Kinder erziehen - Ein Werk der Liebe
Aktualisiert: vor 4 Tagen

Häufig sind wir als Eltern einfach müde. Wir haben drei Kinder und finanzielle Probleme oder eine unglückliche Ehe, und wir haben nicht gut geschlafen. All dies beeinflusst die Art und Weise, wie wir mit unseren Kindern umgehen. Vielleicht haben wir auch Stille und Ganzheit in unserer eigenen Kindheit entbehrt und nicht gelernt, wie wir uns schätzen und lieben können. Damit wir trotzdem in unserem Alltag bestehen können, empfiehlt Jack Kornfield Gewahrsein, Geduld und Hingabe auf dem Fundament der Achtsamkeit.
Wir erleben heute nicht nur eine ökologische Krise, wir haben auch das Problem von Obdachlosigkeit und Hunger. Zudem beobachten wir eine Krise der Erziehung, und zwar im Hinblick auf die Rolle, die Eltern dabei spielen. Das ist der versteckte Preis, den wir für die moderne Konsumgesellschaft zahlen. Das, was zum Verlust der Verbindung zur Natur, zum Verlust von Gemeinschaft und Gemeinde und zum Verlust der Werte des Herzens führt, das hat auch die Krise der Erziehung herbeigeführt.
An manchen Tagen finde ich es schrecklich, in den Supermarkt zu gehen. Da sehe ich dann einen zweijährigen Jungen, der neben seinem Vater oder seiner Mutter hergeht und zufällig etwas umstößt. Sofort drehen sich die Eltern um, geben dem Kind eine Ohrfeige und schreien: „Mach das bloß nicht noch einmal!“ Und das arme Kleinkind schreckt zusammen und versteht überhaupt nichts. „Was wollen die denn von mir?“ fragt es sich. „Ich lerne doch gerade erst Gehen. Es war ein Missgeschick.“ Genau in diesem Moment lernt das Kind, dass es „böse“ ist, und es lernt auch, dass man dann, wenn man nicht mag, was passiert, jemand anderen schlägt.
Es ist nicht so, dass diese Eltern ihre Kinder nicht lieben, aber sie wissen nicht, was sie tun sollen. Selbst wenn man nicht direkt solche Beispiele schlechter Erziehung miterlebt, sieht man den Kindern doch deren Auswirkungen an.
„Mache ich es richtig?" oder "Mache ich alles falsch?“
Ab und zu helfe ich in der Grundschulklasse meiner Tochter aus; nahezu die Hälfte dieser Kinder wird von alleinerziehenden Elternteilen betreut. Wenn ich im Klassenzimmer arbeite, dann sehe ich Kinder, die inmitten von Familienkrisen leben oder die hauptsächlich mit Fernsehen und Junk Food aufwachsen. Man kann ihren Schmerz, ihre Ängste, ihre Verwirrung und ihre Selbstzweifel spüren.
Andererseits gibt es eine Reihe von Kindern, die unter dem Syndrom des „zur Eile angetriebenen Kindes“ leiden. Das sind die Kinder, deren Eltern schon vor dem Kindergarten Druck ausüben, damit sie erfolgreich werden, so dass sie dann mit acht Jahren bereits einen Arzt aufsuchen müssen, weil sie unter Stresssymptomen, Erschöpfung und der Angst leiden, dass sie es nicht schaffen werden, auf eine Eliteuniversität zu kommen. Aber niemand sollte Eltern im Supermarkt oder auf dem Spielplatz auf die Behandlung ihrer Kinder ansprechen. Ja, man sollte nicht einmal mit den Eltern der Klassenkameraden der eigenen Kinder darüber sprechen. Ich habe festgestellt, dass Kommentare zum Umgang von Eltern mit ihren Kindern stärker tabuisiert sind, als Fragen zu ihrem Sexualleben oder zu ihrem Einkommen. Es ist so, als wären Kinder Besitztümer, und viele Eltern glauben: „Ich kann mit meinem Besitz machen, was immer ich für richtig halte.“ Und dennoch sind die meisten Eltern gleichzeitig von massiven Schuldgefühlen, Sorgen, Schmerzen und Ängsten befallen: „Mache ich es richtig? Mache ich alles falsch?“
Als Eltern wiederholen wir normalerweise das, was uns selbst angetan wurde. Wir handeln so, wie wir von unseren eigenen Eltern und der uns umgebenden Kultur konditioniert wurden. Unsere Kindererziehung läuft automatisiert ab, sofern wir nicht bewusst einen anderen Weg wählen.
