Vier Prinzipien bewusster Elternschaft
Aktualisiert: vor 4 Tagen

Wir wollen für unsere Kinder nur das Beste. Doch manchmal ist es nicht leicht zu entscheiden was das Beste für sie ist. Neben der Achtsamkeitspraxis, schlägt Jack Kornfield vier Prinzipien vor, die uns helfen sollen unsere Kinder in ihrer Entwicklung zu unterstützen. So können wir lernen ihnen zuzuhören und Respekt entgegenzubringen, ihnen etwas zu zeigen und sie bedingungslos zu lieben.
Neben der Praxis der Achtsamkeit möchte ich Ihnen vier weitere Prinzipien bewusster Elternschaft nennen: aufmerksames Zuhören, Achtung, Integrität und Liebende Güte.
Das Prinzip des Zuhörens
Das Prinzip des aufmerksamen Zuhörens bedeutet, dem Dao der Jahreszeiten zuzuhören, unserer menschlichen Intuition, unseren Instinkten und unseren Kindern zu lauschen.
Eine Geschichte über das Zuhören
Ein fünf Jahre alter Junge schaute sich während des Krieges im Kosovo zusammen mit seinem Vater die Nachrichten an. Der Junge stellte seinem Vater immer wieder Fragen: „Wie groß ist der Krieg? Wann hat er angefangen? Was ist Krieg?“ Der Vater versuchte zu erklären, warum Nationen in den Krieg ziehen, warum einige Menschen meinen, dass Kriege notwendig seien, und andere denken, sie seien verkehrt. Aber der Junge stellte Abend für Abend immer wieder dieselben Fragen. Schließlich hörte der Vater, was der Sohn eigentlich fragen wollte. Er ließ den kleinen Jungen auf seinem Schoß sitzen und sagte: „Du musst keine Angst haben. Wir sind hier sicher. Unser Haus wird nicht ausgebombt werden. Wir sind in Sicherheit, und wir werden alles nur Menschenmögliche tun, um dafür zu sorgen, dass auch andere Familien sicher sind.“ Daraufhin wurde der kleine Junge friedlich, denn genau das war die Zusicherung, um die sein Herz gebeten hatte.
Hören wir die Dinge, die unsere Kinder uns mitzuteilen versuchen? Es ist, wie dem Dao zuzuhören. Wie lange sollten wir unsere Babys stillen? Zu welcher Uhrzeit sollten unsere Teenager wieder zu Hause sein, wenn sie eine Verabredung haben? Um diese Fragen beantworten zu können, müssen wir den Rhythmen des Lebens lauschen und ihnen Aufmerksamkeit schenken. Genauso wie wir lernen, unserer Ein- und Ausatmung gewahr zu sein, können wir lernen zu spüren, wie tief unsere Kinder wachsen wollen. So wie wir in der Meditation lernen, zu vertrauen und loszulassen, können wir lernen, Vertrauen in unsere Kinder zu entwickeln, so dass sie sich selbst vertrauen können.
Doch einige von uns sind verwirrt angesichts der Tatsache, dass Kinder sowohl Abhängigkeit als auch Unabhängigkeit benötigen, und statt ihnen zuzuhören, hetzen wir sie ungeduldig vorwärts.
Stattdessen können wir lernen, mit Geduld und Achtsamkeit zuzuhören, denn das ist das Herzstück sowohl der Elternschaft als auch unserer spirituellen Praxis.
Das Prinzip des Respekts
Alle Wesen auf der Erde – Ihre Pflanzen, Kollegen, Geliebte, Kinder – gedeihen durch Respekt; sie blühen auf, wenn man ihnen Achtung entgegenbringt.
Eine Geschichte über Respekt
Eine Familie ließ sich zum Abendessen in einem Restaurant nieder. Die Kellnerin nahm die Bestellung bei den Erwachsenen auf und wendete sich dann dem siebenjährigen Jungen zu. „Was möchtest du haben?“ fragte sie. Der Junge schaute sich schüchtern am Tisch um und sagte dann: „Ich hätte gern einen Hot Dog.“ – „Nein“, unterbrach die Mutter, „keinen Hot Dog. Bringen Sie ihm Hackbraten mit Kartoffelbrei und Karotten.“ – „Möchtest du Ketchup oder Senf auf deinem Hot Dog?“ fragte die Kellnerin. „Ketchup“, sagte er. „Kommt gleich“, sagte die Kellnerin und machte sich auf den Weg in die Küche. Es gab ein erstauntes Schweigen am Tisch. Schließlich schaute der Junge auf seine Familie und sagte: „Wisst ihr was? Sie denkt, es gibt mich wirklich!“
Eine andere Form von Respekt zeigt sich darin, wie wir die Grenzen und Begrenzungen festsetzen, die unserem Kind angemessen sind. Als Eltern können wir auf eine respektvolle Weise Grenzen setzen, mit einem mitfühlenden „Nein“ und einer Erklärung dafür, warum etwas nicht angemessen ist.
