Die Welt mit den Augen des Kindes sehen
Aktualisiert: vor 5 Tagen

Kennen Sie "Perspektivenübernahme"? Das ist ein hilfreiches Werkzeug, wenn wir die Welt mit unseren Kindern gemeinsam erforschen wollen. Sie hilft uns, herauszufinden, was wirklich los ist. Durch sie bekommen wir Informationen, die uns helfen können, mehr in die Tiefe zu gehen, statt nur auf das Verhalten des Kindes zu reagieren und sie macht uns geduldiger gegenüber den Launen unserer Kinder.
Perspektivenübernahme ist etwas, was wir unsere Kinder lehren wollen, jedoch ist es auch unerlässlich, dass wir die Perspektive unserer Kinder einnehmen. Dies ist in sich ein bedeutender Perspektivenwechsel. Wir können einem Kind helfen, sich den Blickwinkel eines anderen vorzustellen, doch als Eltern muss unsere oberste Priorität darin bestehen, sich vorzustellen, wie die Dinge aus dem Blickwinkel des Kindes aussehen. Das sollten wir nicht nur tun, um ein Vorbild für diese Fähigkeit zu geben – wir sollten es tun, weil es ein Eckpfeiler guter Erziehung ist. Punkt.
Im Grunde genommen ist Perspektivenübernahme ein gemeinsamer Nenner vieler Dinge, auf die ich in Liebe und Eigenständigkeit hingewiesen habe. So werden beispielsweise die Auswirkungen von Strafen – etwa dass sie den Blick der Kinder vor allem darauf lenken, nicht erwischt zu werden – viel offensichtlicher, wenn wir die Situation mit den Augen desjenigen sehen, der bestraft wird. Dasselbe gilt dafür, wie es sich auswirkt, wenn zwei Eltern eine einheitliche Front bieten oder wenn Verhaltensweisen, die uns gefallen, mit positiver Verstärkung belohnt werden. Die negativen Auswirkungen dieser Dinge sind weniger überraschend, wenn wir uns vorstellen, wie sie sich für das Kind darstellen.
Es kommt auf das Gefühl des Kindes an
Wir lehren Kinder ständig irgendetwas, doch um herauszufinden, was wir sie lehren, hilft es, die Perspektive des Kindes einzunehmen. Denken Sie daran: Forschungen zufolge ist die Botschaft, die beim Kind ankommt – und nicht die, die wir zu senden glauben – entscheidend für die Auswirkungen unseres Handelns. Daher kommt es darauf an, ob Kinder das Gefühl haben, bedingungslos geliebt zu werden, ob sie glauben, die Chance zu haben, Entscheidungen zu treffen, und so weiter.
Nehmen wir ein konkreteres Beispiel:
Vielleicht meinen wir es nur gut, wenn wir einem Teenager, der zu spät nach Hause kommt, sagen, er habe das Abendessen verpasst. Wir glauben, die Lektion, die er lernen soll, laute: "Das nächste Mal bist du dann vielleicht pünktlicher und rücksichtsvoller."
Aber er hört dagegen möglicherweise: "Es interessiert sie nicht, warum ich so spät komme oder was in meinem Leben los ist. Es würde zwei Minuten dauern, mein Essen aufzuwärmen, aber ihnen ist es lieber, wenn ich hungrig bleibe. Offenbar sind ihnen ihre blöden Regeln wichtiger, als dass es mir gutgeht… Bin ich es nicht wert, dass sie sich um mich kümmern?"
Das Thema der Perspektivenübernahme zieht sich auch durch die Empfehlungen, die ich in dem Buch gegeben habe. „Kinder ernstnehmen“ bedeutet, sie als Menschen mit einem eigenen Blickwinkel anzusehen. „Weniger zu reden und mehr zu fragen“ ist eine Möglichkeit, mehr darüber zu erfahren, wie sie die Welt sehen. Und sobald wir dies tun, sobald uns bewusst wird, dass das, was wir verlangen, aus ihrer Perspektive vielleicht viel weniger einleuchtend erscheint, müssen wir vielleicht „unsere Forderungen überdenken“, statt bloß zu versuchen, sie durchzusetzen.
Auf die Bedürfnisse des Kindes achten
Auch habe ich empfohlen, dass wir, wenn wir auf einem Befolgen unserer Forderungen bestehen müssen, deutlich sagen sollten, dass wir verstehen, was das Kind dabei empfindet. Und falls ein Sturm losbricht, können wir wirkungsvoller reagieren, wenn wir die Perspektive des Kindes einnehmen: Was ist es für ein Gefühl, die Kontrolle verloren zu haben, und wie können wir angesichts dessen helfen?