Moderne Erziehung - ohne Grosseltern und Gemeinschaft
Die postindustrielle Kultur hat uns vor die Aufgabe gestellt, unsere Kinder außerhalb einer Gemeinschaft von Nachbarn und Älteren zu erziehen. Es sind nicht mehr so viele Großeltern verfügbar – sie leben alle irgendwo anders, oder sie arbeiten, wie auch die meisten Eltern, im Büro oder in der Fabrik. Es stehen auch nicht viele Onkel und Tanten zur Verfügung, die sich um die Kinder kümmern könnten, wenn die Eltern überlastet sind, oder die die Teenager aufklären könnten (damit sie sich nicht auf der Straße aufklären lassen müssen) und ihnen dabei helfen könnten herauszufinden, was es heißt, ein erwachsener Mann oder eine erwachsene Frau zu sein und zu einem produktiven Mitglied der Gemeinschaft zu werden. Es gibt keine Gemeinschaft älterer Menschen, von denen wir Geschichten hören und Praktiken lernen könnten, die uns mit unserem menschlichen Erbe, unseren Instinkten und unserem Herzen verbunden halten.
Anstatt Dorfälteste zu befragen, haben sich amerikanische Eltern verschiedenen „Experten“ zugewandt sowie den Moden oder Theorien, die diese ausgebrütet haben. In den zwanziger Jahren hat eine einflussreiche Schule der Kinderpsychologie den Eltern tatsächlich weisgemacht, dass es schlecht sei, ihre Kinder zu berühren. Mehrere Jahrzehnte später lasen Eltern in den gesamten Vereinigten Staaten Bücher, die ihnen einbläuten, Säuglinge alle vier Stunden mit der Flasche (nicht mit der Brust) zu füttern und sie nicht aufzunehmen, wenn sie schrien, sondern sie sich einfach „ausschreien“ zu lassen.
Andere Kulturen wissen, dass Kinder, wenn sie schreien, dies aus einem bestimmten Grund tun. Sie wissen, dass man sie dann aufnehmen und füttern, halten oder trösten sollte. Man muss wirklich gegen seine eigenen Instinkte ankämpfen, um einen weinenden Säugling nicht auf den Arm zu nehmen.
