Was für ein Vater will ich sein?
Aktualisiert: vor 4 Tagen

Vaterschaft ist eine der großen Rollen, die ein Mann im Leben spielen kann. Zuerst einmal ist sie eine ganz persönliche Rolle, die insbesondere vor dem Hintergrund der eigenen Kindheitserfahrungen, der Liebes- und Leidensgeschichte mit Vater und Mutter zuwächst, sowie aus dem Kontext der Paarbeziehung, die man eingegangen ist. Sie ist aber auch eine gesellschaftlich bedeutsame Rolle. Dieser Aspekt tritt heute zunehmend ins Bewusstsein angesichts schwindender Geburten- und steigender Scheidungsraten. Die Krise der Familie und Notstände in der Kinderbetreuung lassen die Fragen nach gelungener Vaterschaft brennend erscheinen.
Eine intakte Gesellschaft braucht Väter, soviel lässt sich leicht begreifen. Dass die unsere zunehmend keine findet, wirft ein kennzeichnendes Licht auf sie zurück. Ein brauchbares Vaterbild lässt sich kaum in Übereinstimmung mit den vorherrschenden Trends der Gesellschaft entwickeln, eher schon in Abgrenzung zu denselben. Leistung, Wettbewerb, Konsum und Spaß sind Attribute einer Gesellschaft, die die Fragen nach der Bedeutung und Verantwortung des Mensch-Seins weitgehend beiseite geschoben hat und einem fast ausschließlich materiell definierten Freiheitsbegriff frönt.
In solch einem seelisch „ausgetrockneten“ Feld besteht die Herausforderung für jeden einzelnen darin, sich seiner eigenen inneren Werte bewusst zu werden und Wege zu finden, sie zu leben. Aber wie sollen wir das bewerkstelligen, wo doch unsere eigenen Kindheitserfahrungen oft genug von der überwiegenden oder gar vollständigen Abwesenheit des Vaters geprägt sind?
Sicher machen wir es uns zu einfach, wenn wir die Vorstellungen der Gesellschaft unhinterfragt akzeptieren und die Institutionalisierung der Kindheit sorglos weiter befördern. Wir stellen unser eigenes Fortkommen nicht in Frage, obwohl wir Grund genug dazu hätten. Was nähren wir im Inneren? Fragen wir uns, was unsere Kinder sich wünschen? Geben wir uns selbst und ihnen den Raum, von Herzen zu schauen und unsere Entscheidungen danach zu finden? Wenn wir uns die wichtigen Fragen nicht stellen, so werden wir unausweichlich das Vergangene wiederholen, die vorherrschenden Trends weiter verstärken.
Bewusste Vaterschaft beginnt mit ehrlichen Fragen
Wir könnten innehalten und uns fragen:
Wie sah meine eigene Kindheit aus, welche Beziehung hatte ich zu meinem Vater?
Wie hätte ich sie mir gewünscht?
Welches Vaterbild habe ich verinnerlicht, welches würde ich mir wünschen zu verkörpern?
Wie finde ich die Wege dorthin?
Was braucht mein Kind?
Wenn wir bereit sind, uns einzulassen, finden wir die Antworten. Unvoreingenommene, anteilnehmende Aufmerksamkeit lässt die subtilen Botschaften, die uns der Kontakt mit unseren Kindern und uns selbst vermittelt, als Wissen zu Tage treten.
Ich kann auch versuchen, mich selbst mit den Augen meiner Tochter oder meines Sohnes zu sehen:
Wen sehe ich, was sehe ich? Was empfinde ich und was wünsche ich mir dann?
Solche Fragen können unser konditioniertes Verhalten durchleuchten und die unbewussten Verhaltensmuster, die wir aus unserer Herkunftsfamilie mitgebracht haben erkennbar machen. Wir lernen zu sehen, dass der Mangel an Liebe und Mitgefühl, den wir selbst vielleicht erlebt haben, die Geschichte und das Resultat des Leidens von Generationen sind, in denen Männer die Sehnsucht nach Nähe zum Vater mit dem Verlust ihrer Zartfühligkeit bezahlen mussten. Ein wesentlicher Grund, warum wir immer so weiter machen ist unsere Unachtsamkeit gegenüber dem eigenen Schmerz. In dem Maße, wie es uns gelingt, den Schmerz als Erfahrung anzunehmen, werden wir frei für eine neue Weise da zu sein. Wenn wir die weibliche Seite in uns leben lassen, kann Vaterschaft uns eine Nähe zu unseren Kindern, einen Gefühlsreichtum und ein Glück schenken, von dem wir immer schon geträumt haben.
Traditionell gibt es das Bild der Mutter als der Nährenden, die Nähe, Wärme, Geborgenheit schenkt. Dem Gegenüber steht das Bild des Vaters als des Ernährers, der für das materielle Wohlergehen sorgt. Wir leben in einer Zeit, in der Frauen in wachsender Zahl und erfolgreich den „männlichen“ Part übernehmen.
Warum sollte das uns Männern umgekehrt nicht auch gelingen?
Gewinnen können dabei beide Seiten und vor allem unsere Kinder!
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Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe: Heft Januar 2007



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