Wenn wir als Kinder selbst keinen Respekt erfahren haben, kann es sein, dass wir ein solches Loch in unserem Geist haben, dass wir Therapie und spirituelle Praxis benötigen, um wieder ganz zu werden. Es könnte sein, dass wir erst selbst wieder Respekt erlernen müssen, bevor wir unsere Kinder mit Respekt behandeln oder ihnen Selbstachtung vermitteln können. Kinder sind sich bewusst, wie wir sie behandeln, aber sie sind sich auch bewusst, wie wir uns selbst und unseren Körper behandeln und wie wir unsere eigenen Gefühle achten. Ist es in Ordnung für uns zu weinen, einander zu berühren, traurig oder wütend zu sein?
Das Prinzip der Integrität
Kinder lernen über das Beispiel, das wir ihnen geben, darüber, wer wir sind und was wir tun. Sie beobachten uns und das, was wir durch die Art und Weise kommunizieren, wie wir Auto fahren, über andere sprechen und Menschen auf der Straße behandeln.
Eine Geschichte über Integrität
Ein alter Seemann gab das Rauchen auf, als sein Lieblingspapagei einen chronischen Husten entwickelte. Er fürchtete, der Pfeifenrauch könnte der Gesundheit seines Papageis schaden. Er ließ den Vogel von einem Tierarzt untersuchen. Nach gründlicher Untersuchung schloss der Tierarzt, dass der Papagei keine Krankheit der Atemwege habe. Er habe lediglich den Husten seines Pfeife rauchenden Besitzers imitiert.
So lernen Kinder. Wir lehren sie durch unser Sein. Sind wir ruhig oder aufgewühlt, sind wir ungeduldig oder verzeihen wir? Schüler fragten einmal den tibetischen Meister Kalu Rinpoche: „Zu welchem Zeitpunkt sollten wir unseren Kindern Meditation und spirituelle Praxis vermitteln?“ Er sagte: „Woher wisst ihr, dass Ihr ihnen diese Dinge überhaupt vermitteln solltet? Macht euch nicht die Mühe. Was eure Kinder lernen müssen, ist das, was ihr darüber vermittelt, wer ihr seid. Wichtig ist nicht, dass ihr ihnen eine spirituelle Praxis mitgebt, sondern dass Ihr Eure eigene macht.“
„Kinder lernen, was sie leben“
Aus einer ähnlichen Geisteshaltung heraus hat Dorothy Law Noble ein Gedicht mit dem Titel „Kinder lernen, was sie leben“ geschrieben:
Wenn Kinder mit Kritik leben, lernen sie zu verurteilen.
Wenn Kinder mit Feindseligkeit leben, lernen sie zu kämpfen.
Wenn Kinder mit Spott leben, lernen sie, schüchtern zu sein.
Wenn Kinder mit Beschämung leben, lernen sie, sich schuldig zu fühlen.
Wenn Kinder mit Toleranz leben, lernen sie, geduldig zu sein.
Wenn Kinder mit Ermutigung leben, lernen sie, Selbstvertrauen zu haben.
Wenn Kinder mit Anerkennung leben, lernen sie, Wertschätzung zu üben.
Wenn Kinder mit Fairneß leben, lernen sie, gerecht zu sein.
Wenn Kinder mit Akzeptanz und Freundschaft leben, lernen sie,
Liebe in dieser Welt zu finden.
