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Von Kindern lernen – was Kinder uns über das Leben, das Staunen und das Wesentliche zeigen

2. Apr. 2012
7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 4 Tagen

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Wir leben in einer Zeit, in der es dringend notwendig wird, in einer neuen Art mit Kindern zu leben. Bisher haben wir unsere Kindheit meist aus dem falschen Blickwinkel gesehen. Wir haben sie mit den Augen unserer Vorfahren betrachtet, die uns eine Perspektive vermittelt haben, die vielleicht irgendwann einmal für sie passend gewesen ist. Die heutige Generation hat die Chance, die Nabelschnur zur Vergangenheit durchzuschneiden. Kinder sind gottähnliche Wesen – keinesfalls nur kleine Menschen mit denen wir gedankenlos umgehen. Kinder existieren in einem Zustand des Staunens – dem natürlichen Zustand des Seins…

Unser aller Leben verläuft in so geregelten Bahnen und wir sind ständig derart mit vernünftigen Angelegenheiten beschäftigt, dass wir normalerweise nicht die Zeit finden, all das zu sehen, was uns eigentlich erreichbar wäre – in allen Lebensbereichen. Und genau was diese Dinge anbelangt, können wir von Kindern lernen. Wir sprechen von ihnen als gottähnliche Kreaturen, aber es besteht kein Grund, deshalb entmutigt zu sein, denn die folgenden Ausführungen sollen zeigen, dass diese Gott-Ähnlichkeit völlig normal ist und nichts, vor dem man sich scheuen müsste. Die Veränderungen, die sich heute schon in der Welt vollziehen, sind so aufregend und voller Magie, dass wir nur gewinnen können, wenn wir sie den Kindern und uns selbst nahe bringen. Das neue Wissen um den besonderen Zauber eines Kindes vermittelt auch, wie höchst sensibel und schön es ist. Wir werden einige der Eigenschaften des Magischen erfassen, um sie an die Kinder und uns weiterzugeben; vielleicht erkennen wir sie auch in uns wieder, denn in Wahrheit sind wir alle noch Kinder.

Schutz vor den eigenen Händen?

In alten Erzählungen wird berichtet, dass Kinder gleich nach der Geburt fest in Tücher gewickelt wurden. Man glaubte gemeinhin, einem Kind die Möglichkeit verwehren zu müssen, seine Hände zu gebrauchen, denn man wollte es auf diese Weise vor Augen- oder Gesichtsverletzungen bewahren. Durch das Einwickeln sollte das Kind auch daran gehindert werden, seine Genitalien zu berühren, denn dies wurde in jedem Alter als schlechte Angewohnheit betrachtet, und besonders dann, wenn das Kind erst ein paar Wochen alt war! Es gab viele Rechtfertigungen für solchen Zwang – so hieß es, dass die Wärme des Urins durch die Wickeltücher gestaut und so Windelausschlag verhindern würde. Doch in Wirklichkeit war die wichtigste, oft uneingestandene Absicht die, den Willen des Kindes zu brechen. Bei manchen Kindern mag dies erst der Anlass zu einer Rebellion gewesen sein.

Dem Kind die magische Welt verschließen

Auf diese Weise begannen die Erwachsenen das Leben eines Kindes so, wie sie es auch weiterhin zu bestimmen gedachten – durch Verhinderung. Der merkwürdigste Aspekt besteht in der zugrunde liegenden Annahme, dass die Hände des Kindes nur Schaden anrichten könnten. Das ist in etwa so, als behaupte man, eine Blume treibe Blätter um sich selbst zu ersticken. Auch das Einschnüren der Füße kleiner Mädchen in China war eine andere bekannte Quälerei unter dem Vorwand, der Schönheit zu dienen. Heute tun wir unseren Kindern solche Dinge nicht mehr an, aber wir tun ihnen anderes an, das vielleicht nicht so offensichtlich nach Quälerei aussieht. Es ist aber ebenso wirksam, um den Kindern die sie umgebende magische Welt zu verschließen. So ist die in unseren Augen normale Vorstellung von Kindern die, dass sie unter unserer Kontrolle zu stehen haben, und wir kontrollieren sie, weil wir meinen, genau das tun zu müssen.

Das Zauberwesen Kind

Nach der Geburt des Kindes und während der ersten vier bis sieben Jahre seines Lebens und nur während dieser einzigen Periode des Lebens besteht ein Unterschied in der Art und Weise wie das Kind funktioniert und der, nach der es den Rest seines Lebens funktionieren wird, wenn man es der üblichen Erziehung unterzieht. Doch Kinder können Erwachsenen, solange sie in ihrem Naturzustand träumerisch verharren etwas ganz Außergewöhnliches bieten; und heute, am Ende dieses Jahrtausends scheint es eine neue Generation von Kindern zu geben, wo dies noch offensichtlicher wird. Unser erster Blick auf dieses Zauberwesen Kind bewirkt den Entwurf einer allgemeinen Theorie, die später vielleicht in die Praxis umgesetzt werden kann. Gleichzeitig können wir die Art und Weise, wie wir Kinder gemeinhin sehen, untersuchen und vielleicht eine neue Sicht schaffen – aus einem anderen Blickwinkel.

