Väter, Großeltern und die vielfältigen Ausformungen der Liebe – was Familienbegegnungen uns lehren
Aktualisiert: vor 4 Tagen

Wie oft lernen wir im Leben durch leidvolle Erfahrungen? „Ausschließlich“, sagen einige weise Menschen – und meistens ist es wohl auch so. Dennoch habe ich die Erfahrung gemacht, dass man in wachen Augenblicken sich eine gewisse Portion Leid ersparen kann, wenn man als neutraler Beobachter sich dem Leben um uns herum zuwendet. Denn nicht nur wir selbst, alle Wesen haben mal mehr, mal weniger anstrengende Lerneinheiten zu bewältigen. Und so kommt es, dass ich manchmal den Eindruck habe, als ob das Leben eine Bühne sei, auf dem verschiedene Rollenspiele stattfinden. Wenn ich in bestimmten Situationen achtsam bin, spielen andere für mich ein Lehrstück, das mir die große Portion eigenen Leids „erspart“. Aber natürlich ist es auch so, dass bestimmte Dinge von außen betrachtet klarer zu erkennen sind. Und wann erlebt man schon den eigenen Stress aus der Vogelperspektive? Nun ja, wir arbeiten dran, nicht wahr?
Aber ich möchte hier gern von einer Begebenheit berichten, in der ich Beobachterin eines solchen „Bühnenstückes“ sein konnte und nicht nur eine Antwort, sondern gleich „Antwort-Angebote“ für mehrere offene Fragen in meinem Leben geschenkt bekam.
Ich hatte wieder einmal Fred O. Donaldson zu einem Wochenend-Workshop nach Lüneburg einladen dürfen und es war Sonntag, die letzte Stunde vor dem Ende der Veranstaltung. Wer selbst einmal an einem Workshop zum „Ursprünglichen Spiel“ teilgenommen hat, weiß, dass zum Schluss alle Angehörigen der Teilnehmenden eingeladen sind, mit Fred und den Workshopteilnehmerinnen und -teilnehmern zu spielen. Es waren viele gekommen, viele Kinder und auch Großeltern waren dabei – es war voll!
Großeltern und Eltern...
Ich selbst saß an der Seite und ließ das ganze Treiben auf mich wirken. Plötzlich wurde mein Blick auf eine Szene am Rande des Geschehens gelenkt. Ein junges Elternpaar, Teilnehmer des Workshops, kniete auf der Matte und hielt die Arme einladend in Richtung der kleinen, vielleicht zweijährigen Tochter. Selbige stand an der Tür zur Halle, an der Hand des Großvaters, der neben seiner Frau auf der Bank saß. Es waren die Eltern des jungen Vaters, die das Wochenende über auf das kleine Mädchen aufgepasst hatten.
Da saßen sie nun und beobachteten das bunte Spiel der vielen Menschen. Ich erkannte die Großmutter als die Frau, mit der ich vor dem Seminar über eine Stunde telefoniert hatte. Sie und ihr Mann waren von ihrem Sohn gefragt worden, ob sie nicht auch einmal an solch einem Workshop teilnehmen wollten. Sie interessierte sich für die Veranstaltung, von der ihr Sohn so begeistert erzählt hatte. Er war bereits bei zwei vorigen Workshops dabei gewesen. Und nun wollte sie doch gern mehr erfahren, rief mich an und wir hatten ein wunderbares Gespräch über Gott und die Welt und vor allem übers Elternsein. Ich beneidete ihren Sohn um seine Eltern, die er sehr schätze, das wusste ich, und die ihn anscheinend mit viel Achtsamkeit ins Leben begleitet hatten.
Spannungen zwischen Generationen und Familienkonzepten
Zurück in die Halle: Ich hörte, wie der Großvater bemerkte, dass er diese Art von Miteinander kennen würde – oft hätte er so mit seinen Kindern gespielt. Dann plötzlich veränderte sich die Situation. Spannungen entstanden. Der junge Vater robbte auf seinen Knien zu seiner Tochter und nahm das erfreute Mädchen auf seinen Arm. Dann robbte er mit der Tochter auf dem Arm zurück auf die Matte – an den Rand des Getümmels. Die Kleine fing zu weinen an und streckte Hilfe suchend die Arme in Richtung Großeltern. Der junge Vater war erbost. Er beschuldigte seine Eltern, dass seine Tochter nur nicht „mitspielen“ wolle, weil sie, die Großeltern, einfach auf der Bank säßen und sich nicht auf das Spiel in der Halle einließen.
Jetzt wurde es interessant. Die Großmutter schlug ihrem Mann vor, es doch einmal zu wagen und mit auf die Matte zu krabbeln. Der Großvater wurde nun etwas fester im Ton und erklärte, er wisse ganz genau, warum die Kleine nicht kommen wolle. Es sei ihr einfach zu voll, sie hätte Angst und er würde nicht mit auf die Matte kommen und stattdessen jetzt mit der Kleinen die Halle verlassen. Das Mädchen beruhigte sich sofort, als der Großvater sie an die Hand nahm und die Halle verließ. Und die Großmutter? Sie begab sich auf die Matte zu ihrem konsternierten Sohn, berührte ihn vorsichtig und lud ihn zum Spiel ein! Was für eine reiche Lerneinheit für mich! Fast wäre ich aufgestanden und hätte mich bei allen Beteiligten mit Handschlag bedankt!
Noch nie hatte ich so deutlich vor Augen geführt bekommen, dass…
a)
…gerade begeisternde Konzepte eine so große Gefahr bergen, einfach übergestülpt zu werden und diese Menschen dann, eben umhüllt von einem Konzept, nicht mehr in Kontakt sein können. Selbst mit Menschen nicht, die ihnen so nah stehen, wie kaum ein anderer.
b)
…es gut ist, wenn Väter anders sind als Mütter. Wie oft hatte ich innerlich die Hände überm Kopf zusammengeschlagen, weil mein Mann sich manchmal so ganz anders den Kindern gegenüber verhielt, als ich das in den Situationen getan hätte. Und ich muss gestehen, ich bin ihm oft in den Rücken gefallen, was ihn verständlicherweise erbost hat. In dieser Situation in der Halle zeigte sich für mich der Reichtum der Verschiedenheit so deutlich. Es war schön, dass beide vor Ort waren und sie mit ihren jeweiligen Qualitäten den verschiedenen „Kindern“ das geben konnten, was sie brauchten.
c)
…es auch möglich ist, dass eine auf den ersten Blick „unharmonische“ bzw. eine nicht für alle Beteiligten harmonische Entscheidung genau die richtige sein kann. Natürlich ist das klar, aber ich war damals noch in einem besonders großen Harmoniebedürfnis gefangen.
d)
…es auch in Familien zu Brüchen und Missverständnissen kommen kann, in denen offensichtlich auch im Erwachsenenalter noch gute Beziehungen zwischen Kindern und Eltern existieren.
e)
…Liebe so unendlich viele Ausdrucksformen haben kann.
Nach all den Jahren habe ich dieses Erlebnis immer noch ganz deutlich vor Augen und bin dankbar über den Segen, der mir da zuteil wurde. Und ich frage mich, wie oft das Leben wohl diese Lehrstücke für mich schon bereitgehalten hat und ich sie einfach nicht wahrgenommen habe. Mein Mann war jedenfalls sehr erfreut, als ich ihm berichten konnte, dass nun Hoffnung besteht, dass ich ihn so sein lasse, wie er ist – und er ist ein toller Vater!
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Erschienen in der Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“, Ausgabe: Heft Juli 2010


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