Traditionelle Hebammenkunst
Im Internet stieß ich auf eine Fortbildung mit dem Titel „Traditionelle Hebammenkunst“. Ich war bisher davon ausgegangen, dass genau diese Inhalte in der Hebammenausbildung vermittelt werden. Aber dem scheint nicht so zu sein. Diese Fortbildung für Hebammen ist zeitaufwändig, kostet viel Geld und muss von den engagierten Hebammen selbst getragen werden. Schön, dass es überhaupt noch Hebammen gibt, die dieses Wissen bewahren und weitergeben. Aber wäre es nicht sinnvoller, dies in die Hebammenausbildung zu integrieren und die entsprechenden Referentinnen einzuladen, ihr Wissen zu vermitteln?
Hebammen brauchen und wünschen sich Unterstützung insbesondere von denjenigen Müttern, die sie betreut haben. Viele meiner Bekannten und Freundinnen haben in den vergangenen Monaten die Hebammenprotest-Infos per Email verschickt, auf Facebook geteilt und andere zur Mithilfe aufgerufen, z.B. Petitionen zu unterschreiben. Modernes Networking! Doulas sind Mütter, wir achten die Hebammenarbeit und unterstützen die Proteste und Forderungen der Hebammen für eine bessere Entlohnung und Anerkennung ihrer Verantwortung. Dies tun wir in erster Linie als Mütter unserer Töchter und Schwiegertöchter, unserer Nachkommen, damit diese auch in Zukunft Hebammenhilfe erhalten und den Geburtsort frei wählen können.
Eine Synergie von Hebammen und Doulas könnte wichtige Veränderungen in der Geburtshilfe bewirken
Ich rege hiermit einen Dialog- und Arbeitskreis von Hebammen und Doulas an. Ein schöner gemeinsamer Leitspruch wäre der von Dr. Willibald Pschyrembel: „Man muss in der Geburtshilfe viel wissen, um wenig zu tun!“ Denn es liegt sowohl im Interesse von Hebammen als auch von Doulas schwangere Frauen darin zu bestärken, ihren eigenen Weg zu gehen und sie an ihre Gebärkompetenz zu erinnern. Und mehr braucht es oft nicht! Dr. Alfred Rockenschaub sagte einmal, dass es für Ärzte und auch Hebammen oft sehr schwer wäre zu erkennen, dass sie bei vielen Geburten all ihr Können und ihre "Werkzeuge" nicht einzusetzen brauchen, um den Dingen ihren natürlichen Lauf zu lassen... denn dabei kämen sie sich unnütz vor und aus diesem Gefühl heraus würde oft gehandelt und interveniert, obwohl dies völlig unnötig gewesen wäre. Diese bedeutsame Erkenntnis fordert medizinisches Eingreifen nur dann, wenn es absolut notwendig ist! Und dann sind wir heilfroh, wenn es uns zur Verfügung steht.

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