Ein Exkurs zum Tierreich

Tiere haben in ihrem zentralen Nervensystem angeborene Strukturen, die auf die natürliche oder besondere Umgebung, in der sie leben, abgestimmt sind. Der Gestaltpsychologe Wolfgang Köhler bezeichnete diese Strukturen als "isomorph". Durch diese eingebauten Strukturen verfügt das Tier von Geburt an über eine Beziehung und Anpassung an seine Umgebung. Mit anderen Worten, ein im afrikanischen Dschungel geborenes Löwenjunges wird sofort wissen, wie es sich dort zu verhalten hat, was es fressen muss, wie es sich vor Hitze schützen kann, was die verschiedenen Laute und Gerüche anzeigen. Dieser Prozess muss nicht erlernt werden und ist bei der Geburt abgeschlossen. Es ist beinahe so, als ob das Löwenjunge geradewegs in eine vorgegebene Geschichte trottet und den Verlauf von Anfang an genau kennt. Daraus folgt auch, dass das Junge in Verwirrung gerät, wenn es in eine nicht artgerechte Umgebung geboren wird, und dass es dann aus Desorientierung und Unsicherheit leichte Beute seiner Jäger werden kann. Die hilfreichen Isomorphe sind chemisch gesteuerte biologische Strukturen im Körper, die auf alles abgestimmt sind, was der natürlichen Existenz dieses Tieres entspricht. Das Löwenjunge ist daher in der ihm gemäßen Umgebung dem Leben gewachsen. Und wir können im Grunde sagen, dass das Tierkind Leben ist. Diese Isomorphe, auch bekannt als angeborene auslösende Mechanismen (AAMs), sind geschlossen: Das Tier hat keine Wahlmöglichkeit. Es ist entweder in Übereinstimmung mit seiner Umgebung oder es stirbt.

Erfahrung führt zu unerschütterlicher Gewohnheit

Zusätzlich zu diesen geschlossenen Mechanismen gibt es noch andere AAMs, deren Funktionsweise von bestimmten Erfahrungen abhängt. Diese Mechanismen sind offen, das heißt, sie warten darauf, dass etwas passiert. Und am bedeutsamsten dabei ist die Tatsache, dass die ursprüngliche Prägung – das erste Mal – definitiv wird, und dass die innere Reaktion, die für diese irreversible Festlegung benötigt wird, weniger als eine Minute dauert. Mit anderen Worten, sobald das Tier eine Erfahrung gemacht hat und dieser Eindruck im Organismus verarbeitet worden ist, bleibt diese Reaktion eine unerschütterliche Gewohnheit. Sie ist wie eine gespeicherte Computerinformation – eingeprägt in die unbewusste Gedächtnisstruktur des Tieres und von da an fixiert für den Rest seines Lebens. Als typisches Beispiel können Revieransprüche gelten – durch die AAMs weiß das Tier, dass es nicht im Revier einer anderen Gruppe der gleichen Art herumstreunen darf. Viele solcher Reaktionen haben ihren Ursprung in der drohenden Todesgefahr. Auch wir Menschen besitzen diese Mechanismen.

Die Unterschiede zwischen Menschenkindern und Tierjungen

Tiere werden mit der Fähigkeit geboren, beinahe sofort mit dem Leben fertig zu werden. Das Tierkind braucht nur sehr wenig Anleitung von seinen Eltern, um in der Welt überleben und darin gut zurechtkommen zu können. Das Menschenkind hingegen ist in den ersten Jahren in vielerlei Hinsicht hilflos und hängt weitestgehend von den Erwachsenen ab – in seiner ganzen Existenz. Jede Erfahrung, jede Begebenheit, mit der das Kind in diesen frühen Jahren konfrontiert wird, setzt aufgrund dieser inneren Mechanismen die Muster fest für das Verhalten in seinem späteren Leben. Und weil das Kind so viel verletzlicher ist als das Tier, sind sowohl die Zeitspanne wie auch die Intensität dieser prägenden Phase weit größer. Eltern stehen etwa zwölf Jahre zur Verfügung, um die AAMs des Kindes zu prägen – da kommen viele Verhaltensmuster zusammen. Allerdings sind diese Muster nicht so unwiderruflich feststehend wie beim Tier. Wissenschaftler und Mediziner, die sich mit den Unterschieden von Mensch und Tier bei der Geburt beschäftigt haben, hat vor allem auch die Frage bewegt, warum die Menschen scheinbar so sehr im Nachteil sind. Liegt der Grund nur in ihrer aufrechten Haltung? Vielleicht hat diese unnatürliche Stellung für die Natur ein Problem geschaffen, das sie noch nicht gelöst hat. Oder liegt der Grund darin, dass der menschliche Kopf für das Becken der Mutter unverhältnismäßig groß ist? Die Kopfgröße des Kindes verdoppelt sich im ersten Lebensjahr. So werden wir also hilflos geboren – und ganz eindeutig mit wesentlichen Unterschieden zum Tier. Den Tierjungen werden die offenen AAMs eingeprägt, wenn die Eltern sie mit den Gefahren durch die Feinde bekannt machen. Tiere werden recht unvermittelt erwachsen, und das Spielen und Balgen der Kindheit hat nach der Zeit der Prägung ein Ende.