Wenn wir unseren Kindern diese Art von Respekt und Integrität entgegenbringen wollen, dann müssen wir unser Tempo verlangsamen, uns Zeit für unsere Kinder nehmen und an ihrem Leben teilhaben. Wenn Sie kein eigenes Kind haben, dann freunden Sie sich mit dem Kind eines Nachbarn an oder helfen Sie den Kindern in einer Flüchtlingsfamilie in Ihrer Gemeinde. Häufig meinen wir, dass wir zu beschäftigt seien oder dass wir länger arbeiten sollten, um mehr Geld zu verdienen – es besteht ein großer sozialer Druck, zu arbeiten und zu produzieren. Wir sollten darauf nicht hereinfallen! Wir sollten uns vielmehr die Zeit nehmen, unsere Kinder zu begleiten, mit ihnen zu spielen und ihnen vorzulesen.
Das Prinzip der Liebende Güte
Das zentrale Bild in Buddhas Lehre von der Liebenden Güte ist eine Mutter, die „ihr geliebtes Kind hält und beschützt“. Entwickeln Sie Liebende Güte sich selbst, Ihren Kindern und allen Wesen auf der Welt gegenüber.
Viele von uns versuchen, ihre Kinder mit Disziplin zu kontrollieren, indem sie sie beschämen, sie schlagen und ihnen Schuld zuweisen. Aber wenn wir uns zur Meditation hinsetzen, dann sehen wir, wieviel Schmerz solche Anschuldigungen in uns selbst verursacht haben. Wir finden sehr viel Verurteilung, Scham und Beschimpfungen in uns selbst vor, wann immer wir versuchen, uns still hinzusetzen. Wie hart wir mit uns selbst umgehen! Wir wurden nicht mit dieser Härte geboren, sondern haben sie von unseren Eltern und der Schule gelernt. „Du kannst nicht gut malen“, hat man so vielen von uns gesagt. Und so hörten wir auf, die wunderschönen Bilder zu malen, die jedes Kind malen kann, und wir haben seit der dritten Klasse kein Bild mehr gemalt. Wie traurig ist es, wenn ein Kind, anstatt Liebende Güte zu empfangen, herabgesetzt und beschämt wird.
Wir leben in einer Gesellschaft, die auf vielfache Weise vergessen hat, wie wir unsere Kinder lieben und unterstützen können, und die die grundlegenden Werte der Elternschaft verloren hat. Wie uns einige Dritte-Welt-Kulturen vor Augen führen, brauchen wir nicht noch mehr Kindertagesstätten und noch mehr Geld, sondern wir müssen den Respekt, die Fürsorge und die Liebe für unsere Aufgabe als Eltern wiedergewinnen.
Elternschaft gibt uns die Chance, uns selbst mit Liebe zu erstaunen
Wir alle haben die Geschichten von Müttern und Vätern gehört, die Übermenschliches getan haben, um ihre Kinder zu retten. Ich habe in der Zeitung von einer doppelseitig gelähmten Mutter gelesen, deren Tochter in einen Swimmingpool gefallen war. Die Mutter rollte ihren Rollstuhl in den Pool, packte irgendwie ihr Kind, zog es an die Seite des Pools und harrte dann Stunden dort aus, bis jemand kam, um beide herauszuholen.
Kinder können diese Art von Liebe in uns zum Vorschein bringen. Sie lehren uns, dass das, worauf es im Leben wirklich ankommt, die Liebe selbst ist.
Mutter Teresa sagte einmal: „Wir können keine großen Dinge in diesem Leben tun, wir können lediglich kleine Dinge mit großer Liebe tun.“ Indem wir die Elternrolle für unsere eigenen Kinder und die Kinder um uns herum übernehmen, indem wir andere Eltern und unsere Schulen unterstützen, können wir diese Liebe zurückgewinnen beziehungsweise wiederherstellen. Der Buddha hat gelehrt, dass die einzige Art und Weise, wie wir uns bei unseren Eltern und all den Generationen vor uns für das Gute, das sie uns getan haben, revanchieren können, darin besteht, unseren Eltern, unseren Kindern und allem Leben den Dharma weiterzugeben, also auch Respekt, Integrität, Gewahrsein, Wahrheit und Liebende Güte.
Wenn wir in einer humanen Gesellschaft leben wollen, dann müssen wir die hungrigen Kinder nähren, den frierenden Kindern Kleidung geben und uns um all unsere Kinder mit Respekt, Liebender Güte und Integrität kümmern. Wir müssen uns um jedes Kind so kümmern, als wäre er oder sie ein Buddha.
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Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe: Heft Januar 2007




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