Selbsthass und Wertlosigkeit - Wenn Kinder keine liebevolle Bindung erfahren
Dennoch scheint uns unsere Kultur häufig zu vermitteln, dass wir unsere Instinkte ignorieren und unserer Intuition misstrauen sollen. Die Folge davon ist, dass viele Kinder, die in unserer Gesellschaft aufgewachsen sind, keine Bindung zu einem Erwachsenen erlebt haben. Einer der schmerzlichen Kommentare zu dem, was wir kollektiv mit unseren Kindern anstellen, stammt von John Gatto anläßlich seiner Ernennung zum Lehrer des Jahres für die Stadt New York. Bei der Verleihungszeremonie geißelte er seine Zuhörer in Anwesenheit des Bürgermeisters, der Schulbehörde und tausenden Eltern wegen des „Seelenmords“ an Millionen von schwarzen und Latino-Kindern. Er forderte sein Publikum heraus, sich die Auswirkungen der amerikanischen Kultur auf unsere Kinder anzuschauen:
„Denken Sie an die Dinge, die uns als Nation umbringen: Drogen, hirnloses Konkurrenzdenken, Sex als Freizeitsport, die Pornographie der Gewalt, Glücksspiele, Alkohol und die schlimmste Pornographie von allen – ein Leben, das dem Kaufen von Dingen gewidmet ist, dem Anhäufen als Philosophie. All das sind Süchte von abhängigen Persönlichkeiten – und genau diese Dinge sind es, die unsere Art von Schulbildung unausweichlich in der nächsten Generation produziert.“
Als der Dalai Lama einmal mit einer Gruppe westlicher Psychologen sprach, sagte er, er könne nicht verstehen, warum im Westen so viel über Selbsthass und Gefühle von Wertlosigkeit gesprochen würde. Er war so erstaunt, dass er im Raum umherging und jeden einzelnen fragte: „Empfinden Sie manchmal Selbsthass und Wertlosigkeit?“ – „Ja.“ – „Empfinden Sie diese Dinge?“ – „Ja.“
Jeder einzelne im Raum nickte zustimmend. Er konnte es nicht glauben, und er konnte auch nicht glauben, dass wir in einer Kultur leben, in der die Menschen hauptsächlich über ihre Schwierigkeiten mit ihren Eltern sprechen, anstatt ihre Eltern zu ehren.
Liebevolle Fürsorge von Anfang an stärkt Kinder
Stellen Sie das den Geschichten der gesunden Kindheit der Menschen zu Buddhas Zeit gegenüber. Der Buddha selbst wurde von der Schwester seiner Mutter aufgezogen, nachdem seine Mutter gestorben war, und man gab ihm all die Pflege, Fürsorge, Aufmerksamkeit und den natürlichen Respekt, die jedes Kind benötigt. Als er dann später sein Heim verließ, um als Yogi zu praktizieren, besaß er genügend innere Stärke und Integrität, um sich sechs Jahren intensiver asketischer Praxis unterwerfen zu können - er folgte jeder asketischen Praxis in dem Bemühen, sich von seinen Begierden und Ängsten zu befreien, seinen Zorn zu überwinden und Herrschaft über seinen Körper und Geist zu gewinnen. Die Härte seines Lebens brachte ihn fast um, aber es gelang ihm trotzdem nicht, im Kampf gegen sich selbst erfolgreich zu sein.
Vollkommen erschöpft setzte er sich nieder, und es kam ihm eine Vision aus seiner Kindheit, die ihn direkt auf den Pfad der Erleuchtung führte. Er erinnerte sich daran, wie er als kleiner Junge im Garten seines Vaters unter einem Rosenapfelbaum gesessen hatte. Er erinnerte sich, dass er dort gesessen und ein Gefühl von Stille und Ganzheit erlebt hatte, einen Zustand großer Sammlung und wunderbaren Wohlbefindens.
Es wurde ihm daraufhin bewusst, dass er in seiner Praxis die falsche Richtung eingeschlagen hatte und dass die Grundlage für ein spirituelles Leben das Wohlbefinden ist – nicht der Kampf gegen den eigenen Körper, das eigene Herz und den eigenen Geist. Aus dieser Einsicht heraus entdeckte er den „Mittleren Weg“, der weder in Selbstverleugnung noch in Selbstverwöhnung besteht. Also begann er, wieder Nahrung aufzunehmen und sich um sich selbst zu kümmern. Seine Stärke kehrte zurück, seine Visionen kehrten zurück, seine Liebende Güte kehrte zurück, und schließlich wurde er erleuchtet.