Das Menschenkind ist viel sensibler und länger unreif

Die Sinnesnerven des Kindes, die in der Wirbelsäule verlaufen, sind ungleich zahlreicher als beim Tier, und die bloße Tatsache unserer Nacktheit schafft ein viel größeres Spektrum an Reaktionen, Empfindungen und Stimulationen, als wenn wir durch ein Fell geschützt wären. Unser Gesicht verfügt über erstaunlich viele Ausdrucksmöglichkeiten durch eine Vielzahl von Muskeln und Nerven, die diese Beweglichkeit ermöglichen. So kann das Menschenkind in viel flexiblerer Weise auf die erlebten Ereignisse und Erfahrungen eingehen. Der bedeutsamste Unterschied zwischen Tier und Mensch ist aber wahrscheinlich die Unreife selbst, die ihren Grund in der größeren menschlichen Intelligenz bzw. der größeren Begabung hat. Zu dieser Erkenntnis hat der Tierpsychologe Konrad Lorenz eine der sinnträchtigsten Beschreibungen der menschlichen Natur gegeben: „Jede Untersuchung, die die Menschheit vorgenommen hat, entsprang der Neugier, es war eine Art von Spiel. Alle Fakten der Naturwissenschaften, die zur Beherrschung der Natur durch den Menschen geführt haben, wurden bei Aktivitäten entdeckt, die man lediglich zum Vergnügen begonnen hatte. Als Benjamin Franklin aus dem Schwanz seines Drachens Funken zündete, dachte er genauso wenig an den Blitzableiter wie Hertz an die Radioübertragung, als er elektrische Schwingungen untersuchte. Jeder, der einmal bei sich selbst festgestellt hat, wie leicht die kindliche Wissbegierde beim Spiel zum Lebenswerk eines Naturwissenschaftlers führen kann, wird niemals an einer grundlegenden Ähnlichkeit zwischen Spiel und wissenschaftlicher Untersuchung zweifeln. Das wissbegierige Kind hat mit der durch und durch tierhaften Natur des Schimpansen nichts mehr zu tun. Doch im Manne ist das Kind keineswegs verschüttet, so wie Nietzsche denkt. Im Gegenteil, es bestimmt ihn vollständig.“

Zu früh geboren

Das Kind wird also in gewisser Hinsicht zu früh geboren und verfügt über viel mehr Reaktionsmöglichkeiten und eine viel stärkere Sensibilität als das Tier. Das Kind benötigt Fürsorge über einen viel längeren Zeitraum als das Tier. Aber auch das Kind verfügt über AAMs – die Strukturen der Umwelt – und die offenen Strukturen. Ein Kind muss sich in seine Umgebung einpassen und die für diese Übereinstimmung notwendigen Muster übernehmen; und wenn es plötzlich im Amazonasurwald überleben muss oder, was unserem westlichen Lebensstil eher entspricht, nur in das benachbarte Dorf zieht, verliert es die Orientierung. Ein Menschenkind fühlt sich bereits dann verirrt und verwirrt, wenn es nur von der Mutter getrennt wird. Zweifellos kennen die meisten von uns den panischen Gesichtsausdruck des Kindes, wenn die Mutter plötzlich weggeht, und in einem überfüllten Supermarkt verschwindet. Doch auch diese durch die Umwelt bestimmten Strukturen können neu besetzt werden, so dass ein Kind nicht sein ganzes Leben lang die Angst vor ständigen Ortswechseln behalten muss. Gemäß dem modernen wissenschaftlichen Verständnis besitzt unser winziges, neugeborenes Kind eine gleichsam ungeprägte Platte, auf der nur einige sehr alte und primitive Mechanismen gespeichert sind, und die nun von der Welt geprägt werden will. Dies ist jedoch eine zu grobe Vereinfachung des wahren kindlichen Potentials sein, denn von einem stärker unvernünftigen und weniger wissenschaftlichen Standpunkt aus ist das Kind alles andere als eine leere Scheibe.

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Erschienen in der Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“, Ausgabe: Heft Januar 2005

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