Perspektivenübernahme hilft Eltern, auf die Bedürfnisse ihrer Kinder zu achten und mehr darüber zu erfahren. Forscher haben festgestellt, dass Eltern, die dies tun, weniger dazu neigen, das Thema Kontrolle bei der Definition ihrer Beziehung in den Mittelpunkt zu rücken oder Strafen einzusetzen. Bei Kindern zwischen zwei und 15 Jahren in drei verschiedenen Ländern haben wir Beweise dafür, dass es wirklich hilft, wenn Eltern versuchen, sich in die Sicht des Kindes hineinzuversetzen. Nur wenig, was Eltern tun, hat ähnlich positive Auswirkungen wie das Bemühen, sich auszumalen, wie unsere Kinder das, was wir tun und sagen, erleben.
Perspektivenübernahme ist in dreifacher Hinsicht nützlich
Perspektivenübernahme hilft uns, herauszufinden, was wirklich los ist, vor allem, wenn ein Kind uns seine Motive nicht erklären kann oder will, so dass wir nicht voreilig eine falsche Vermutung anstellen – und mit einer Strafe reagieren.
Durch Perspektivenübernahme bekommen wir Informationen, die uns helfen können, mehr in die Tiefe zu gehen, statt nur auf das Verhalten des Kindes zu reagieren. Auf diese Weise können wir eine Strategie entwickeln, um die zugrunde liegenden Schwierigkeiten anzugehen.
Perspektivenübernahme macht uns geduldiger gegenüber den Launen von Kindern. Wenn wir die Welt sehen, wie sie sie sehen, werden wir eher freundlich und respektvoll reagieren, als wenn wir die Situation nur von außen betrachten. Dies trägt dazu bei, dass die Kinder ein gutes Selbstwertgefühl entwickeln und sich bei uns sicher, mit uns verbunden und von uns geschätzt fühlen.
Einen anderen Standpunkt einzunehmen fällt vielen Menschen schwer
Wenn ein Säugling schreit, versuchen sicher die meisten von uns, herauszufinden, was ihn quält. Doch vielleicht sind wir weniger dazu bereit, uns in die Welt eines älteren Kindes hineinzuversetzen, das brüllt und mit den Füßen stampft. Hier ist unser erster Impuls vielleicht, zu schimpfen und Kontrolle auszuüben, statt das Kind verstehen zu wollen. Paradoxerweise ist es jedoch gerade bei den Situationen, in denen wir am wenigsten zur Perspektivenübernahme bereit sind, besonders wichtig, dies zu tun. Wenn man es nicht schafft, den eigenen Blickwinkel zu verlassen, fällt es schwerer, zuzuhören und einzugestehen, dass man das Geschehen berechtigterweise auch anders verstehen kann, und es fällt schwerer zu erkennen, wie der Kampf, der wahrscheinlich ausbricht, hätte vermieden werden können. Je mehr man in seiner eigenen Sicht gefangen bleibt, umso eher ist man versucht, auf Zwang zurückzugreifen – und umso schlimmer wird die Lage.
Eine fehlende Perspektivenübernahme durch die Eltern kann viele Formen annehmen. Im beunruhigendsten Fall kann sie einem völligen Abtun dessen, was Kinder empfinden oder dem Versuch, ihnen unser Erleben aufzudrängen (wie bei dem Klassiker: "Mir ist kalt. Geh dir einen Pullover anziehen."), gleichkommen oder dazu führen. Häufiger kommt es vor, dass wir einfach nicht zur Kenntnis nehmen, wie sehr sich ihre Welt und ihre Sorgen von unseren unterscheiden. Als meine Tochter fünf Jahre alt war, schilderte sie mir einmal sehr ausführlich ihre Sorgen angesichts der Möglichkeit, dass sie, wenn sie zu Halloween (was noch Monate entfernt war) ein Kostüm mit Maske trüge, vielleicht nicht gut genug durch die Augenschlitze würde sehen können, um sicher sein zu können, dass sie nicht versehentlich eine Süßigkeit äße, die ihr nicht schmeckte.
Das Letzte, was ein Kind brauchen kann, ist die Mitteilung, seine Sorgen seien albern. Das gilt ganz besonders, wenn ein Kind schluchzt. In unseren Augen weinen kleine Kinder oft wegen Nichtigkeiten, aber für sie sind es alles andere als Nichtigkeiten: Was zu dem Gefühlsausbruch geführt hat, ist für sie sehr wichtig. Wir empfinden den Ausbruch als entnervend – und, wenn er in der Öffentlichkeit stattfindet, als peinlich –, doch wir scheinen zu vergessen, dass dieses Erlebnis für das Kind quälend sein kann und nicht nur ein bloßes Ärgernis ist.
Ja, es ist manchmal schwer, Eltern zu sein. Aber es kann noch viel schwerer sein, ein Kind zu sein.
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Erschienen in der Zeitschrift "Mit Kindern wachsen", Ausgabe: Heft Oktober 2010
Aus:
"Liebe und Eigenständigkeit – Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung" von Alfie Kohn
Wir danken dem Autor für die Abdruckgenehmigung. Weitere Informationen zu Alfie Kohns Arbeit finden sie auf seiner englischsprachigen Website <a href="http://www.alfiekohn.org/index.php">alfiekohn.org</a>.




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