Fehlende Geborgenheit in der Kindheit aufarbeiten
Der Buddha kannte diese Vision des Wohlbefindens aus seiner Kindheit und konnte in seiner Praxis darauf zurückgreifen. Die meisten von uns haben jedoch als Kinder keine solche Erfahrung gemacht. Und so verbringen wir Jahre unserer spirituellen Praxis damit, mit Trauer, dem Gefühl von Wertlosigkeit, mit Urteilen, Selbsthass, Missbrauch, Sucht und Wut zurechtzukommen. Für Meditierende in unserer Kultur ist das normal. Natürlich zielt die spirituelle Praxis auch darauf ab, uns mit der tiefen Trauer, dem Leiden und dem Schmerz der Welt zu konfrontieren, aber für uns Menschen des Westens besteht ein Großteil unseres Schmerzes in einem Loch in unserer Seele, einem leeren Raum in uns selbst, etwas, das sich danach sehnt, verbunden zu sein und Nähe und Liebe zu erfahren.
Wir alle sind damit in dem Maße konfrontiert, wie wir in unserer Kindheit das Gefühl von Wohlbefinden vermisst haben. In der nächsten Generation wird dieses Leiden sogar noch stärker um sich greifen, sofern es uns nicht gelingt, heilsame Weisheit in die Kindererziehung hineinzubringen.
Kinder erziehen ist ein Werk der Liebe. Es ist ein Pfad des Dienens und der Hingabe, und wie die Praxis eines Buddhas oder eines Bodhisattvas erfordert es Geduld, Verständnis und eine ungeheure Opferbereitschaft. Es ist auch ein Weg, uns wieder mit dem Geheimnis des Lebens und mit uns selbst zu verbinden.
Kinder geben uns die Gelegenheit aufzuwachen, damit wir uns selbst, unser Leben und das Mysterium um uns herum mit erneuertem Gewahrsein anschauen können.
Achtsamkeit im Alltag als Erziehungsprinzip leben
Schauen wir uns die Kindererziehung einmal im Geiste von Buddhas Unterweisungen über Achtsamkeit an. Wir sind angehalten, unsere Aufmerksamkeit der Ein- und Ausatmung zuzuwenden, gewahr zu sein, wenn wir aufstehen, uns vorbeugen, uns strecken oder uns vorwärts beziehungsweise zurück bewegen. Man hält uns an, gewahr zu sein, wenn wir essen oder sitzen oder zur Toilette gehen, gewahr zu sein, wann der Geist eng, ängstlich oder in Aufruhr ist, und schließlich gewahr zu sein, wann der Geist ausgeglichen ist und Gleichmut, Verständnis und Frieden ausstrahlt, während wir lernen loszulassen.
Damit wir unser Gewahrsein weiterentwickeln können, empfiehlt der Buddha, in Meditation zu sitzen, zu üben, indem wir die ganze Nacht lang aufrecht sitzen und die Krankheit des Körpers und des Alterns beobachten, indem wir liebevolles Mitgefühl mit dem Leiden aller Wesen entwickeln und ihnen Weisheit und Mitgefühl entgegenbringen.
Nehmen wir einmal an, der Buddha gäbe Anweisungen dazu, wie wir die Kindererziehung als Praxis verwenden können. Das wären ganz ähnliche Unterweisungen. Sei in Bezug auf den Körper deiner Kinder genauso achtsam wie in Bezug auf deinen eigenen. Sei gewahr, wie sie gehen und essen und zur Toilette gehen. Und statt dann die ganze Nacht in Meditation zu sitzen, sitzen wir die ganze Nacht am Bett der Kinder, wenn sie krank sind. Spüren Sie, wann die Kinder Angst haben und wann es an der Zeit ist, sie zu halten oder sie mit Liebender Güte und Mitgefühl zu trösten. Erlernen Sie Gewahrsein, Geduld und Hingabe. Seien Sie Ihrer eigenen Reaktionen und Ihrer Gier gewahr.
Lernen Sie, immer wieder loszulassen, wenn Ihre Kinder sich verändern. Geben Sie großzügig an den Garten der nächsten Generation weiter, denn dieses Geben und dieses Gewahrsein sind der Pfad des Erwachens.
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Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe: Heft Januar 2007
Aus dem Sammelband
"Die Flügel der Freiheit", herausgegeben von Sharon Salzberg.




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